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Friedenspreis 1959

Theodor Heuss

Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt den Journalisten, Politiker und ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Theodor Heuss zum Träger des Friedenspreises 1959. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 11. Oktober 1959, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Benno Reifenberg.

Begründung der Jury

Theodor Heuss, dem liberalen Manne, der ein Leben lang die Würde des Menschen vertrat, dem grossen Schriftsteller, der Vergangenheit und Gegenwart von gefährlichen Ressentiments befreite und den heilen und sauberen Verstand an ihre Stelle setzte, dem redlichen Menschen, der Anmut und Würde mit nobler Geistigkeit verband, und der - ein Vorbild für Viele in schwerer Zeit - Idee und Wirklichkeit in seiner Person und in seinem Werk in Einklang brachte, verleihen wir den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Preisverleihung

Reden

Als der Krieg alle ethischen und moralischen Werte zerstört hatte, zeigt uns Theodor Heuss, daß wir trotz allem eine Vergangenheit zu wahren hatten, daß Traditionen in uns wirksam werden mußten. »Von der rechten geistigen Freiheit in unserer Zeit«, so könnte man das Thema nennen, das Theodor Heuss uns vorlebt.

Reinhard Jaspert - Grußwort
Reinhard Jaspert
Grußwort des Vorstehers

Die Wirkung einer Heuss'schen Rede erzielt das Bessere: sie behält immer die Menschen im Auge, aus denen schließlich die Masse zusammengesetzt ist; seine Rede respektiert die Masse, wie der Gärtner den Boden achtet, dem er das Saatgut anvertraut.

Benno Reifenberg - Laudatio auf Theodor Heuss
Benno Reifenberg
Laudatio

Dem Frieden zu genügen, und damit dem inneren, dem äußeren Frieden, ist die Frage, die auf den einzelnen, auch den einzelnen von Ihnen zukommt, und in deren millionenfacher Beantwortung ein Volks-, ein Völkerschicksal beschlossen ist.

Theodor Heuss - Dankesrede
Theodor Heuss
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1959

+ + + General Charles de Gaulle wird im Januar 1959 zum Staatspräsidenten der V. Französischen Republik proklamiert. + + + In Kuba übernimmt der Revolutionsführer Fidel Castro im Februar das Amt des Ministerpräsidenten. Im gleichen Monat bestellt das Bundesverteidigungsministerium 96 »Starfighter«. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet, dass die Bundeswehr mit Atomwaffen der USA ausgerüstet werden darf. + + +


+ + +  Im März erkennt Nikita S. Chruschtschow die Berlin-Rechte der früheren westalliierten Besatzungsmächte an und nimmt das Berlin-Ultimatum von 1958 zurück.+ + + Nachdem Bundeskanzler Adenauer seine im April verkündete Kandidatur für das Bundespräsidentenamt wieder zurücknimmt, wird am 1. Juli Heinrich Lübke zum Bundespräsidenten gewählt. + + + In Bad Godesberg verabschiedet die SPD im November ein neues Grundsatzprogramm. Die sozialistische Arbeiterpartei wird zu einer sozialdemokratischen Volkspartei. + + + Im September besucht Chruschtschow den amerikanischen Präsidenten Eisenhower. Die Gespräche der beiden Staatsmänner in Camp David wecken erste Hoffnungen auf eine Entspannung des Konfliktes, da Chruschtschow die friedliche Koexistenz von Ost und West propagiert. Eine Annäherung in der Berlin- und Deutschlandfrage kann allerdings nicht entwickelt werden. + + + In Frankfurt am Main wird im April die »Deutsche Bibliothek« eingeweiht, die bis zu einer Wiedervereinigung Deutschlands die Aufgabe einer Nationalbibliothek erfüllen soll. + + + In West-Berlin wird nahe der Sektorengrenze der Grundstein zu einem Gebäude des Axel Springer-Verlages gelegt. + + + Der UdSSR gelingt es am 13. September, den ersten Flugkörper auf dem Mond zu landen. + + +

Biographie Theodor Heuss

Der am 31. Januar 1884 in Brackenheim geborene Heuss studiert Staatswissenschaften und Kunstgeschichte und arbeitet danach als Journalist. 1912 wird er Chefredakteur der Neckarzeitung und redigiert zudem die Kunst- und Kulturzeitschrift März. 1919 tritt er der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei und sitzt von 1924 bis 1928 als Abgeordneter im Reichstag. Er veröffentlicht zahlreiche politische Bücher, darunter 1932 ein Buch über Adolf Hitler, in dem er auf die Gefährlichkeit des Nationalsozialismus und seines Führers hinweist.


