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Friedenspreis 1958

Karl Jaspers

Der Stiftungsrat wählt den Philosophen und Psychiater Karl Jaspers zum Träger des Friedenspreises 1958. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 28. September 1958, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Hannah Arendt.

Begründung der Jury

Karl Jaspers, dem großen Philosophen, dem klaren und unbestechlichen Denker unserer Zeit, der erkannte, daß Denken allein nicht das Sein zu fassen vermag, sondern nur das Unvergängliche leitet, was an innerer Wandlung im Menschen durch das Denken geschieht; dessen Glaube an das Gestaltende zwischen mensch und Mensch die Philosophie formt und dessen lebenswerk Anruf zu geistiger Besinnung des einzelnen wurde, verleihen wir den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Preisverleihung

Reden

Karl Jaspers macht die geistige Kraft deutlich, die Kopf und Herz offenhält, die allem Recht, aller Moral, aller Religion erst einen verläßlichen Sinn gibt und in der alles Gewaltsame aufhört. Er vertraut auf die Macht des Einzelnen, der sich seiner sittlichen Verpflichtung bewußt ist.

Reinhard Jaspert - Grußwort
Reinhard Jaspert
Grußwort des Vorstehers

Um den Raum der humanitas, der seine Heimat wurde, zu erschließen, bedurfte Jaspers der großen Philosophen, und diese Hilfe möchte man meinen, hat er ihnen vergolten, indem er mit ihnen »ein Geisterreich« gründete, in welchem sie noch einmal als sprechende - aus dem Totenreich her sprechende - Personen auftreten, die, weil sie dem Zeitlichen entronnen sind, zu immerwährenden Raumgenossen im Geistigen werden können.

Hannah Arendt - Laudatio auf Karl Jaspers
Hannah Arendt
Laudatio

Wollen wir Freiheit und Frieden, so müssen wir in einem Raum der Wahrheit uns begegnen, der vor allen Parteiungen und Standpunkten liegt, vor unseren Entscheidungen und Entschlüssen. Wenn wir frei und wahrhaftig werden, kehren wir ständig zurück in diesen gemeinsamen Raum, in dem wir verbunden bleiben auch dann, wenn wir Gegner sind.

Karl Jaspers - Dankesrede
Karl Jaspers
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1958

+ + + Im Libanon eskalieren 1958 die Spannungen zwischen dem christlichen (etwa 52 Prozent) und dem muslimischen (etwa 48 Prozent) Bevölkerungsteil des Landes, ein Bürgerkrieg bricht aus. + + + Ende März beschließt der Bundestag die Ausstattung der Bundeswehr mit Atomwaffen im Rahmen der NATO, sollte es nicht zu einer allgemeinen Abrüstungsvereinbarung kommen. In mehreren Städten finden Massenkundgebungen gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Kernwaffen statt. + + +


+ + + Bei der Verabschiedung des Haushalts im Juli durch den Bundestag ist der Verteidigungsetat erstmals der größte Posten. + + + Die Erklärung der Unabhängigkeit der Republik Guinea ist der Beginn der Auflösung Französisch-Westafrikas und leitet somit das Ende der Kolonialzeit in Afrika ein. + + + Der ungarische Politiker Imre Nagy wird Mitte Juni unter Bruch des ihm gegebenen Versprechens freien Geleits hingerichtet. Sein Tod löst weltweit Empörung aus. + + + Im November kündigt die Sowjetunion das Besatzungsstatut für Groß-Berlin auf und fordert eine entmilitarisierte Freie Stadt West-Berlin innerhalb von sechs Monaten. Im Fall der Nichterfüllung würden die sowjetischen Berlin-Rechte an die DDR übertragen werden. USA, Großbritannien und Frankreich protestieren gegen das Ultimatum: Das Statut der Stadt dürfe nur im Zusammenhang mit der Deutschlandfrage erörtert werden. + + + Der amerikanische Film Der große Diktator (1940), eine Parodie auf Adolf Hitler, wird Ende August erstmals in der Bundesrepublik gezeigt. + + + Der Literaturnobelpreis wird Boris Pasternak zugesprochen. Dessen einziger Roman Doktor Schiwago wird jedoch von der sowjetischen Regierung offiziell als »zu unpolitisch« kritisiert, weshalb er den Preis zurückweisen muss. + + +

Biographie Karl Jaspers

Der am 23. Februar 1883 in Oldenburg geborene Karl Jaspers lehrt nach seinem Medizin- und Jurastudium an der Heidelberger Universität zunächst Psychiatrie, dann Philosophie. Die Nationalsozialisten verhängen ein Lehrverbot gegen ihn, da er es ablehnt, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen.


