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Friedenspreis 1962

Paul Tillich

Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt 1962 den Theologen Paul Tillich zum Träger des Friedenspreises. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 23. September 1962, in der Paulskirche zu Frankfurt statt. Die Laudatio hält Otto Dibelius.

Begründung der Jury

Dem Theologen und Philosophen Paul Tillich dankt der deutsche Buchhandel für ein Leben geduldigen Strebens zur Wahrheit, der er erkennend, lehrend und bezeugend diente. 
In einem Jahrhundert, das mit der menschlichen Existenz oftmals frevelhaft spielt, hat er unbeirrt auf Sinn, Ursprung und Grenze des Seins hingewiesen und damit den Menschen Mut gemacht zum Frieden mit sich selbst, zum Frieden mit der Welt und zum Frieden mit Gott.
Der deutsche Buchhandel ehrt ihn voller Dankbarkeit durch die Verleihung des Friedenspreises.

Preisverleihung

Reden

Paul Tillich war einer der ersten nach dem Kriege, die uns den tiefen Urgrund aller Kultur wieder bewußt machten. In einer Zeit, in der kaum jemand einen auch nur vagen Eindruck von der Zukunft hatte, machte er uns deutlich, daß der Friede die Voraussetzung für die Rettung des Menschen ist.

Werner Dodeshöner - Grußwort
Werner Dodeshöner
Grußwort des Vorstehers

Paul Tillich hat für sein Lebenswerk gelitten. Er hat die Heimat, in der er mit allen Fasern seines Herzens und Denkens wurzelt, verlassen müssen und hat versuchen müssen, in einer anderen Welt von neuem Wurzel zu schlagen. Das ist für einen Mann der geistigen Arbeit ungefähr das schwerste Opfer, das ihm auferlegt werden kann.

Otto Dibelius - Laudatio auf Paul Tillich
Otto Dibelius
Laudatio

Friede ist möglich, wo Macht im Dienst eines echten Berufungsbewußtseins steht und das Wissen um die Wesensgrenze die Wirklichkeitsgrenzen in ihrer Wichtigkeit herabsetzt. Daß dieser Grundsatz der Politik nicht aufgenommen wurde, ist die Ursache für die deutsche Friedlosigkeit im 20. Jahrhundert.

Paul Tillich - Dankesrede
Paul Tillich
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1962

+ + + In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 wird Norddeutschland von der schwersten Flutkatastrophe seit 1855 heimgesucht; 330 Menschen sterben. + + + Adolf Eichmann wird am 31. Mai im Gefängnis Ramla nahe Tel Aviv hingerichtet. + + + Im Juli gewährt der französische Staatspräsident Charles de Gaulle Algerien die volle Autonomie. + + +


+ + + Mit der ersten Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Untersuchung über die Folgen des Schlafmittels »Contergan« wird im August eine der größten medizinischen Katastrophen bekannt. Die Einnahme des Mittels während der Frühschwangerschaft führt allein in der Bundesrepublik zu teils schweren Missbildungen bei etwa 5000 Neugeborenen. + + + Im Oktober steht die Welt am Rand eines Atomkrieges. Nachdem die UdSSR die USA vor einem Angriff auf Kuba warnt, da dies den Ausbruch des Dritten Weltkrieges zur Folge hätte, zeigen Fotos von Aufklärungsflügen, dass die Sowjetunion Raketenrampen auf Kuba aufbaut. US-Präsident Kennedy lässt sich auf eine Konfrontation der Supermächte ein. Die sowjetische Regierung gibt nach und transportiert die SS-5- Raketen wieder ab. + + + Nachdem Der Spiegel scharfe Angriffe gegen Bundesverteidigungsminister Strauß veröffentlicht und den kritischen Artikel »Bedingt abwehrbereit« über die Schlagkraft der Bundeswehr abdruckt, geht die Bundesanwaltschaft gegen das Magazin vor. Die Redaktionsräume werden durchsucht und Verleger Rudolf Augstein sowie drei weitere Redakteure wegen Landesverrats verhaftet. Als Konsequenz der sogenannten »Spiegelaffäre« muss Franz Josef Strauß von seinem Amt zurücktreten. + + +

Biographie Paul Tillich

Paul Johannes Tillich wird am 20. August 1886 in Starzeddel (heutiges Polen) geboren. Er studiert Theologie und promoviert 1911 in Breslau. Nach der erschütternden Erfahrung des Ersten Weltkrieges, dessen Schrecken der Theologe als Feldgeistlicher erlebt, lehrt er als Dozent an verschiedenen deutschen Universitäten und tritt 1929 die Nachfolge von Max Scheler an der Frankfurter Universität an.


