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Friedenspreis 2022

Serhij Zhadan

Der Stiftungsrat hat den ukrainischen Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan zum Friedenspreisträger des Jahres 2022 gewählt. Die Verleihung findet am Sonntag, 23. Oktober 2022, in der Frankfurter Paulskirche statt und wird live um 10.45 Uhr in der ARD übertragen.

Begründung der Jury

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2022 Serhij Zhadan. Wir ehren den ukrainischen Schriftsteller und Musiker für sein herausragendes künstlerisches Werk sowie für seine humanitäre Haltung, mit der er sich den Menschen im Krieg zuwendet und ihnen unter Einsatz seines Lebens hilft.

In seinen Romanen, Essays, Gedichten und Songtexten führt uns Serhij Zhadan in eine Welt, die große Umbrüche erfahren hat und zugleich von der Tradition lebt. Seine Texte erzählen, wie Krieg und Zerstörung in diese Welt einziehen und die Menschen erschüttern. Dabei findet der Schriftsteller eine eigene Sprache, die uns eindringlich und differenziert vor Augen führt, was viele lange nicht sehen wollten.

Nachdenklich und zuhörend, in poetischem und radikalem Ton erkundet Serhij Zhadan, wie die Menschen in der Ukraine trotz aller Gewalt versuchen, ein unabhängiges, von Frieden und Freiheit bestimmtes Leben zu führen.

Biographie

Serhij Zhadan, geboren am 23. August 1974 in Starobilsk im Gebiet Luhansk der (damaligen Sowjetrepublik) Ukraine, ist Schriftsteller, Übersetzer und Musiker. Er zählt zu den wichtigsten, innovativsten und bekanntesten Stimmen der ukrainischen Gegenwartsliteratur. Sein vielgestaltiges literarisches Werk setzt sich aus Romanen, Gedichten, Erzählungen, Reportagen und Essays zusammen und widmet sich insbesondere der Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion sowie dem seit 2014 in der Ukraine herrschenden Krieg. Schauplätze seiner Texte sind in erster Linie die Stadt Charkiw und die Ostukraine, für die er sich auch sozial und kulturell engagiert und angesichts des aktuellen Kriegs humanitäre Hilfe leistet. Obwohl in einer überwiegend russischsprachigen Gegend aufgewachsen, schreibt Zhadan auf Ukrainisch. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und haben internationale Preise erhalten. Am 23. Oktober 2022 erhält der Schriftsteller den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.


In Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, studiert Zhadan Literaturwissenschaft, Ukrainistik sowie Germanistik und promoviert 1996 mit einer Arbeit zum ukrainischen Futurismus. Er lehrt zunächst als Dozent an der Universität und beginnt dann als freischaffender Schriftsteller zu arbeiten. Schon Anfang der 1990er Jahre veröffentlicht er erste Gedichte, organisiert Literatur- und Musikfestivals und prägt die junge Kulturszene der Stadt. In seinen frühen literarischen Werken, wie in dem Romandebüt »Depeche Mode« (2007, Orig. 2004), setzt er sich mit der postsowjetischen Umbruchszeit auseinander und beschreibt den Versuch der Menschen, sich neu zu verorten. Sein dritter Roman »Die Erfindung des Jazz im Donbass« (2012, Org. 2010), eine Art Road-Novel, spielt im Industrierevier Donbass, das mit surrealen Elementen und einer anarchischen Erzählweise poetisch aufgeladen wird. Vor dem Hintergrund dieser fantastischen Landschaft begibt sich der Protagonist auf die Suche nach Heimat in einer zunehmend entgrenzten Welt. Die BBC wählt den Text 2014 zum »Buch des Jahrzehnts«.

In seinem 2015 auf Deutsch erschienene Roman »Mesopotamien« (Orig. 2014) porträtiert Zhadan in einer Melange aus Prosa und Lyrik seine Heimatstadt Charkiw, die im Buch als modernes Babylon erscheint. Zwei Flüsse trennen das ‚Zweistromland‘ in Ober- und Unterstadt. Während Krieg und Gewalt schwelen, kämpfen die hier lebenden Menschen um die eigene Existenz, sie werden getrieben von ihrer Sehnsucht nach Liebe, die sie der Hoffnungslosigkeit und dem Tod entgegensetzen.

Zhadans jüngster Roman »Internat« (2018, Orig. 2017), dessen Übersetzung mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, erzählt vom Krieg im Donbass. Hauptfigur ist ein Lehrer, der durch das Kriegsgebiet im Donezbecken reisen muss, um seinen Neffen aus dem Internat abzuholen. Sein Weg führt durch ein apokalyptisches Szenario. Im dichten Nebel gerät er immer wieder zwischen die Frontlinien und wird mit der Frage konfrontiert, ob man im Krieg neutral bleiben kann.

