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Friedenspreis 1965

Nelly Sachs

Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt die Schriftstellerin und Lyrikerin Nelly Sachs zur Trägerin des Friedenspreises 1965. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 17. Oktober 1965, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Werner Weber.

Begründung der Jury

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird 1965 der großen jüdischen Dichterin deutscher Sprache Nelly Sachs verliehen.
Das dichterische Werk von Nelly Sachs steht ein für das jüdische Schicksal in unmenschlicher Zeit und versöhnt ohne Widerspruch Deutsches und Jüdisches. Ihre Gedichte und szenischen Dichtungen sind Werke von hoher deutscher Sprache, sie sind Werke der Vergebung, der Rettung, des Friedens. Als Übersetzerin verbindet sie die junge Literatur Schwedens mit der unsrigen.
Wir ehren sie voller Dankbarkeit durch die Verleihung des Friedenspreises.

Preisverleihung

Reden

Indem diese Stimme, diese zerbrechliche, zarte Stimme das Schicksal ihres Volkes beschwört, verwandelt sie das schreckliche Geschehen. Was irdisch schwer war, wird leicht wie ein Hauch, Entsetzen wird zu einer Strophe, das Wilde wird gebändigt, und entgegen aller Erfahrungen kommen Versöhnung und Frieden zu uns.

Friedrich Wittig - Grußwort
Friedrich Wittig
Grußwort des Vorstehers

Es wäre nicht übertrieben schwierig, sie in den Gang der Literatur einzuordnen; aber schwer ist es, die Auskunft ihres Werks dem eignen innern Dasein zu verbinden; denn fürs erste brächte das Schmerz - erst beim zweiten Schritt auch Befreiung.

Werner Weber - Laudatio auf Nelly Sachs
Werner Weber
Laudatio

Und wir alle, was sollen wir tun mit dem Wort, das uns geschenkt wurde, als es an seinen Wurzeln zu packen und es beschwörend den Erdball überziehen zu lassen, auf daß es seine geheime, einigende Kraft hingibt an eine Eroberung – die einzige Eroberung auf der Welt, die nicht Weinen, die Lächeln gebiert: die Eroberung des Friedens.

Nelly Sachs - Dankesrede
Nelly Sachs
Dankesrede der Preisträgerin

Chronik des Jahres 1965

+ + + Im Februar 1965 wird ein Gesetz verabschiedet, das den in der Bundesrepublik lebenden Ausländern alle Grundrechte zusichert, soweit sie nicht nach dem Grundgesetz den Deutschen vorbehalten sind. + + + Nach heftigen Debatten beschließt der Bundestag Ende März, dass die Verjährungsfrist für nationalsozialistische Verbrechen erst mit Ende der Besatzungszeit beginnt und somit bis 1969 dauert. + + + Die USA beginnen im März mit Luftangriffen auf Nordvietnam als Vergeltung für Anschläge auf amerikanische Kriegsschiffe. Daraufhin kommt es überall auf der Welt zu Demonstrationen. + + +


+ + + Das seit 1951 besetzte Tibet wird formal zur autonomen Region der Volksrepublik China erklärt, und die chinesische Regierung verkündet, dass die Region einer kontinuierlichen Umwandlung zum Sozialismus unterzogen werde. + + + Zwanzig Jahre nach Kriegsende nehmen die Bundesrepublik und Israel im Mai diplomatische Beziehungen miteinander auf und vollziehen damit einen weiteren Schritt hin zur Normalisierung. Das Verhältnis der Bundesrepublik zu den arabischen Staaten wird dadurch erheblich belastet, einige von ihnen brechen die Beziehungen zur BRD ab. + + + Die Urteile im Auschwitz-Prozess werden Ende August verkündet. Die zum Teil milden Strafen führen zu Protesten im In- und Ausland. + + + Im Winter beginnen die Prozesse um die Veröffentlichung von Klaus Manns Roman "Mephisto. Roman einer Karriere" (1936), der sich mit dem Werdegang Gustaf Gründgens während der NS-Zeit beschäftigt. 1968 verkündet das Bundesverfassungsgericht, eine Edition dürfe erst erfolgen, wenn die Erinnerung an den Verstorbenen verblasst sei. + + +

