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Friedenspreis 1994

Jorge Semprún

Der Stiftungsrat hat den spanischen Schriftsteller Jorge Semprún zum Träger des Preises gewählt. Die Verleihung fand während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 9. Oktober 1994, in der Paulskirche statt. Die Laudatio hielt Wolf Lepenies.

Begründung der Jury

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein 1994 Jorge Semprún und ehrt damit den Schriftsteller und Europäer.


Jorge Semprún hat die europäische Geschichte dieses Jahrhunderts exemplarisch gelebt und literarisch gestaltet. Semprún war immer solidarisch genug, Gedanken nicht nur zu formulieren, sondern sie auch aktiv politisch umzusetzen.

Er fand den Mut, die Treue zu sich über die Treue zu Ideologien zu stellen.

Preisverleihung

Jorge Semprún verliest seine Dankesrede

Reden

Gerhard Kurtze
Grußwort des Vorstehers

Sich erinnernd, werden Sie zum Ankläger aller Totalitarismen. Von einem Schwarzweiß-Denken geheilt, das auf der einen Seite nur das Gute, auf der anderen nur das Schlechte wahrnimmt und wahrnehmen will, nennen Sie hinfort die Übel beim Namen – wo immer sie sich zeigen.

Wolf Lepenies - Laudatio auf Jorge Semprún
Wolf Lepenies
Laudatio

Das Problem des deutschen Volkes mit seinem historischen Gedächtnis hingegen betrifft uns Europäer alle ganz direkt. Das deutsche Volk ist nämlich seit seiner Wiedervereinigung – als Teil des sozialen und politischen, komplexen und schmerzhaften Prozesses, der aber voller Chancen für die demokratische Vernunft steckt, die besagte Wiedervereinigung impliziert –, Deutschland ist seitdem das einzige Volk Europas, das sich mit den beiden totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen kann und muß: dem Nazismus und dem Stalinismus.

Jorge Semprún - Dankesrede
Jorge Semprún
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1994

+++ Mitte Februar 1994 drohen die NATO-Staaten den Serben mit Luftangriffen, wenn sie nicht ihre schweren Geschütze im Umkreis von Sarajevo abziehen. Der Rückzug bewirkt eine zeitweilige Waffenruhe, die den Bewohnern der Stadt erstmals seit April 1992 eine Ruhepause verschafft. +++


In Kairo unterzeichnen im Mai Israels Ministerpräsident Yitzhak Rabin und der PLO-Vorsitzende Jassir Arafat ein Abkommen über die Autonomie der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten Gazastreifen und Jericho. Damit erreichen die Friedensbemühungen in Nahost ein wichtiges Etappenziel. Israel verpflichtet sich, seine Truppen zurückziehen und die Verwaltung der Gebiete einer palästinensischen Regierungsbehörde zu überlassen. An der israelisch-jordanischen Grenze unterzeichnen Rabin und sein jordanischer Amtskollege im Oktober einen Friedensvertrag, der den seit 1948 herrschenden Kriegszustand zwischen den beiden Ländern beendet. +++ Am 9. Mai wird Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt. Drei Wochen später wählt die deutsche Bundesversammlung als Nachfolger von Richard von Weizsäcker den bisherigen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Roman Herzog, zum neuen Bundespräsidenten. +++ Der UN-Sicherheitsrat stimmt im Juni einer Militärintervention Frankreichs in der vom Bürgerkrieg erschütterten ostafrikanischen Republik Ruanda zu, um Angehörige des geflüchteten Tutsi-Stammes vor Massakern durch die Hutu-Regierungstruppen zu schützen. Die Tutsi-Rebellen der oppositionellen Patriotischen Front Ruandas setzen sich militärisch im Bürgerkrieg in Ruanda durch und erklären den Krieg Mitte Juli für beendet. In diesem Krieg sind, nach Schätzungen internationaler Hilfsorganisationen, rund 500.000 Menschen zum Teil auf bestialische Weise ums Leben gekommen. +++

 

Biographie Jorge Semprún

Jorge Semprún, geboren am 10. Dezember 1923 in Madrid als Sohn eines Juraprofessors, gilt als einer der herausragenden Schriftsteller und Denker. Seine Familie muss 1936 vor den Truppen Francos aus Spanien nach Frankreich fliehen. Semprún, der an der Pariser Sorbonne Literatur und Philosophie studiert, schließt sich 1941 einer kommunistischen Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzung an. 1943 wird er von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Nach der Befreiung kehrt er nach Paris zurück, arbeitet als Übersetzer bei der UNESCO und beteiligt sich am Widerstand gegen das Franco-Regime.


