Suche

Friedenspreis 1963

Carl Friedrich von Weizsäcker

Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt den in Kiel geborenen Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker zum Träger des Friedenspreises 1963. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 13. Oktober 1963, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Georg Picht.

Begründung der Jury

Dem Philosophen und Physiker Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker verleiht der deutsche Buchhandel seinen Friedenspreis.
Wir ehren damit einen Gelehrten, der der Jugend unseres Landes als akademischer Lehrer das unbedingte Streben nach Wahrheit vorlebt. Wir bekennen uns zu der großen ethischen Verantwortung, die er im Blick auf die Entdeckung und Nutzung der Atomenergie mit tiefem Ernst und zwingender Logik bezeugt.
Wir achten in ihm eine Persönlichkeit, die lauter und unerschrocken für die Aussöhnung Europas, für einen ehrlichen Frieden in der ganzen Welt eintritt.

Preisverleihung

Carl Friedrich von Weizsäcker vor der Paulkirche nach dem Erhalt des Friedenspreises.

Reden

Der deutsche Buchhandel möchte Carl Friedrich von Weizsäcker ermutigen, auf seinem Weg weiterzuschreiten, und mit ihm hoffen, daß sich über unsere schöne herrliche Welt nicht das Grauen einer Selbstzerstörung legt, die auszumalen auch die größte Realphantasie nicht ausreichen würde.

Friedrich Wittig - Grußwort
Friedrich Wittig
Grußwort des Vorstehers

Der Widerhall von Weizsäckers Denken und Wirken ist um so erstaunlicher, als er nie davor zurückgewichen ist, sich, wo es not tat, mit Entschiedenheit zu exponieren, schmerzhafte Wahrheiten auszusprechen, Tabus zu verletzen und dem faulen Konformismus der westdeutschen Gesellschaft und Politik mit Klarheit und Härte entgegenzutreten.

Georg Picht - Laudatio auf Carl Friedrich von Weizsäcker
Georg Picht
Laudatio

1. Der Weltfriede ist notwendig. 2. Der Weltfriede ist nicht das goldene Zeitalter. 3. Der Weltfriede fordert von uns eine außerordentliche moralische Anstrengung.

Carl Friedrich von Weizsäcker - Dankesrede
Carl Friedrich von Weizsäcker
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1963

+ + + Das Jahr 1963 beginnt mit der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages. Künftig sollen alle wichtigen außenpolitischen Fragen gegenseitig abgestimmt werden. + + + Am 1. April nimmt das Zweite Deutsche Fernsehen seinen Sendebetrieb auf. + + + In mehreren bundesdeutschen Großstädten finden Ostermärsche gegen die militärische Nutzung der Kernenergie statt. + + +


+ + + Papst Johannes XXIII. stirbt am 3. Juni, zu seinem Nachfolger wird der Mailänder Erzbischof Kardinal Giambattista Montini gewählt und als Papst Paul VI. ernannt. + + + Als Reaktion auf die Kuba-Krise beschließen USA und UdSSR die Errichtung einer direkten Fernschreibleitung (der »heiße Draht«). + + + Im August protestieren beim »Marsch auf Washington« 200 000 Menschen unter Führung Martin Luther Kings gegen die Rassendiskriminierung und fordern die Gewährung der Bürgerrechte für Schwarze. + + + Am 22. November wird US-Präsident John F. Kennedy auf einer Fahrt durch Dallas von einem Attentäter erschossen. Wenige Monate zuvor war Kennedy nach Berlin gekommen, wo er vor begeisterten Zuschauern seine Solidarität mit der geteilten Stadt bekundete (»Ich bin ein Berliner!«) und der Bundesrepublik die Unterstützung der USA zusagte. + + + Bundeskanzler Adenauer tritt am 15. Oktober zurück. Sein Nachfolger wird Ludwig Erhard. Der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss stirbt am 12. Dezember in Stuttgart. + + + Am 20. Dezember wird gegen 21 Aufseher des Konzentrationslagers Auschwitz in Frankfurt am Main der Auschwitz-Prozess eröffnet, der bis 1965 dauert. + + +

Biographie Carl Friedrich von Weizsäcker

Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker wird am 28. Juni 1912 in Kiel geboren. Er studiert ab 1929 Physik, Astronomie und Mathematik und promoviert 1933 bei Werner Heisenberg. Nach seiner Habilitation im Jahr 1936 arbeitet Weizsäcker am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin und wechselt 1942 als Professor an die Straßburger Universität. Die 1937 nach ihm benannte Weizsäcker-Formel verschafft ihm internationale Reputation als Atomphysiker.


Während des Zweiten Weltkriegs ist er Mitarbeiter am deutschen »Uran-Projekt«. In abgehörten Gesprächen während der Internierung äußern er und Otto Hahn Freude darüber, dass sie glücklicherweise nicht vor den USA »die Bombe« produziert, sondern deren Entwicklung verlangsamt hätten.

1946 geht Weizsäcker, der sich fortan als leidenschaftlicher Kriegsgegner bekennt und auf die Verantwortung des Wissenschaftlers für die Folgen seiner Arbeit hinweist, an das Max-Planck-Institut für Physik in Göttingen und lehrt danach von 1957 bis 1969 in Hamburg Philosophie.
Er gehört zu den Initiatoren der »Göttinger Erklärung« 1957, in der die deutschen Atomphysiker ihre Beteiligung an der Herstellung, der Erprobung und dem Einsatz von Atomwaffen öffentlich verweigern.