Biographie Nelly Sachs

Bereits im Alter von 17 Jahren beginnt Nelly Sachs, geboren am 10. Dezember 1891 in Berlin, Gedichte in neoromantischem Stil zu verfassen, die in den 1920er Jahren in zahlreichen Zeitschriften publiziert werden. Unter dem Eindruck des erstarkenden Faschismus in Deutschland beschäftigt sie sich in den 1930er Jahren verstärkt mit der jüdischen Kultur, dem Chassidismus und der Kabbala. 1940 entkommt sie, zusammen mit ihrer Mutter, in letzter Minute nach Stockholm, wo sie bis zu ihrem Tod lebt. Erschüttert vom tödlichen Schicksal ihrer Familie und ihrer Freunde in den Lagern der Nationalsozialisten, erkrankt sie für längere Zeit und beginnt anschließend mit der Übertragung zeitgenössischer schwedischer Lyrik ins Deutsche.


1946 widmet sie sich wieder verstärkt eigenen Gedichten. Ihr Werk ist dabei stark von den Erfahrungen der nationalsozialistischen Gräueltaten geprägt. Deutlich wird dies vor allem in der 1944/45 entstandenen Totenklage Dein Leib im Rauch durch die Luft, die ihrem im KZ ermordeten Bräutigam gewidmet ist, und in ihrem 1947 erschienenen Lyrikband In den Wohnungen des Todes.
Sind die ersten Gedichte erschütternde Klage um das jüdische Volk, werden später ihre Gedichte und dramaturgischen Arbeiten zur Suche nach Erlösung für den im Unsicheren treibenden Flüchtling und zeigen sie als Menschen, der zur Versöhnung und zum Verstehen bereit ist.

Die »Schwester Kafkas«, wie sie genannt wurde, die bis zu ihrem Tod an Verfolgungsängsten leidet, entwickelt eine dunkel-mystische, aber den jungen Menschen seit den 60er Jahren verständliche lyrische Sprache.

Nelly Sachs stirbt am 12. Mai 1970 im Alter von 78 Jahren.

Auszeichnungen

1966 Literaturnobelpreis (zusammen mit Samuel Joseph Agnon)
1965 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1960 Droste Preis
1959 Ehrengabe des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft

 

Bibliographie

Teile dich Nacht. Gedichte

1971

Landschaft aus Schreien

1966

Glühende Rätsel

Insel, Frankfurt am Main 1964/1968 (erweiterte Ausgabe)

Ausgewählte Gedichte

1963

Suche nach Lebenden

Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971

Zeichen im Sand. Die szenischen Dichtungen

Suhrkamp, Frankfurt am Main 1962

Fahrt ins Staublose. Gedichte

Suhrkamp, Frankfurt am Main 1961

Flucht und Verwandlung. Gedichte

1959

Und niemand weiß weiter. Gedichte

1957

Die Leiden Israels

1951

Eli. Ein Mysterienspiel vom Leiden Israels

Forssell, Malmö 1951

Sternverdunkelung. Gedichte

Bermann-Fischer/Querido, Amsterdam 1949

In den Wohnungen des Todes. Mit Zeichnungen von Rudi Stern

Aufbau-Verlag, Berlin 1947

Laudator Werner Weber

Werner Weber, geboren am 13. November 1919 im schweizerischen Huttwil, gehörte nach 1945 zu den einflussreichsten Feuilletonisten und Literaturkritikern im deutschsprachigen Raum.


Als Sohn eines Werkmeisters wuchs Weber in Winterthur auf und studierte in Zürich Literatur- und Kunstwissenschaften, die er mit Promotion abschloss. Nach einem Jahr als Gymnasiallehrer arbeitete er ab 1946 als Redakteur im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung und übernahm dort 1951 die Leitung des Ressorts. Eng verbunden war er mit Schweizer Autoren wie Max Frisch, Erika Burkart und Friedrich Dürrenmatt, pflegte zugleich engen Briefkontakt mit Paul Celan und Nelly Sachs. 1973 übernahm er bis 1987 die Professor für Literaturwissenschaften an die Universität Zürich.

Der vielfach ausgezeichnete Publizist verstarb am 1. Dezember 2005 in Zürich im Alter von 86 Jahren.