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Friedenspreis 2004

Péter Esterházy

Der Stiftungsrat hat den ungarischen Schriftsteller Péter Esterházy zum Träger des Friedenspreises 2004 gewählt. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 10. Oktober 2004, in der Paulskirche statt. Die Laudatio hält Michael Naumann.

Begründung der Jury

Mit Péter Esterházy ehrt der Börsenverein einen Schriftsteller, der als eine weithin vernehmbare Stimme der Nachgeborenen die Zerstörung des Menschen durch Terror und Gewalt und seine Wiederauferstehung in Trauer und Ironie gestaltet.


In ‚Harmonia Cælestis’ und der zugehörigen ‚Verbesserten Ausgabe’ hat er die Last der Wahrheit auf sich genommen, die Verstrickungen und die prototypische Schuld der Menschen des geschichtsmächtigen alten Kontinents in gedächtnisfähige Bilder und Gestalten verwandelt. Sein Mut zum offenen Bekenntnis und zur poetisch-heiteren Beschreibung der Tragödie setzt der europäischen Depression einen Kontrapunkt.

So hat der Jüngste der ‚Joyceianer’ nicht nur seine Heimat (Ungarn) in der Mitte Europas, sondern Europa in der Mitte der Literatur neu situiert.

Preisverleihung

Nach der Preisverleihung verlässt Péter Esterházy gemeinsam mit dem Bundespräsidenten Horst Köhler und dem Vorsteher des Börsenvereins Dieter Schormann die Paulskirche.

Reden

Diese Wahrheit zur Sprache gebracht zu haben, ist das moralische Verdienst Esterházys. Hinter dem Witz, hinter der prachtvollen Wortmächtigkeit seines Werkes steht ein Schriftsteller, dessen dichterisches Geheimnis in einer besonderen Erfahrung beschlossen ist – dass alle literarischen Versuche, Geschichten zu erzählen, irgendwann zurückführen auf die Geschichte selbst.

Michael Naumann - Laudatio
Michael Naumann
Laudatio

Die Literatur ist kein Haustier, sie ist nicht gezähmt, theoretisch zumindest nicht. Die Literatur ist nicht für Literaturpreise geschaffen. Die Literatur gehört nicht zur Rechtmäßigkeit, nicht zur Toleranz, sondern zur Leidenschaft und zur Liebe. Mit der Liebe aber wird man keine Gesellschaften bilden, dafür ist sie nicht zuverlässig genug. Die Literatur ist kein Botschafter des Friedens; sollte der Botschafter überhaupt jemandem gehören, dann der Freiheit.

Péter Esterházy - Dankesrede
Péter Esterházy
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 2004

+ + + Im Jahr 2004 werden in zahlreichen Ländern der Erde Attentate verübt, deren Opfer vor allem Zivilisten sind. In der Moskauer U-Bahn sterben am 6. Februar bei einem von tschetschenischen Attentätern begangenen Bombenanschlag 41 Menschen. Anfang März kommt es während des schiitischen »Aschura-Festes« im Irak in Bagdad und Kerbela zu Bombenanschlägen, bei denen mehr als 270 Menschen sterben. In Madrid werden bei einer Serie von Attentaten durch ein der Al-Qaida nahestehendes Terrorkommando auf das Eisenbahnnetz am 11. März 191 Menschen getötet, etwa 1500 werden verletzt. + + +


In Beslan / Nordossetien überfallen im September tschetschenische Terroristen eine Schule und nehmen Kinder, Eltern und Lehrer als Geiseln. Bei der Befreiungsaktion durch russische Sicherheitskräfte sterben mehr als 360 Menschen, darunter 172 Kinder. + + + Im Februar räumt US-Präsident Bush öffentlich ein, dass der Irak, entgegen den Behauptungen von Geheimdiensten, keine Massenvernichtungswaffen besaß. Die US-Armee gerät im Laufe des Jahres durch Misshandlungen von irakischen Häftlingen im Gefängnis von Abu Ghoreib immer stärker in die Kritik. Mit 136 getöteten Soldaten im Irak ist der November der bislang blutigste Monat für die Streitkräfte der USA. + + + Israels Ministerpräsident Sharon kündigt Anfang Februar die Räumung aller israelischen Siedlungen im Gazastreifen an. Gleichzeitig lässt er Sperrmauern auf palästinensischem Boden errichten, deren Abriss im Juli von der UNO-Vollversammlung verlangt wird. + + + Am 11. November stirbt Jassir Arafat in Paris. Neuer PLO-Chef wird Mahmud Abbas. + + + Horst Köhler wird am 23. Mai von der Bundesversammlung zum neuen Bundespräsidenten gewählt. + + + Aufgrund der zunehmenden Zahl von Menschen, die von Afrika aus nach Europa flüchten, spricht sich Bundesinnenminister Schily im Juli für die Schaffung von Auffanglagern für Asylbewerber in Nordafrika aus. + + + Ein Seebeben im Indischen Ozean mit der Stärke 9,3 auf der Richterskala, mit nachfolgenden verheerenden Tsunami-Flutwellen, verwüstet am 26. Dezember weite Landstriche an den Küsten Thailands, Indiens und Indonesiens. Über 300.000 Menschen sterben, mehr als 100.000 werden verletzt. Etwa fünf Millionen Menschen werden obdachlos.

