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Friedenspreis 1964

Gabriel Marcel

Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt den französischen Dramatiker, Theaterkritiker und Philosoph Gabriel Marcel zum Träger des Friedenspreises 1964. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 20. September 1964, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Carlo Schmid.

Begründung der Jury

Der deutsche Buchhandel ehrt mit der Verleihung seines Friedenspreises an Gabriel Marcel, den schöpferischen Denker, den Begründer einer Philosophie der Begegnung und Hoffnung, den Kämpfer gegen die Erniedrigung des Menschen, den Mahner zu einer realisitischen Ordnung des Friedens, den Schriftsteller, der in seinem reichen literarischen Werk in gleicher Weise aus den Quellen französischen wie deutschen Geistes schöpft und einer dauerhaften Freundschaft zwischen beiden Völkern dient.

 

Preisverleihung

Reden

Dies war unser Eindruck von Gabriel Marcel: ein französischer Europäer, der sein Gegenüber verstehen wollte, geduldig im Anhören und lebhaft in der Erwiderung, ein ganzer Mensch, dem Herkommen nach Franzose, der Religion nach ein Christ durch Natur und Gnade ein Mittler zwischen unsern Völkern, ein Bote der Brüderlichkeit, des Friedens.

Friedrich Wittig - Grußwort
Friedrich Wittig
Grußwort des Vorstehers

Der Wechselschritt der Zeit wird in der Zwiesprache unserer Völker Dissonanzen aufklingen lassen. Doch was schadet es? Im Geiste Gabriel Marcels werden beide Völker das Wort wahrmachen, mit dem Hölderlin seinen Hyperion schließt: »Wie der Zwist der Liebenden sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder.«

Carlo Schmid - Laudatio auf Gabriel Marcel
Carlo Schmid
Laudatio

Einerseits erscheint der Friede als das wesentliche Element einer Existenz, die dieses Namens würdig ist, aber andererseits scheint es, daß wir, sobald wir davon reden, Gefahr laufen, uns in den schlimmsten Gemeinplätzen zu verlieren.

Gabriel Marcel - Dankesrede
Gabriel Marcel
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1964

+ + + An den Ostermärschen 1964 der Atomwaffengegner nehmen erstmals über 100 000 Menschen teil. + + + Im Juni wird die »Palästinensische Befreiungsorganisation« (PLO) gegründet. Im südafrikanischen Pretoria wird Nelson Mandela, der Führer der Befreiungsbewegung »Afrikanischer Nationalkongress« (ANC), zu lebenslanger Haft verurteilt. + + +


+ + + Mit der Unterzeichnung des Bürgerrechtsgesetzes am 2. Juli durch US-Präsident Johnson wird der bislang bedeutendste Schritt zur Gleichstellung von Schwarzen und Weißen in den USA getan. Das Gesetz besagt, dass schwarze Bürger bei Wahlen auf Bundesebene nicht benachteiligt und diskriminiert werden dürfen. + + + Martin Luther King erhält im Herbst den Friedensnobelpreis. + + + Nach US-amerikanischen Angaben haben im August nordvietnamesische Kriegsschiffe im Golf von Tongking zwei US-Zerstörer angegriffen. Dies wird zum Anlass für die Bombardierung von Zielen in Nordvietnam durch US-Flugzeuge. Der Vietnamkrieg beginnt. + + + Im September trifft in Köln der millionste Gastarbeiter ein und erhält ein Moped als Geschenk. + + + Am 28. November wird die rechtsextreme »Nationaldemokratische Partei Deutschlands« (NPD) gegründet. + + + Nachdem China sich weigert, dem im August 1963 unterzeichneten Atomteststopp-Abkommen beizutreten, wird im Oktober die erste chinesische Atombombe zu Testzwecken gezündet. + + + Der sowjetische Partei- und Regierungschef Chruschtschow wird im Oktober aller Ämter enthoben. Als Hintergrund der Aktion werden der sich verschärfende Konflikt mit China und der wirtschaftliche Misserfolg betrachtet. Regierungschef wird Alexej N. Kossygin, neuer Parteichef Leonid I. Breschnew. + + +

Biographie Gabriel Marcel

Der am 7. Dezember 1889 in Paris geborene Gabriel Marcel studiert an der Sorbonne Philosophie. Er promoviert 1910 und arbeitet fortan als Lehrer in verschiedenen französischen Städten. 1922 wendet er sich dem Verlagswesen zu und betätigt sich als Lektor, Herausgeber und Theaterkritiker. Bei seinen zahlreichen Reisen durch die ganze Welt begegnet Marcel führenden Persönlichkeiten und widmet sich verstärkt den Problemen und Gefahren seiner Zeit.


