Suche

Friedenspreis 1999

Fritz Stern

Der Stiftungsrat Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat den deutsch-amerikanischen Historiker Fritz Stern zum Träger des Friedenspreises 1999 gewählt. Die Verleihung fand am 17. Oktober 1999 in der Frankfurter Paulskirche statt. Die Laudatio hielt Bronislaw Geremek.

Begründung der Jury

Der Buchhandel ehrt den amerikanischen Historiker Fritz Stern, der seit langem die schwierige Geschichte Deutschlands, seines Geburtslandes, aus dem er vertrieben wurde, erforscht, erklärt und darlegt. Er hat dem Frieden gedient, indem er Brücken des Verständnisses zwischen den Zeiten und den Völkern errichtete, und hat die stets umstrittene historische Präsenz der Juden in der deutschen Politik und Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft in seinem Lebenswerk ausgewogen dargestellt. Zu Fragen der deutschen Gegenwart hat er immer wieder wegweisend Stellung genommen.

Preisverleihung

Reden

Roland Ulmer
Grußwort des Vorstehers

Die Geschichte ist in Fritz Sterns Augen ein Instrument, das die Menschen lehren soll, einander zu verstehen, obwohl er weiß, dass Geschichte auch Hass gebären kann.

Bronisław Geremek - Laudatio
Bronisław Geremek
Laudatio

Wir können aus der Vergangenheit lernen, auch dass der Gang der Geschichte offen ist, dass er von Menschen gestaltet wird. Der Glaube an historische Zwangsläufigkeit ist ein gefährlicher Irrtum. Er verführt zur Passivität.

Fritz Stern - Dankesrede
Fritz Stern
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1999

+ + + Das Massaker an 45 Kosovo-Albanern am 16. Januar 1999 durch Einheiten der serbischen Sonderpolizei ruft in aller Welt Empörung hervor. Der NATO-Rat ordnet Luftangriffe gegen Ziele in Serbien an. Nach Scheitern von Friedensverhandlungen unternimmt Serbien im März eine großangelegte Offensive gegen die kosovo-albanische Untergrundarmee UCK. Die NATO beginnt mit Luftangriffen, bei denen bis Juni mehr als 10 000 Bomben auf jugoslawische Ziele abgeworfen werden. Am 9. Juni akzeptiert Präsident Slobodan Miloševiæ die Kapitulationsforderungen der NATO. + + +


+ + + Am 20. April töten zwei schwerbewaffnete Jugendliche in einer Schule in Littleton / USA einen Lehrer und zwölf Schüler, weitere 28 Schüler werden verletzt. Nach dem Massaker werden in den USA die Schutzmaßnahmen in den Schulen verstärkt, eine Verschärfung der Waffengesetze bleibt trotz ähnlicher Bluttaten aus. + + + Im Mai wählt die Bundesversammlung Johannes Rau zum achten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. + + + Der Bürgerkrieg in Afghanistan spitzt sich im August dramatisch zu. Angesichts einer neuen Flüchtlingswelle und der Zwangsumsiedlung Tausender von Familien durch die radikal-islamischen Taliban appelliert der Iran an die Vereinten Nationen, dem »Massenmord« in Afghanistan ein Ende zu setzen. + + + Bei einer Volksabstimmung in Ost-Timor entscheidet sich im September eine Mehrheit für die Unabhängigkeit von Indonesien. In den folgenden Tagen kommt es zu einem Massaker fanatischer pro-indonesischer Milizionäre an Tausenden ihrer Mitbürger. + + + Am 25. Dezember beginnen russische Truppen mit einer Offensive zur Eroberung der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Eine Woche später gibt der russische Präsident Boris Jelzin seinen Rücktritt bekannt. Seine Amtsgeschäfte übergibt er noch am selben Tag seinem Wunschnachfolger Wladimir Putin.+ + +

Biographie Fritz Stern

Fritz Stern wurde am 2. Februar 1926 in Breslau geboren und emigrierte mit seinen Eltern jüdischer Abstammung 1938 in die Vereinigten Staaten. 1947 nahm er die amerikansiche Staatsbürgerschaft an. Seit seinem 13. Lebensjahr ist Fritz Stern in New York zu Hause. Dort studierte er an der Columbia University, seiner „Geistigen Heimat“, an der er - nach kurzer Lehrtätigkeit an der Cornell University - seit 1953 tätig war.