Nach 1933 muss Heuss seine Dozentenstelle an der Berliner Hochschule für Politik aufgeben. Drei Jahre später erhält er Publikations-verbot, schreibt aber unter dem Pseudonym »Brackenheim« weiter.

Nach 1945 engagiert sich Heuss für den Aufbau eines demokratischen Deutschlands. Er ist Mitbegründer der Demokratischen Volkspartei, die 1948 in der FDP aufgeht. Als Mitglied des Parlamentarischen Rates arbeitet er maßgeblich an der Formulierung des Grundgesetzes mit.
1949 wird er zum ersten Bundespräsidenten gewählt. Heuss trägt dazu bei, dass Deutschland international wieder Anerkennung und Vertrauen gewinnt. Vor allem die unabdingbare Hinwendung zu einer friedlichen Gesellschaft, die er unter anderem als zweimaliger Laudator beim Friedenspreis unter Beweis stellt, und seine zahlreichen Staatsbesuche im Ausland tragen dazu bei, dass sich das internationale Ansehen Deutschlands ändert. Mit Beendigung des Präsidentenamts 1959 widmet er sich vorrangig wieder seiner literarischen Arbeit.

Theodor Heuss stirbt am 12. Dezember 1963 im Alter von 79 Jahren.

Auszeichnungen

1959 Harnack-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft
1959 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1957 Orden vom Goldenen Sporn
1956 Groß-Stern des Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich
1956 Justus-Möser-Medaille der Stadt Osnabrück
1955 Falkenorden
1953 Großkreuz mit Großer Ordenskette des Verdienstordens der Italienischen Republik
1952 Sonderstufe des Großkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

Bibliographie

»Privatier und Elder Statesman. Briefe 1959–1963«

Hrsg. von Frieder Günther. De Gruyter, Berlin 2014, Stuttgarter Ausgabe

»Hochverehrter Herr Bundespräsident! Der Briefwechsel mit der Bevölkerung 1949–1959«

bearb. von Wolfram Werner. Verlag de Gruyter, Berlin 2010, Stuttgarter Ausgabe

»Der Bundespräsident. Briefe 1954–1959«

Hrsg. von Ernst Wolfgang Becker, Martin Vogt und Wolfram Werner. De Gruyter, Berlin 2013, Stuttgarter Ausgabe

»Der Bundespräsident. Briefe 1949–1954«

Hrsg. von Ernst Wolfgang Becker, Martin Vogt, Wolfram Werner. De Gruyter, Berlin, Boston 2012, Stuttgarter Ausgabe

»Erzieher zur Demokratie. Briefe 1945–1949«

Hrsg. von Ernst Wolfgang Becker. De Gruyter, Berlin 2008, Stuttgarter Ausgabe

»In der Defensive. Briefe 1933–1945«

Hrsg. von Elke Seefried. De Gruyter, Berlin, Boston 2009

»Bürger der Weimarer Republik. Briefe 1918–1933«

Hrsg. von Michael Dorrmann. K. G. Saur, München 2008

»Aufbruch im Kaiserreich. Briefe 1892–1917«

Hrsg. von Frieder Günther. De Gruyter, Berlin, Boston 2009

Mehr anzeigen

»Tagebuchbriefe 1955–1963. Eine Auswahl aus Briefen an Toni Stolper«

Wunderlich-Verlag Leins, Tübingen/Stuttgart 1970

»Die Machtergreifung und das Ermächtigungsgesetz. Zwei nachgelassene Kapitel der Erinnerungen 1905 bis 1933«

Hrsg. von Eberhard Pikart. Wunderlich, Tübingen 1967.

»Schwaben. Farben zu einem Portrait«

Wunderlich, Tübingen 1967.

»Die großen Reden«

Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1967.

»Aufzeichnungen 1945–1947«

Hrsg. von Eberhard Pikart. Wunderlich, Tübingen 1966.

»Berlin und seine Museen«

Knorr und Hirth, München/Ahrbeck 1966.

»An und über Juden. Aus Schriften und Reden (1906–1963)«

zusammengestellt und hrsg. von Hans Lamm. Econ Verlag, Düsseldorf/Wien 1964.