1929 tritt er vom Judentum zum Katholizismus, der Religion seines Vaters, über und wird zum Begründer und Vordenker des christlichen Existentialismus in Frankreich. Er selbst bezeichnet diese Schule als »Neosokratismus«.

Zwischen 1939 und 1941 unterrichtet er als Universitätsprofessor in Paris und Montpellier. Die Zerrissenheit des Menschen zwischen der Welt des Habens und der des authentischen Seins und die Heilung dieses Bruchs durchzieht als Grundgedanke sein großes dramatisches und in 15 Bänden gesammeltes philosophisches Werk.

Gabriel Marcel stirbt am 8. Oktober 1973 im Alter von 83 Jahren.

Bibliographie

Die französische Literatur im 20. Jahrhundert

Acht Vorträge. Herder Bücherei, 259. Herder Verlag, Freiburg 1966

Der Philosoph und der Friede. Die Verletzung des privaten Bereichs und der Verfall der Werte in der heutigen Welt

Frankfurt 1964

Die Erniedrigung des Menschen

Frankfurt 1964

Schöpferische Treue

Paderborn 1963

Mehr anzeigen

Gegenwart und Unsterblichkeit

Frankfurt 1961

Der Untergang der Weisheit. Die Verfinsterung des Verstandes

Heidelberg 1960

Philosophie der Hoffnung. Überwindung des Nihilismus

München 1957

Der Mensch als Problem

Frankfurt 1956

Metaphysisches Tagebuch. Der Philosoph der Hoffnung in seinem geistigen Werdegang

Wien 1955

Geheimnis des Seins

Wien 1952

Homo Viator, Philosophie der Hoffnung

Düsseldorf 1949

Sein und Haben

Paderborn 1968 (frz. Original 1935)

Laudator Carlo Schmid

Carlo Schmid, geboren am 3. Dezember 1898 in französischen Perpignan, zählte zu den einflussreichsten Politikern, die sich in der Nachkriegszeit für ein geeintes Europa eingesetzt haben.

Der Sohn eines Lehrers wuchs in Stuttgart auf und begann nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Soldat auch bei Verdun kämpfte, in Tübingen mit dem Studium der Rechtswissenschaften. 1923 wurde er promoviert, 1929 schließlich habilitiert. Doch anstatt eine juristische oder universitäre Laufbahn einzuschlagen, übernahm er 1931 die Leitung eines Lagers des Freiwilligen Arbeitsdienstes, um zu verhindern, dass arbeitslose Jugendliche den Verführungen der Nationalsozialisten erliegen.


Nach 1933 erhielt er in seiner Personalakte einen Sperrvermerk und konnte nur durch Unterstützung befreundeter Nationalsozialisten schwerwiegenderen Konsequenzen entgehen. 1940 wurde er zur Wehrmacht einberufen und schaffte es, im Kriegsverwaltungsrat in Lille einige französische Bürger vor Vergeltungsmaßnahmen der Wehrmacht zu retten. Nach dem Weltkrieg war er maßgeblich an der Wiedereröffnung der Tübinger Universität beteiligt und übernahm dort die Professur für Öffentliches Recht, bis er 1953 einem Ruf an die Universität in Frankfurt auf den Lehrstuhl für Politische Wissenschaft folgte.

Mit Kriegsende begann auch sein politisches Engagement für ein geeintes Europa in einem föderalem System. Als Mitglied der SPD zog er 1949 als Direktkandidat in den Bundestag ein und wurde 1959 von seiner Partei als Nachfolger für Theodor Heuss vorgeschlagen, unterlag aber im zweiten Wahlgang Heinrich Lübke. 1966 wurde er für drei Jahre zum Bundesminister für Angelegenheiten des Bundesrates und der Länder ernannt, nachdem er zuvor 17 Jahre als Bundestagsvizepräsident fungiert hatte. Auf diese Position kehrte er 1969 noch einmal für drei Jahre zurück, bevor er 1972 in den parteipolitischen Ruhestand ging.

Carlo Schmid verstarb am 11. Dezember 1979 in Bonn im Alter von 81 Jahren.