1970 gründet er in Starnberg das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, das er bis 1980 leitet. Ab 1986 sieht er in der Sonnenenergie die zukünftige Energiequelle und geißelt die Atomwirtschaft als überflüssig. Für die SPD entwirft er Thesen zur Friedenspolitik, für den Kampf gegen den Hunger in der Welt und für eine neue Energiepolitik. Eine Kandidatur als Bundespräsident lehnt er mehrmals ab.

Carl Friedrich von Weizsäcker stirbt am 28. April 2007 im Alter von 94 Jahren.

Auszeichnungen

1989 Theodor-Heuss-Preis
1989 Templeton-Preis
1988 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa
1983 den Heinrich-Heine-Preis
1982 Ernst-Hellmut-Vits-Preis
1982 die Verdienst-Medaille der Leopoldina
1973 Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband
1970 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst
1963 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1961 Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste
1957 Max-Planck-Medaille 

 

 

Bibliographie

Große Physiker. Von Aristoteles bis Werner Heisenberg

Hanser, München 1999

Der bedrohte Friede – heute

Hanser, München 1994

Zeit und Wissen

Hanser, München 1992

Die Sterne sind Gaskugeln und Gott ist gegenwärtig

Herder (Spektrum), Freiburg 1992

Der Mensch in seiner Geschichte

Hanser, München 1991

Mehr anzeigen

Bedingungen der Freiheit. Reden und Aufsätze 1989–1990

Hanser, München 1990

Bewußtseinswandel

Hanser, München 1988

Die Unschuld der Physiker? Ein Gespräch mit Erwin Koller

Pendo, Zürich 1987

Die Zeit drängt. Das Ende der Geduld

Hanser, München 1986

Aufbau der Physik

Hanser, München 1985

Die Seligpreisungen. Ein Glaubensgespräch (mit Pinchas Lapide)

Calwer, 1985

Wahrnehmung der Neuzeit

Hanser, München 1983

Der bedrohte Friede. Politische Aufsätze 1945–1981

Hanser, München 1981

Deutlichkeit: Beiträge zu politischen und religiösen Gegenwartsfragen

Hanser, München 1978/1979

Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie

Hanser, München 1977

Wege in der Gefahr. Eine Studie über Wirtschaft, Gesellschaft und Kriegsverhütung

Hanser, München 1976

Biologische Basis religiöser Erfahrung (mit Gopi Krishna)

Otto Wilhelm Barth, Weilheim 1971

Die Einheit der Natur. Studien

Hanser, München 1971,

Kriegsfolgen und Kriegsverhütung.

Hanser, München 1970

Die Tragweite der Wissenschaft. Erster Band: Schöpfung und Weltentstehung. Die Geschichte zweier Begriffe

Hirzel, Stuttgart 1964.

Die Bedingungen des Friedens

Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, mit der Laudatio von Georg Picht. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1963

Mit der Bombe leben. Die gegenwärtigen Aussichten einer Begrenzung der Gefahr eines Atomkrieges

Sonderdruck Die Zeit, Hamburg 1958

Atomenergie und Atomzeitalter

Zwölf Vorlesungen (gehalten in Göttingen 1956/57 und im Dritten Programm des NDR), Fischer Bücherei, Frankfurt am Main 1957

Die Verantwortung der Wissenschaft im Atomzeitalter

Zwei Vorlesungen (gehalten in Bonn 1957 bzw. Göttingen 1956/1957), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1957.

Der begriffliche Aufbau der theoretischen Physik

Vorlesung vom Sommersemester 1948, Typoskript, Göttingen 1948.

Die Geschichte der Natur

Zwölf Vorlesungen (gehalten in Göttingen 1946), Hirzel, Leipzig/Stuttgart/Zürich 1948

Zum Weltbild der Physik

Hirzel, Leipzig/Stuttgart 1943.

Die Atomkerne – Grundlagen und Anwendungen ihrer Theorie

Akademische Verlagsgesellschaft, Leipzig 1937.

Laudator Georg Picht

Georg Picht, geboren am 9. Juli 1913 in Straßburg, prägte als Philosoph, Theologe und Pädagoge 1964 den Begriff der „Bildungskatastrophe“, die er in den niedrigen Ausgaben für Bildung und dem damit verbundenen schlechten Bildungsstandard in Deutschland begründet sah.


Picht studierte in Freiburg, Kiel und Berlin Altphilologie und Philosophie, bevor er als Lehrer zum Birklehof-Internat in Hinterzarten wechselte. 1942 wechselte er als Lehrbeauftragter an das Freiburger Institut für Altertumswissenschaften in Freiburg und promovierte dort. 1946 kehrte er zum Birklehof zurück und gründete dort ein Internatsgymnasium mit liberalen und toleranten Erziehungsmethoden.

Von 1958 bis 1982 übernahm er die Leitung der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg. Hierbei bot sich für ihn die Möglichkeit, 1964 den Lehrstuhl für Religionsphilosophie an der Universität Heidelberg zu übernehmen, den er bis zu seiner Emeritierung 1978 innehatte.

Am 7. August 1982 verstarb Georg Picht in Hinterzarten im Alter von 69 Jahren.