Tillich ist zu jener Zeit Mitarbeiter der »Blätter für religiösen Sozialismus« und Mitherausgeber der »Neuen Blätter für den Sozialismus«. Wegen seiner führenden Rolle beim »Bund religiöser Sozialisten« wird er 1933 suspendiert und emigriert in die USA. »Ich hatte die Ehre«, so Paul Tillich über den Druck, den die Nationalsozialisten auf ihn ausüben, »der erste nichtjüdische Professor zu sein, dem eine deutsche Universität damals das Lehren untersagte.« Nachdem er zunächst am Union Theological Seminary in New York unterrichtet, wechselt er 1955 an die Harvard University. Von 1962 bis zu seinem Tode lehrt er als Professor an der Universität von Chicago.

Mit Karl Barth, Rudolf Bultmann und Dietrich Bonhoeffer zählt Paul Tillich zu den großen Erneuerern der evangelischen Theologie im 20. Jahrhundert.

Paul Tillich stirbt am 22. Oktober 1965 im Alter von 79 Jahren.

Auszeichnungen

1962 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1961 Große Verdienstkreuz mit Stern
1958 Hansischer Goethe-Preis
1956 Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main

Bibliographie

Kunst und Gesellschaft. Drei Vorlesungen (1952)

Hrsg. v. Werner Schüßler, LIT, Münster 2004

Liebe – Macht – Gerechtigkeit

de Gruyter, Berlin 1991

Gestaltung der Erlösungsidee im Judentum und im Protestantismus

Ergänzungsband zum Eranos-Jahrbuch 1936 (mit Heinz Westman), Eranos-Stiftung, Ascona 1986

Auf der Grenze. Aus dem Lebenswerk Paul Tillichs

Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart 1962

Wesen und Wandel des Glaubens

Ullstein, Berlin 1961

Mehr anzeigen

Systematische Theologie

3 Bände, Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart 1955/58/66

Der Mut zum Sein

Steingrüben, Stuttgart 1953

Die Judenfrage. Ein christliches und ein deutsches Problem. Vier Vorträge

Schriftenreihe Deutsche Hochschule für Politik o. Nr., Weiß-Verlag, Berlin 1953 (48 Seiten)

Religiöse Reden, in drei Folgen: „In der Tiefe ist Wahrheit“, „Das Neue Sein“, „Das Ewige im Jetzt“

Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart 1952–1964

Die Sozialistische Entscheidung

Alfred Protte, Potsdam 1933

Laudator Otto Dibelius

Otto Dibelius, geboren am 15. Mai 1880 in Berlin, gehörte in Deutschland zu den bekanntesten, aber auch umstrittensten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Theologiestudium in Berlin und Gießen, das er 1906 mit Promotion abschloss, wurde er 1907 in der Berliner Nikolaikirche ordiniert.


In der evangelischen Kirchenhierarchie machte Dibelius rasch Karriere, bis er 1925 zum Generalsuperintendenten der Kurmark berufen wurde. Aufsehen erregte er mit seinem Buch Friede auf Erden (1930), in dem er den Krieg als reines Menschenwerk und nicht mehr gottgewollt bezeichnete, und mit seiner Forderung, Kriegsdienstverweigerer zu unterstützen.

Eine Seite seines Wesens zeigte sich bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die er uneingeschränkt begrüßte und innerhalb der kirchlichen Strukturen den nun offen gelebten Antisemitismus förderte. Seine Haltung zur Kriegsdienstverweigerung und zur Religionsfreiheit jedoch brachte ihn in dieser Zeit auch in große Schwierigkeiten, Er wurde mehrfach inhaftiert und erhielt ein Predigtverbot.

Nach dem Krieg wurde er innerhalb der Kirchenhierarchie wieder äußerst aktiv. 1949 wurde er zum Ratsvorsitzenden der gesamtdeutschen Evangelischen Kirche Deutschlands gewählt und hielt die Festpredigt zur Eröffnung des Deutschen Bundestages in Bonn. Dies und die Unterzeichnung des Militärsorgevertrags für die in Westdeutschland entstandene Bundeswehr brachte ihn in der DDR, in der er als Landesbischof für Berlin und Brandenburg tätig war, in große Schwierigkeiten. Mit Mauerbau erschwerte die DDR-Regierung ihm den Zutritt.

Am 31. Januar 1967 verstarb Otto Dibelius in Berlin im Alter von 86 Jahren.