»Ernte der Jahre – Eine Auswahl aus seinen Schriften«

Wunderlich, Tübingen 1963

»Erinnerungen 1905–1933«

Wunderlich, Tübingen 1963

»Wanderung durch deutsches Schicksal«

Bertelsmann, Gütersloh 1961.

»Vor der Bücherwand. Skizzen zu Dichtern und Dichtung«

Wunderlich, Tübingen 1961.

»Staat und Volk im Werden. Reden in und über Israel«.

München 1960.

»Von Ort zu Ort. Wanderungen mit Stift und Feder«

Wunderlich, Tübingen 1959

»Reden an die Jugend«

Wunderlich, Tübingen 1956.

»Zur Kunst dieser Gegenwart. 3 Essays«

Wunderlich, Tübingen 1956.

»Vorspiele des Lebens. Jugenderinnerungen«

Wunderlich, Tübingen 1953.

»Was ist Qualität? Zur Geschichte und zur Aufgabe des Deutschen Werkbundes«

Wunderlich, Tübingen/Stuttgart 1951.

»1848. Werk und Erbe«

Schwab, Stuttgart 1948

»Schattenbeschwörung. Randfiguren der Geschichte«

Wunderlich, Stuttgart/Tübingen 1947

»Deutsche Gestalten. Studien zum 19. Jahrhundert«

Wunderlich, Stuttgart/Tübingen 1947

»Robert Bosch. Leben und Leistung«

Wunderlich, Stuttgart/Tübingen 1946

»Justus von Liebig. Vom Genius der Forschung«

Hoffmann und Campe, Hamburg 1942.

»Anton Dohrn in Neapel«

Atlantis-Verlag, Berlin/Zürich 1940

»Hans Poelzig: Bauten und Entwürfe. Das Lebensbild eines deutschen Baumeisters«

E. Wasmuth, Berlin 1939

»Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit«

Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart/Berlin 1937

»Hitlers Weg: Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozialismus«

Union, Stuttgart 1932

»Friedrich Naumann: Gestalten und Gestalter. Lebensgeschichtliche Bilder«

Herausgegeben von Theodor Heuss. Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1919.

»Die Bundesstaaten und das Reich«

Fortschritt Buchverlag der „Hilfe“, Berlin-Schöneberg 1918.

»Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn am Neckar«

Dissertation an der Universität München 1905/06

Laudator Benno Reifenberg

Benno Reifenberg, geboren am 16. Juli 1892 in Oberkassel bei Bonn, studierte ab 1911 Kunstgeschichte in Genf, München und Berlin. Im Aug. 1914 meldete er sich als Freiwilliger und war bei Kriegsende Artillerieleutnant an der Westfront. Nach der Demobilisierung begann er, kunstkritische Beiträge für die Frankfurter Zeitung zu schreiben. Deren Verleger, Heinrich Simon (1880–1941), ernannte ihn 1924 zum Leiter des Feuilletons.


Reifenberg veröffentlichte die Werke zahlreicher Autoren der 1920er Jahre, wie Joseph Roth, Thomas Wolfe und Ernest Hemingway, und förderte auch den Weg der Malerei in die Moderne (u. a. Max Beckmann, Oskar Kokoschka, James Ensor). 1930 wurde er als politischer Korrespondent nach Paris entsandt.

Nachdem Reifenberg, der nach den Nürnberger Gesetzen „Halbjude“ war, die von Göring veranlasste Entfernung von van Goghs »Bildnis des Dr. Gachet« als »entartete Kunst« aus dem Städelschen Museum kritisiert hatte, wurde er 1937 kurzzeitig von der Gestapo verhaftet. 1938 erhielt er politisches Schreibverbot. Im Frühjahr 1943 wurde Reifenberg mit anderen Journalisten bei der Frankfurter Zeitung entlassen.

Nach Kriegsende scheiterte sein Versuch einer Neugründung der Frankfurter Zeitung am Widerspruch amerikanischer Presseoffiziere. Daher gründete er im Okt. 1945 mit ehemaligen Kollegen in der französischen Zone die Halbmonatsschrift „Die Gegenwart“. Nach deren Einstellung 1959 fand ein Teil der Redaktion Aufnahme in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, deren Mitherausgeber Reifenberg bis 1965 blieb.

Reifenberg erhielt zahlreiche Ehrungen, darunter den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Er verstarb am 9. Februar 1970 in Kronberg (Taunus).