Suche

Friedenspreis 2002

Chinua Achebe

Der Stiftungsrat Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat den nigerianischen Schriftsteller Chinua Achebe zum Träger des Friedenspreises 2002 gewählt. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 13. Oktober 2002, in der Paulskirche statt. Die Laudatio hält Theodor Berchem.

Begründung der Jury

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ehrt mit dem nigerianischen Schriftsteller Chinua Achebe eine der kräftigsten und zugleich subtilsten Stimmen Afrikas in der Literatur des 20. Jahrhunderts, einen unnachgiebigen Lehrer und Moralisten und vor allem einen großen Erzähler.


Er gilt unangefochten als Begründer der authentischen englischsprachigen Romantradition Westafrikas. Sein Stil ist stark geprägt durch die orale Erzählkunst seines Volkes, der er damit ein Denkmal setzt. Achebes zentrales Thema ist, Frieden in Regionen herzustellen, die einem permanenten Kulturkonflikt ausgesetzt sind.

Preisverleihung

Reden

Die Folgen des zumindest defizitären Afrikabildes, die Probleme, die nicht zuletzt aus der Geschichte des europäisch-afrikanischen Kulturkontaktes entstanden, werden nicht nur die Afrikaner, sondern auch uns noch lange begleiten. Daher werden auch wir uns – Europäer und Amerikaner – wie Chinua Achebe nicht müde wird, zu betonen – an die Geschichte erinnern müssen.

Theodor Berchem - Laudatio
Theodor Berchem
Laudatio

Wo aber in der Literatur konnte ich den Menschen begegnen, die mir aus meinem Dorf vertraut waren und die ich manchmal sogar bewunderte (und auch jenen, die ich nicht besonders mochte)? Deshalb beschloss ich, mich selbst im Schreiben zu versuchen, Figuren zu gestalten, die so waren wie die Menschen, die ich kannte. Und ich wollte sie weder besser noch schlechter darstellen, als sie wirklich waren. Es schien mir einfach eine Sache der Gerechtigkeit, dass ich versuchte, ihnen in meinen Erzählungen eine Heimat zu geben.

Chinua Achebe - Dankesrede 2002
Chinua Achebe
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 2002

+++ Mit der Ausgabe der Euro-Banknoten und Euro-Münzen in zwölf europäischen Ländern wird am 1. Januar 2002 die Währungsunion vollendet. +++ Im Februar beschließt der Bundesrat den Ausstieg aus der Atomenergie. Der sogenannte Atomkonsens sieht vor, dass das letzte der 19 deutschen Kernkraftwerke 2021 vom Netz geht. +++ Verteidigungsminister Scharping bestätigt Mitte Februar, dass deutsche Elitesoldaten schon seit Wochen an der Seite des US-Militärs in Afghanistan an Aktionen gegen die Terrororganisation Al-Qaida beteiligt sind. Al-Qaida bekennt sich auch zu einem Bombenanschlag auf eine Synagoge auf der tunesischen Insel Djerba, bei dem im April 19 Menschen getötet werden. +++


Im September, ein Jahr nach Nine-Eleven, den Anschlägen auf das World Trade Center, nennt Osama bin Laden in einem Video erstmals die Namen der Attentäter und preist ihre Taten. +++ Angesichts der Hungersnot in Simbabwe ruft Präsident Mugabe Ende April den Notstand aus. 600 000 Menschen sind bedroht. Die Politik der Vertreibung weißer Farmer hatte zu einem Zusammenbruch der Nahrungsmittelversorgung geführt. +++ Im August erreicht die »Jahrhundertflut« Dresden. Nach einer zweiten Flutwelle steigt der Wasserstand auf Rekordmarken. Die Katastrophe in der Elbregion fordert 20 Todesopfer. Der Schaden wird auf mehr als 20 Milliarden Euro geschätzt. +++ Im Konflikt mit dem Irak, das sich gegen die Inspektion seiner Waffen wehrt, sichert Deutschland im November den USA und anderen NATO-Staaten bei einem Angriff auf den Irak alle Überflug- und Transitrechte zu, will aber keine militärische Unterstützung gewähren. Aufgrund des außenpolitischen Drucks dürfen UN-Waffeninspekteure Ende des Jahres in den Irak einreisen, um nach atomaren, biologischen und chemischen Waffen zu suchen. +++

Biographie Chinua Achebe

Chinua Achebe, geboren am 15. November 1930 in Ogidi im Osten Nigerias als Sohn eines Katechisten und Lehrers der Church Missionary Society, gehört dem Volk der Igbo an. Nach dem Studium der Anglistik, Geschichte und Theologie am University College in Ibadan arbeitet er beim Rundfunk Nigerias, wo er 1961 zum Direktor des Auslandsdienstes »Voice of Nigeria« ernannt wird.
1958 erscheint mit Things Fall Apart der erste Roman Achebes, der seinen Weltruhm begründet und in mehr als 50 Sprachen übersetzt wurde.