In seinen Gedichten und Erzählungen – beginnend mit dem Lyrikband »Die Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts« (2006, Orig. 2003) über »Hymne der demokratischen Jugend. Erzählungen« (2009, Orig. 2006) bis hin zu den empfindsamen Gedichten in »Antenne« (2020, Orig. 2018) – beweist Serhij Zhadan eine Vielstimmigkeit, die auch von seiner Nähe zur Musik geprägt ist. Punk und Poesie treffen aufeinander. Im Zentrum aber stehen immer die Menschen, vor allem die sogenannten Underdogs, die Unscheinbaren in ihrer Unterschiedlichkeit und Individualität. Sein konkreter, expressiver Ausdruck wird von der Kritik dabei genauso gelobt wie der zuweilen ironische Ton oder die dokumentarische Genauigkeit, die in seinen Texten zu finden sind.

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Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit übersetzt Zhadan auch Lyrik aus dem Deutschen, Englischen, Belarussischen sowie aus dem Russischen. So überträgt er unter anderem die Gedichte Paul Celans und Charles Bukowskis ins Ukrainische. Darüber hinaus verfasst Zhadan Songtexte für verschiedene Rockbands, unter anderem für die Band »Zhadan & Sobaki« (»Zhadan und die Hunde«), mit der er seit 2007 als Sänger Musik macht. Nach der russischen Annexion der Halbinsel Krim 2014 und der Besetzung des Donbass reist er mit der Band durch das ukrainische Kriegsgebiet und spielt Konzerte für die Soldaten. Hatte er sich 2004 als Aktivist an der Orangenen Revolution beteiligt und 2013 die landesweiten Maidan-Proteste sowie die pro-europäische Bewegung unterstützt, so begleitet er seit Ausbruch des Kriegs 2014 humanitäre Hilfsgütertransporte in die Ostukraine. Er initiiert außerdem ein Projekt, das Bibliotheken in den Regionen Donezk und Luhansk mit Büchern versorgt und gründet 2017 eine Stiftung (Serhiy Zhadan Charitable Foundation), um Bildungs- und Kulturinitiativen in diesem Landesteil zu fördern.

Auch im Jahr 2022, nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, setzt Zhadan sein kulturelles Engagement und seine humanitäre Hilfe fort: Er lebt weiterhin in Charkiw, spielt Konzerte in Metrostationen, holt Menschen aus stark umkämpften Vierteln heraus, liest Gedichte und verteilt Hilfsgüter in der Stadt. Seine in mehrere Sprachen übersetzten Artikel über die Situation in der Ukraine sind aktuelle Zeitdokumente darüber, wie die dort lebenden Menschen im Angesicht von Gewalt und Bedrohung versuchen, ihren Alltag zu organisieren.

Auszeichnungen

2022 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
2022 Hannah-Arendt-Preis Bremen
2022 Freiheitspreis der Frank-Schirrmacher-Stiftung
2022 EBRD Literature Prize (zusammen mit den Übersetzer*innen Reilly Costigan-Humes und Isaac Stackhouse Wheeler)
2018 Preis der Leipziger Buchmesse für die Übersetzer*innen Juri Durkot und Sabine Stöhr von „Internat“
2017 Vasyl-Stus-Preis des ukrainischen PEN-Zentrums


2015 Mitteleuropäischer Literaturpreis Angelus (Polen)
2014 Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis an Serhij Zhadan, Juri Durkot und Sabine Stöhr
2014 Schweizer Literaturpreis der Jan-Michalski-Stiftung
2009 Joseph Conrad-Korzeniowski Literary Prize
2006 Hubert Burda Preis für junge Lyrik
2002 Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis

Bibliographie

»Antenne. Gedichte«

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe Suhrkamp Verlag, Berlin 2020 (Orig. 2018), 144 Seiten, ISBN 978-3-518-12752-0, 14,00 €

»Internat. Roman«

Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr Suhrkamp Verlag, Berlin 2018 (4. Aufl. 2022, Orig. 2017), 300 Seiten, ISBN 978-3-518-42805-4, 22,00 €

»Warum ich nicht im Netz bin. Gedichte und Prosa aus dem Krieg«

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe Suhrkamp Verlag, Berlin 2016 (2. Aufl. 2022), 180 Seiten, ISBN 978-3-518-07287-5, 16,00 €