Er gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen amerikanischen Historiker. Ihn beschäftigte vor allem die politisch-kulturelle Entwicklung Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Früh führte ihn der Weg nach Deutschland zurück, wo er erstmals 1954 und dann mehrfach Gastprofessor an verschiedenen Universitäten war.
Im Jahre 1987 wurde er als erster Ausländer eingeladen, im Deutschen Bundestag die Rede zum Gedenken an den 17. Juni 1953 zu halten. 1993/94 war er in Bonn Berater des damaligen amerikanischen Botschafters Richard Holbrooke. Fritz Stern hat mehrere wichtige Werke, vor allem zur deutschen Ideen- und Machtgeschichte geschrieben. 1963 erschien sein inzwischen klassisches Buch „Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland“. Nach umfassenden Quellenstudien folgten, zugleich in englisch und deutsch, 1977/78 Sterns Untersuchungen über das wichtige Verhältnis zwischen Bismarck und seinem Bankier Gerson Bleichröder unter dem Titel „Gold und Eisen“ (erweiterte Neuauflage 1999). 1988 erschien auf deutsch die Essay-Sammlung „Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht“ (erweiterte Neuauflage 1999), 1996 die Essay-Sammlung „Verspielte Größe“.

Im Herbst 2009 erschienen „Das feine Schweigen“ im Verlag C.H. Beck sowie in englischer Sprache „Einstein's German World“ bei der Princeton University Press.

Fritz Stern ist am 18. Mai 2016 in New York verstorben.

Auszeichnungen

2013 Volkmar und Margret Sander Prize
2009 Marion Dönhoff Preis
2008 Internationaler Brückepreis


2007 Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums Berlin
2006 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland mit Stern und Schulterband
2005 Deutscher Nationalpreis
2004 Leo-Baeck-Medaille
2004 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland mit Stern
1999 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1996 Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen
1994 Pour le mérite für Wissenschaft und Künste
1988 Mitglied der American Philosophical Society
1984 Dr.-Leopold-Lucas-Preis, zusammen mit Hans Jonas
1976 Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1969 Aufnahme in die American Academy of Arts and Sciences

Bibliographie

Zu Hause in der Ferne. Historische Essays

Aus dem Englischen von Andrea Stumpf, C.H. Beck Verlag, München 2015, ISBN 9783406682964, Gebunden, 222 Seiten, 19.95 EUR

Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerung

Aus dem Amerikanischen von Friedrich Griese, C.H. Beck Verlag, München 2007, ISBN 9783406558115, Gebunden, 674 Seiten, 29.90 EUR

Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland

Aus dem Amerikanischen von Alfred P. Zeller, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2005, Neuausgabe, ISBN 9783608941364, Gebunden, 490 Seiten, 24.50 EUR

Laudator Bronisław Geremek

Bronisław Geremek, geboren am 6. März 1932 in Warschau als Sohn eines Rabbiners, studiert Geschichte an der Universität Warschau und in Paris.


Nach seiner Promotion im Jahre 1960 beginnt er eine wissenschaftliche Laufbahn an der Polnischen Akademie der Wissenschaften. 1973 habilitiert er in mittelalterlicher Geschichte. 1980 gehört Bronisław Geremek zum Beraterkreis von Lech Walesa, dem Führer der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnoœæ. Mehrmals wird er nach der Verhängung des Kriegsrechtes 1981 verhaftet und interniert. 1989 nimmt er an den Runden-Tisch-Gesprächen teil und wird im gleichen Jahr für die Solidarnoœæ ins Parlament gewählt, wo er sich als Vorsitzender des Ausschusses für Außenpolitik und Verfassungsfragen besonders für den Beitritt Polens zur Europäischen Union einsetzt. Anfang der 90er Jahre unterbricht er seine politische Laufbahn und übernimmt den Europa-Lehrstuhls am Collège de France in Paris. Nach seinem Beitritt zur bürgerlich-reformatischen Freiheitsunion zieht er 1997 erneut ins Parlament ein und wird von 1997-2000 polnischer Außenminister. Seit 2004 sitzt Geremek als Abgeordneter der liberalen Partei Partia Demokratyczna im Europäischen Parlament. Bronisław Geremek hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten und ist seit 2002 Mitglied im Orden pour le mérite. 1998 wurde ihm der Karlspreis der Stadt Aachen verliehen. Bronisław Geremek verstarb am 13. Juli 2008.