In diesem und in den folgenden Romanen beschäftigt sich Achebe vor allem mit den Konflikten, in die das traditionelle Afrika durch den Kontakt zur modernen Welt gerät. Dabei gelingt es ihm, die mündliche Überlieferung als Teil der Erzählstruktur beizubehalten und so einen neuen literarischen Stil zu schaffen.

1966 legt er nach den Massakern an den Igbo sein Amt beim Rundfunk nieder. Als Sonderbotschafter Biafras in Europa und den USA wirbt er während des Biafra-Krieges (1967–70), der über einer Million Menschen das Leben kostet, um Unterstützung für den Freiheitskampf. Nach dem Krieg lehrt er an der nigerianischen Universität Nsukka und ab Mitte der 70er Jahre in den USA. 1971 gründet er die Literaturzeitschrift Okike, eine Plattform besonders für jüngere Autorinnen und Autoren und kritische Reflexion über die gesellschaftliche Rolle von Literatur.

Auch in die politische Diskussion greift Achebe immer wieder ein. Er kritisiert die Korruption, geht auf die Rivalität zwischen den verschiedenen Volksgruppen ein, verweist aber auch stets auf die hundertjährige Entmündigung, die das Land in der Kolonialzeit erfahren habe.

Chinua Achebe stirbt in der Nacht zum 22. März 2013 nach langer schwerer Krankheit im Alter von 82 Jahren in Boston.

Auszeichnungen

2010 Dorothy and Lillian Gish Prize
2007 Man Booker International Prize
2002 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels  


2002 American Academy of Arts and Sciences
1996 Campion Award des Bard College
1991 Langston Hughes Award for Literary Excellence der Lincoln University
1984 Commonwealth Foundation Award
1979 Order of the Federal Republic of Nigeria
1979 Nigerian National Merit Award
1975 The Lotus Prize
1972 Commonwealth Poetry Prize
1960 National Trophy for Literature

Bibliographie

Einer von uns. Roman

Aus dem Englischen von Uda Strätling, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, ISBN 9783596950232, Taschenbuch, 192 Seiten, 19.99 EUR

Wie man unsere Namen schreibt. Essays

Aus dem Englischen von Uda Strätling, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015, ISBN 9783596950201, Gebunden, 176 Seiten, 19.99 EUR

Alles zerfällt. Roman

Aus dem Englischen von Uda Strätling, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2012, ISBN 9783100005403, Gebunden, 236 Seiten, 19.99 EUR

Mehr anzeigen

Okonkwo oder Das Alte stürzt

Aus dem Englischen von Dagmar Heusler und Evelin Petzold, Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main, 12. Auflage 2004, 227 Seiten

Ein Bild von Afrika. Essays

Aus dem Englischen von Thomas Brückner, Petra Schreyer und Wulf Teichmann, Alexander Verlag, Berlin, 2. erweiterte Auflage 2002, 196 Seiten

Heimkehr in fremdes Land. Roman

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 194 Seiten

Der Pfeil Gottes

Mit einem Nachwort von Thomas Brückner. Aus dem Englischen von M. von Schweinitz, überarbeitet von Gudrun Honke, Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 2. Auflage 2002, 294 Seiten

Termitenhügel in der Savanne

Aus dem Englischen von Susanne Koehler, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1989, 260 Seiten

Zwölf Gedichte

(Sonderdruck zu Chinua Achebes 60. Geburtstag). Zeichnungen von Obiora Udechukwu, aus dem Englischen von Ulli Beier, herausgegeben von Ulli Beier und Heinrich Bergstresser, Bumerang-Verlag, Bayreuth 1990, 28 Seiten

Laudator Theodor Berchem

Theodor Berchem, 1935 geboren, studierte in Genf, Köln und Paris Romanistik, Anglistik und Slawistik. An der Pariser Sorbonne erwarb er 1961 den akademischen Grad eines Licencié ès lettres; 1963 promovierte er dort zum Dr. phil. und habilitierte sich 1966 für romanische Philologie.


Von 1967 an war er ordentlicher Professor für romanische Philologie an der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg und von 1976 bis 2003 ihr Präsident. Neben der Lehrtätigkeit und der wissenschaftlichen Arbeit engagierte sich Berchem vor allem in der Hochschulpolitik: Von 1983 bis 1987 war er Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz, seit 1988 ist er Präsident des weltweit tätigen Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Er hat sich beim Zusammenbruch der DDR besonders darum bemüht, die dortigen Wissenschaftler und Studierenden sofort in den internationalen Austausch mit einzubeziehen.