Biographie Péter Esterházy

Péter Esterházy, geboren am 14. April 1950 in Budapest, stammt aus einer alten aristokratischen und vermögenden Familie, die nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 enteignet und deportiert wird. Esterházy studiert Mathematik an der Universität Budapest und arbeitet anschließend vier Jahre als Systemorganisator im Ministerium für Hütten- und Maschinenbauindustrie.


Seit 1978 ist er freier Schriftsteller. Péter Esterházy, der zu der postmodernen Generation ungarischer Literaten gezählt wird, wendet sich bereits mit seinem ersten Buch Fancsikó und Pinta (1976) von der Tradition des sozialistischen Realismus ab. Mit seinen vielschichtig angelegten Werken wird er in Ungarn bekannt und von der oppositionellen Literaturkritik des Landes gefeiert.

Internationale Beachtung findet er für den als sein »Opus magnum« bezeichneten Roman Harmonia Cælestis (2000), in dem er die Geschichte der Familie Esterházy als die Geschichte Ungarns und zugleich als die Geschichte seines von den Kommunisten malträtierten Vaters erzählt. Als nach der Veröffentlichung des Buches die Spitzeltätigkeit seines Vaters für das kommunistische Regime bekannt wird, setzt sich Esterházy mit dem Zusatzband Verbesserte Ausgabe (2002), in dem er Dokumente des ungarischen Geheimdienstes mit Tagebuchnotizen und Zitaten aus Harmonia Caelestis konfrontiert, mit dem lange verborgenen Leben des Vaters auseinander, den er liebt, für den er sich schämt, dessen Doppelspiel ihn erschüttert, dessen »andere Geschichte« aber auch zur Geschichte seines Landes und Europas gehört. Péter Esterházy ist am 14. Juli 2016 in Budapest verstorben.

Auszeichnungen

2013 Jeanette Schocken Preis
2009 Manès-Sperber-Preis
2009 Deutscher Fußball-Kulturpreis, Kategorie „Fußballbuch des Jahres“
2007 Komtur des Verdienstordens der Republik Ungarn
2004 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels


2001 Ungarischer Literaturpreis
2001 Sándor-Márai-Preis
1999 Österreichischer Staatspreis für europäische Literatur
1996 Kossuth-Preis

Bibliographie

Verbesserte Ausgabe

Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki, Hanser Berlin, Berlin 2018, ISBN 978-3-446-25905-8, Paperback, 376 Seiten, 26.00 EUR; Berlin Verlag, Berlin 2003, ISBN 9783827004970, Gebunden, 372 Seiten, 22.00 EUR

Harmonia Caelestis. Roman

Aus dem Ungarischen von Terezia Mora, Hanser Berlin, Berlin 2017, ISBN 978-3-446-25587-6, Paperback, 928 Seiten, 26.00 EUR; Berlin Verlag, Berlin 2001, Gebunden, 800 Seiten, 34.77 EUR

Bauchspeicheldrüsentagebuch

Aus dem Ungarischen von György Buda, Hanser Berlin, Berlin 2017 ISBN 9783446255449, Gebunden, 240 Seiten, 20.00 EUR

Mehr anzeigen

Die Flucht der Jahre

Marianna D. Birnbaum: Ein Gespräch mit Péter Esterházy. Aus dem Ungarischen von Laszlo Kornitzer, Hanser Berlin, Berlin 2017, ISBN 978-3-446-25545-6, Fester Einband, 160 Seiten, 20.00 EUR

Die Markus-Version. Einfache Geschichte Komma hundert Seiten

Aus dem Ungarischen von Heike Flemming, Hanser Berlin, Berlin 2016, ISBN 9783446250734, Gebunden, 112 Seiten, 16.90 EUR