»Laufen ohne anzuhalten. Erzählung«

Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr Haymon Verlag, Innsbruck 2016 (2. Aufl. 2022), 28 Seiten, ISBN 978-3-7099-7263-2, 16,90 €

»Mesopotamien. Roman«

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr Suhrkamp Verlag, Berlin 2015 (3. Aufl. 2022, Orig. 2014), 362 Seiten, ISBN 978-3-518-42504-6, 22,95 €

Mehr anzeigen

»Die Erfindung des Jazz im Donbass. Roman«

Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr Suhrkamp Verlag, Berlin 2012 (4. Aufl. 2022, Orig. 2010), 394 Seiten, ISBN 978-3-518-42335-6, 24,00 €

»Totalniy Futbol. Eine polnisch-ukrainische Fußballreise«

Aus dem Ukrainischen von Lisa Palmes, Sabine Stöhr und anderen herausgegeben von Serhij Zhadan mit einem Fotoessay von Kirill Golovchenko. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 242 Seiten, ISBN 9783518062166, 18,00 €

»Big Mäc. Geschichten«

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe Suhrkamp Verlag, Berlin 2011 (Orig. 2011), 227 Seiten, ISBN 978-3-518-79670-2, 14,00 €

»Hymne der demokratischen Jugend. Erzählungen«

Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009 (2. Aufl. 2011, Orig.2006), 185 Seiten, ISBN 978-3-518-46217-1, 10,00 €

»Die Selbstmordrate bei Clowns. Erzählungen«

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe Mit Fotografien Jacek von Dziaczkowski Edition FotoTapeta, Berlin, Warschau 2009 (2. Aufl.), 192 Seiten, ISBN 978-3-940524-04-1, 19,80 €

»Anarchy in the UKR. Roman«

Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007 (2. Aufl. 2016, Orig. 2005), 217 Seiten, ISBN 978-3-518-12522-9, 12,00 €

»Depeche Mode. Roman«

Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007 (4. Aufl. 2022, Orig. 2004), 246 Seiten, ISBN 978-3-518-12494-9, 18,00 €

»Die Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts. Gedichte«

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006 (Orig. 2003), 96 Seiten, ISBN 978-3-518-12455-0, 9,00 €

Laudatorin Sasha Maria Salzmann

Sasha Marianna Salzmann, geboren 1985 in Wolgograd (Russland), wuchs in Moskau auf und kam 1995 nach Deutschland. Salzmann studierte Literatur, Theater und Medien in Hildesheim sowie Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. 2002 gehörte Salzmann zu den Mitbegründer*innen des Kultur- und Gesellschaftsmagazins freitext und gab dieses elf Jahre lang mit heraus. 2013 wurde Salzmann Hausautor*in am Maxim Gorki Theater Berlin und übernahm im selben Jahr bis 2015 die Künstlerische Leitung des STUDIO Я. Mit Max Czollek zusammen initiierte die Kurator*in den Desintegrationskongress 2016 sowie 2017 die Radikalen Jüdischen Kulturtage am Maxim Gorki Theater. Außerdem gehörte Salzmann 2017/2018 zum Leitungsteam der Literaturwerkstatt „Krieg im Frieden“ am Literarischen Colloquium Berlin.


Salzmanns Debütroman „Außer sich“ (Suhrkamp Verlag) stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2017. Erzählt wird von Alissa, die sich in der queeren Szene Istanbuls und in der eigenen Familiengeschichte auf eine Suche begibt: nach dem verschwundenen Zwillingsbruder und nach Zugehörigkeit jenseits von Herkunft, Muttersprache oder Geschlecht. Salzmanns zweiter Roman, „Im Menschen muss alles herrlich sein“, 2021 erschienen und ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert, spielt in der späten, zerfallenden Sowjetunion, in der Ukraine während der Perestroikajahre sowie im heutigen Deutschland und handelt von der unauflöslichen Verstrickung zweier Frauen-Generationen über politische Umbrüche und Auswanderung hinweg.

Im eigenen Werk bezieht sich Salzmann immer wieder auf die Texte Serhij Zhadans, der zu den literarischen Vorbildern der Autor*in zählt.  

Die beiden Romane sowie Salzmanns international gespielte Theaterstücke wurden mehrfach ausgezeichnet: unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis (2017), dem Nestroy-Theaterpreis (2018) und dem Kunstpreis Berlin (2020). Im Jahr 2020 erhielt die Autor*in die Ricarda-Huch-Poetikdozentur für „Gender in der literarischen Welt“, 2022 den Preis der Literaturhäuser.