Seit den 60er Jahren rückt das literarische Schaffen in den Mittelpunkt seines Lebens. 1963 erscheint sein erster, autobiographischer Roman Die große Reise, für den er gleich zwei Literaturpreise erhält. Schon in diesem Roman, in dem er den Transport von Gefangenen nach Buchenwald nachzeichnet, ist sein von Rückblenden und assoziativem Erinnern geprägter Stil zu erkennen, der auch in den folgenden Romanen wiederzufinden ist. Mit den Mitteln der Fiktion die Fakten erkennbar zu machen, ist seine von der Kritik hochgelobte literarische Intention.
1988 kehrt Semprún aus dem Pariser Exil nach Madrid zurück und wird überraschend von Felipe González zum Kulturminister ernannt. Er verliert jedoch 1991 sein Amt, nachdem er den Zweiten Golfkrieg als »gerechten Krieg« bezeichnet hat, und konzentriert sich wieder auf das Schreiben. Seine Essaysammlung Blick auf Deutschland (2003), in der auch die Rede vor dem Deutschen Bundestag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus abgedruckt ist, findet weithin Beachtung.

Jorge Semprún stirbt am 7. Juni 2011 im Alter von 87 Jahren in Paris. 

Auszeichnungen

2008 Medalla de Oro de Bellas Artes, Madrid
2006 Österreichischer Staatspreis für Europäische Literatur
2005 Bruno-Kreisky-Preis für das Gesamtwerk, Wien


2004 Literaturpreis der José-Manuel-Lara-Stiftung
2003 Goethe-Medaille
2002 Ovid-Preis, Rumänien
1999 Premio Nonino
1997 Jerusalem-Preis
1995  Weimar-Preis
1995  Literaturpreis der Menschenrechte
1994  Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1985 Lesezeichen-Preis
1977 Planeta-Preis
1969 Prix Femina
1964 Prix Formentor
1964 Literaturpreis der Résistance

Bibliographie

Überlebensübungen

Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, ISBN 9783518423844, Gebunden, 112 Seiten, 15.00 EUR

Was für ein schöner Sonntag!

Aus dem Französischen von Johannes Piron, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1983, ISBN 978-3-518-37472-6, Taschenbuch, 395 Seiten, 10.00 EUR

Die große Reise. Roman

Aus dem Französischen von Abelle Christaller, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1981, ISBN 978-3-518-37244-9, Taschenbuch, 238 Seiten, 10.00 EUR

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Laudator Wolf Lepenies

Wolf Lepenies, geboren am 11. Januar 1941 im ostpreußischen Deuthen (Allenstein), wächst nach dem Krieg in Koblenz auf. Das Studium der Soziologie und Philosophie schließt er 1967 in Münster mit der Dissertation »Melancholie und Gesellschaft« ab, die 1969 auch als Buch erscheint. 1970 habilitiert er sich an der Freien Universität Berlin.


Von 1977 an forscht Lepenies als Directeur d’études associé an der Pariser Maison des sciences de l’homme. Nach einem ersten Aufenthalt im Jahr 1979/80 wird er 1982 Mitglied der School of Science am renommierten Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey. Das Angebot, dort als Ständiges Mitglied zu bleiben, lehnt er ab und nimmt stattdessen 1984 eine Berufung an das Wissenschaftskolleg zu Berlin und ordentlicher Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin an.

Dem Institut in Princeton bleibt er durch regelmäßige Forschungsaufenthalte (zuletzt 2002-2004) verbunden. 1991/92 ist Lepenies Inhaber der Chaire européenne am Collège de France in Paris.

1986 übernimmt Wolf Lepenies als Nachfolger von Peter Wapnewski die Leitung des Wissenschaftskollegs zu Berlin, das 1981 auf Initiative des damaligen Wissenschaftssenators Peter Glotz mit dem Anspruch gegründet wurde, ein »Institut für Spitzenforschung und wissenschaftliche Begegnung« zu werden. Nach den Umbrüchen des Jahres 1989 erkennt er die Notwendigkeit, sich auf ein gemeinsames Lernen mit dem Osten einzulassen und die überkommenen westlichen »Belehrungsgesellschaften« wieder in fruchtbare »Lerngesellschaften« umzuwandeln.

Mit dieser Zielsetzung setzt er sich mit dem Wissenschaftskolleg in den 1990er Jahren für die Erneuerung und Stärkung lokaler Wissenschaftseinrichtungen im Ausland ein. So entsteht in einem europäischen Förderverbund mit dem Collegium Budapest das erste Institute for Advanced Study in Mittel- und Osteuropa – eine »einmalige europäische Erfolgsgeschichte« (Ralf Dahrendorf). Es folgen das New Europe College - ein multidisziplinäres Forschungszentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften in Bukarest - , die Bibliotheca Classica in St. Petersburg und das Centre for Advanced Study in Sofia. In Bamako, der Hauptstadt des westafrikanischen Mali, wird das Forschungszentrum Point Sud - Muscler le savoir local errichtet. Seit 1994 und bis zu seinem Abbruch mit der zweiten Intifada führt das vom Wissenschaftskolleg initiierte Forschungsprojekt »Europa im Nahen Osten« am Van Leer Institute in Jerusalem junge Deutsche, Israelis und Palästinenser zusammen.