Gleich nach Kriegsende liest er in Heidelberg über die geistige Situation in Deutschland, ein Thema, das er schon 1931 behandelte. Er engagiert sich als politischer Denker, wobei er sich mit der Frage der deutschen Schuld auseinandersetzt und die Doktrin der atomaren Abschreckung kritisiert. Auch die Bedrohung der menschlichen Freiheit durch die moderne Wissenschaft und durch politische Institutionen wird in seinen Werken ausführlich thematisiert.

1948 entschließt er sich, einem Ruf nach Basel auf den Lehrstuhl für Philosophie zu folgen. Besonders in den 60er Jahren erhebt Jaspers wiederholt seine politische Stimme und fordert eine radikale Umkehr zur Wahrheit und zum Ernst persönlicher Verantwortung. Er stellt die Wiedervereinigungsforderungen infrage, lehnt eine Verjährung der NS-Gewalttaten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die Menschheit ab und kritisiert die zwischen Ost- und Westdeutschland herrschende Unfähigkeit zum Dialog.

Jaspers gilt als wichtigster Vertreter der Existenzphilosophie und beeinflusst mit seinen Werken die moderne Theologie, Psychiatrie und Philosophie. Er sucht nach einem neuem Ansatz des Denkens, das in eine Sackgasse geraten sei – nach einer Lehre, die dem Menschen und seinen Bedürfnissen gerechter werde als die herrschenden Erkenntnistheorien.

Karls Jaspers stirbt am 26. Februar 1969 im Alter von 86 Jahren.

Auszeichnungen

1959 Erasmuspreis
1958 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1947 Goethepreis der Stadt Frankfurt

Bibliographie

Wohin treibt die Bundesrepublik

1966

Aus dem Ursprung denkende Metaphysiker

1966

Hoffnung und Sorge

1965

Die maßgebenden Menschen. Sokrates - Buddha - Konfuzius - Jesus

1964

Nikolaus Cusanus

1964

Kleine Schule des philosophischen Denkens

1964

Mehr anzeigen

Lebensfragen der deutschen Politik

1963

Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung

1962

Die Idee der Universität

1961

Freiheit und Wiedervereinigung

1961

Die Atombombe und die Zukunft des Menschen

1958

Die großen Philosophen

1956

Schelling, Größe und Verhängnis

1955

Wesen und Kritik der Psychotherapie

1957

Die Frage der Entmythologisierung

1954

Lionardo als Philosoph

1953

Über das Tragische

1952

Rechenschaft und Ausblick.Reden und Aufsätze

1951

Vernunft und Widervernunft in unserer Zeit

1950

Einführung in die Philosophie

1950

Vom Ursprung und Ziel der Geschichte

1949

Der philosophische Glaube

1948

Von der Wahrheit

1948

Vom europäischen Geist

1946

Die Schuldfrage

1946

Nietzsche und das Christentum

1946

Existenzphilosophie

1938

Descartes und die Philosophie

1937

Nitzsche: Einführung in das Verständnis seines Philosophierens

1936

Vernunft und Existenz

1935

Philosophie

1937, Bd 1: Philosophische Weltorientierung. Bd 2: Existenzerhaltung, Bd 3: Metaphysik

Max Weber, Politiker, Forscher, Philosoph

1932

Die geistige Situation der Zeit

1931

Die Idee der Universität

1923

Strindberg und van Gogh

1922

Psychologie der Weltanschauungen

1919

Allgemeine Psychopathologie

1913

Laudatorin Hannah Arendt

Hannah Arendt, geboren am 14. Oktober 1906 in Linden (bei Hannover), studierte von 1924 bis 1928 Philosophie und Philologie u.a. bei Martin Heidegger und promovierte bei Karl Jaspers in Heidelberg. 1929 ging sie nach Berlin, heiratete den Philosophen Günther Stern (bzw. Günther Anders) und schrieb erste Artikel für die Frankfurter Zeitung. Während ihrer Habilitationszeit befasste sie sich mit feministischen Fragen und der Bedeutung der jüdischen Intellektuellen in der Zeit der Aufklärung.


1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und einer zeitweisen Inhaftierung durch die Gestapo, folgte sie ihrem Mann nach Paris. Im Jahr 1940 heiratete sie den Philosophen Heinrich Blücher, ein Jahr später emigrierte das Ehepaar nach New York. Dort erhielt sie 1953 eine Professur am Brooklyn College. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie erstmals 1951 durch ihr politisches Hauptwerk »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft Anfang« (Englischer Titel: »The Origins of Totalitarianism«) bekannt.

1961 reiste sie nach Israel, um als Berichterstatterin über den Eichmann-Prozess in Jerusalem für die Zeitschrift "New Yorker" zu schreiben. Aus den Artikeln entstand anschließend das Buch »Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen« (1963). Von 1963 bis 1967 lehrte sie als Professorin an der „University of Chicago“, anschließend ging sie an die „New School for Social Research“ zurück nach New York. Nach ihrem ersten Herzinfarkt 1974 erlitt sie am 4. Dezember 1975 einen zweiten, an dem sie verstarb.