Die Mantel-und-Degen-Version. Einfache Geschichte Komma hundert Seiten

Aus dem Ungarischen von Heike Flemming, Hanser Berlin, Berlin 2015, ISBN 9783446247789, Gebunden, 240 Seiten, 19.90 EUR

Esti. Roman

Aus dem Ungarischen von Heike Flemming. Hanser Berlin, Berlin 2013 ISBN 9783446241459, Gebunden, 368 Seiten, 24.90 EUR

Ein Produktionsroman. (Zwei Produktionsromane)

Aus dem Ungarischen von Terezia Mora, Berlin Verlag, Berlin 2010 ISBN 9783827004079, Gebunden, 538 Seiten, 36.00 EUR

Keine Kunst. Erzählung

Aus dem Ungarischen von Terezia Mora, Berlin Verlag, Berlin 2009 ISBN 9783827008152, Gebunden, 252 Seiten, 22.00 EUR

Eine, zwei, noch eine Geschichte/n

Mit Imre Kertesz und Ingo Schulze, Berlin Verlag, Berlin 2008, Gebunden, 95 Seiten, 12.00 EUR

Einführung in die schöne Literatur

Aus dem Ungarischen von Bernd-Rainer Barth, György Buda, Zsuzsanne Gahse, Angelika Mate, Peter Mate, Terezia Mora und Hans-Henning Paetzke, Berlin Verlag, Berlin 2006, ISBN 9783827005397, Gebunden, 892 Seiten, 48.00 EUR

Deutschlandreise im Strafraum

Aus dem Ungarischen von György Buda, Berlin Verlag, Berlin 2006 ISBN 9783827006448, Gebunden, 184 Seiten, 12.90 EUR

Die Hilfsverben des Herzens. Roman

Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 9783518223741, Gebunden, 131 Seiten, 11.80 EUR

Fancsiko und Pinta. Geschichten auf ein Stück Schnur gefädelt

Aus dem Ungarischen von Zsuzsanna Gahse, Berlin Verlag, Berlin 2002 ISBN 9783827004062, Gebunden, 142 Seiten, 14.00 EUR

Thomas Mann mampft Kebab am Fuße des Holstentors. Geschichten und Aufsätze

Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1999, ISBN 9783701711703, gebunden, 156 Seiten, 19.43 EUR

Eine Frau

Aus dem Ungarischen von Zsuzsanna Gahse, Residenz Verlag, Salzburg 1996, 192 Seiten (vergriffen); Berliner Taschenbuch Verlag BVT, Berlin 2002, ISBN 3-8333-0316-6, 192 Seiten, 8.90 EUR

Donau abwärts. Roman

Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki, Residenz Verlag, Salzburg 1992, 272 Seiten, 23.10 EUR

Das Buch Hrabals. Roman

Aus dem Ungarischen von Zsuzsanna Gahse, Residenz Verlag, Salzburg 1991, 196 Seiten, (vergriffen); Berliner Taschenbuch Verlag BVT, Berlin 2004, ISBN 3-8333-0032-9, 208 Seiten, 8.90 EUR

Laudator Michael Naumann

Michael Naumann, 1941 im anhaltinischen Köthen geboren, studiert in München Politische Wissenschaften, Geschichte und Philosophie und promoviert 1969 mit einer Arbeit über Karl Kraus. 1970 wird er, ehe er als Ressortleiter „Ausland“ zum Spiegel wechselt, Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT und leitet dort 1979 nach einem Forschungsaufenthalt in Oxford und seiner Habilitation in Bochum die erste Dossier-Redaktion.


1985 wird Naumann zum Leiter der Rowohlt Verlage berufen und wechselt 1995 an die Spitze der New Yorker Verlage Metropolitan Books und Henry Holt. Im Oktober 1998 ernennt ihn Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Staatsminister für Kultur und Medien, eine Aufgabe, die er bis November 2000 übernimmt. Dabei setzt er sich insbesondere für die Verteidigung der Buchpreisbindung und die Modernisierung des Stiftungsrechts ein.

2001 wird Michael Naumann als Mitherausgeber und bis 2004 als Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT tätig. 2004 rettet er gemeinsam mit Tilman Spengler das „Kursbuch“. Zusammen mit Klaus Harpprecht folgt er Hans-Magnus Enzensberger als Herausgeber der „Anderen Bibliothek“. Seit 2010 ist Michael Naumann Herausgeber von „Cicero“.