Ebenfalls 1994 wird auf Initiative des Wissenschaftskollegs der internationale Arbeitskreis »Moderne und Islam« gegründet, der Sommerschulen in Ländern des Nahen Ostens veranstaltet und bis heute Islamwissenschaftler aus der ganzen Welt und Gelehrte aus muslimisch geprägten Ländern zu gemeinsamen Forschungsaufenthalten nach Berlin einlädt. Im gleichen Jahr hält Wolf Lepenies in der Frankfurter Paulskirche die Laudatio mit dem Titel »Was für ein schöner Sonntag!« auf den Träger des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Jorge Semprún.

2001 übergibt Wolf Lepenies sein Amt an der Spitze des Wissenschaftskollegs an Dieter Grimm und bleibt dort als »Permanent Fellow« und bis zu seiner Emeritierung 2006 als Professor an der Freien Universität engagiert.

Von 2000 bis 2004 ist er Autor bei der »Süddeutschen Zeitung«. 2004 übernimmt er einen Aufsichtsratsposten in der Axel Springer AG und publiziert seitdem exklusiv für die Blätter der »Welt«-Gruppe.

In seinen eigenen Forschungsarbeiten, die in viele Sprachen übersetzt werden, und für die er eine Reihe von Preisen und Auszeichnungen erhält, setzt sich Wolf Lepenies mit den Chancen und Grenzen intellektuellen Engagements auseinander. Mit seinen Werken »Melancholie und Gesellschaft« (1969) und »Das Ende der Naturgeschichte« (1976) liefert er wichtige Beiträge zum Selbstverständnis der Moderne. 1981 gibt er das vierbändige Werk »Geschichte der Soziologie« mit Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität dieser Disziplin heraus. Als sein Hauptwerk gilt die Studie »Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft« (1985) über die Entstehung der Sozialwissenschaften und ihre nationaltypischen Besonderheiten in England, Frankreich und Deutschland. In seinem Buch »Folgen einer unerhörten Begebenheit« (1992) zieht er eine Bilanz der Wiedervereinigung im Spannungsfeld von westdeutscher Überheblichkeit und ostdeutschem Ressentiment. Mit seiner Studie »Sainte-Beuve. Auf der Schwelle zur Moderne« (1997) über den französischen Literaturkritiker, den er als einen sein Leben lang auf der Schwelle zur Moderne verharrenden Intellektuellen beschreibt, findet er breite Aufmerksamkeit.

Die Ausdifferenzierung der akademischen Disziplinen während der letzten Jahrhunderte kennzeichnet Lepenies in seinem Buch »Benimm und Erkenntnis« (1997) als Prozess der »Entmoralisierung« und plädiert für die notwendige Rückkehr der Werte in die Wissenschaften. 2006 veröffentlicht er auf Englisch »The Seduction of Culture in German History«. Sein neuestes Buch »Kultur und Politik. Deutsche Geschichten« wird im Juli erscheinen. Im Herbst werden seine Vorlesungen am Collège de France unter dem Titel »Qu’est-ce qu’un intellectuel européen? La Politique de l’esprit« publiziert.

Geehrt wird Wolf Lepenies unter anderem mit dem Alexander-von-Humboldt-Preis für seine Verdienste um die deutsch-französische wissenschaftliche Zusammenarbeit (1984), Karl-Vossler-Preis (1998), Leibniz-Ring (1998), Joseph-Breitbach-Preis der Mainzer Akademie der Wissenschaften für sein Lebenswerk (1998), Theodor-Heuss-Preis gemeinsam mit Andrei Pleºu für ihr europa- und demokratiepolitisches Engagement (2000) sowie mit der Leibniz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (2003). 2006 erhält er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Wolf Lepenies ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Fritz Thyssen Stiftung Köln, Mitglied der American Academy of Arts and Sciences, der Académie Universelle des Cultures (Paris), der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Academia Europaea, (London), des Aspen Institute (Berlin), der Deutschen Nationalstiftung, der Royal Swedish Academy of Sciences und der Royal Swedish Academy of Literature, History and Antiquities (beide Stockholm). Er ist Ehrendoktor der Pariser Sorbonne, Offizier der Französischen Ehrenlegion, Inhaber des Offizierskreuzes des Verdienstordens der Republik Ungarn und Kommandeur des schwedischen Königlichen Nordsternordens.

Wolf Lepenies ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Berlin.