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Friedenspreis 1980

Ernesto Cardenal

1980 wurde der nicaraguanische katholische Priester, Schriftsteller und Politiker Ernesto Cardenal mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Die Verleihung fand am Sonntag, den 12. Oktober 1980, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hielt Johann Baptist Metz.

Begründung der Jury

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahre 1980 Ernesto Cardenal, dem prophetischen Sucher nach Wahrheit, der in seiner Dichtung die Möglichkeit findet, Denken und Leben zu einer Einheit zu bringen, indem er die Würde des Menschen, seinen Anspruch auf Leben und Liebe, Freiheit und Frieden verteidigt.

Ein wortgewaltiger Mahner, der sein dichterisches Werk gegen die Hoffnungslosigkeit stellt und die Liebe als einziges Element der Veränderung kennt.

Preisverleihung

Ernesto Cardenal hält seine Dankesrede zum Friedenspreis 1980.

Reden

Sie kämpfen für Ihr Volk, für ein menschenwürdiges Dasein Ihrer Mitbürger, die gefangen waren in einem nicht enden wollenden schwarzen Schlaf der Unterdrückung und Unfreiheit. Ein Schlaf, ein Alptraum aus dem Sie sie erweckt haben zu einer neuen Helligkeit des Bewußtseins.

Rolf Keller - Grußwort
Rolf Keller
Grußwort des Vorstehers

Durch das gesamte Werk Cardenals zieht sich die Utopie einer künftigen gewaltfreien Gesellschaft; alles an ihm zielt in Richtung einer gewaltfreien Friedenskultur. So wächst bei ihm das revolutionäre Bewußtsein über den Teufelskreis der Gewalt hinaus.

Johann Baptist Metz - Laudatio auf Ernesto Cardenal
Johann Baptist Metz
Laudatio

Ich glaube an das Himmelreich. Ich glaube, daß das Himmelreich die Erde und der Kosmos sind, die Gesellschaft der bewohnten Planeten. Und ich glaube an die Auferstehung der Toten in diesem Reich.

Ernesto Cardenal - Dankesrede
Ernesto Cardenal
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1980

+++ Anfang Januar 1980 konstituiert sich die Partei »Die Grünen« als Bundespartei. Im gleichen Monat werden die Grenzen zwischen Israel und Ägypten offiziell geöffnet. Beide Länder haben sich nach mehr als 30 Jahren Feindseligkeiten auf eine friedliche Nachbarschaft geeinigt. +++ Die UN-Vollversammlung fordert mit großer Mehrheit den unverzüglichen Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan. Rund 30 Staaten, darunter die USA und die Bundesrepublik, boykottieren die Olympiade in Moskau. +++


US-Präsident Carter gibt das Scheitern einer militärischen Aktion zur Befreiung der amerikanischen Geiseln im Iran bekannt. Acht Todesopfer fordert der vergebliche Versuch, die 53 in der US-Botschaft in Teheran festgehaltenen Geiseln zu befreien. +++ Hervorgerufen durch die schwierige wirtschaftliche Lage des Landes und die damit verbundenen Preissteigerungen kommt es im August in Polen zu einer das ganze Land erfassenden Streikbewegung, die auf der Danziger Lenin-Werft ihren Anfang nimmt. Die Gewerkschaftsorganisation Solidarnoœæ und deren Wortführer Lech Walesa verhandeln mit der Regierung im »Danziger Abkommen« über das Streikrecht, das Recht auf Bildung unabhängiger Gewerkschaften und die Meinungsfreiheit. +++ Der Irak kündigt das 1975 in Algier mit dem Iran geschlossene Abkommen über den Grenzverlauf zwischen beiden Staaten auf. Irakische Truppen fallen am 22. September in die erdölreiche iranische Provinz Khuzestan ein. Damit weitet sich der seit Monaten schwelende Grenzkonflikt zu einem offenen Krieg aus, dem Ersten Golfkrieg, der bis 1988 dauert. +++ Der Film "Die Blechtrommel" von Volker Schlöndorff nach dem Roman von Günter Grass wird im April als bester ausländischer Film mit dem Oscar ausgezeichnet. +++ Im November bricht die neueste Folge der TV-Serie Dallas in den USA und ab 1981 in Deutschland alle Zuschauerrekorde. +++ Am 8. Dezember wird John Lennon in New York auf offener Straße erschossen. +++

Biographie Ernesto Cardenal

Ernesto Cardenal, geboren am 20. Januar 1925 als Sohn einer wohlhabenden Patrizierfamilie in Granada / Nicaragua, beginnt nach dem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaften in Mexiko und New York mit literarischen Arbeiten und engagiert sich bereits während der Studienzeit gegen den damaligen Diktator Nicaraguas Anastasio Somoza García. 1956 muss er seine Heimat verlassen und tritt als Schüler Thomas Mertons in ein amerikanisches Trappistenkloster ein.


1965 wird er nach dem Theologiestudium in Mexiko und Kolumbien zum Priester geweiht und gründet auf der Insel Solentiname eine christliche Gemeinschaft. In seinen Schriften wird er zu einem leidenschaftlichen Ankläger der Gewalt. Er gilt als Begründer der Theologie der Befreiung, die er in seiner sozialkritischen Schrift Theologie der Bauern von Solentiname (1975) darlegt. Seine Pfarrei wird 1977 von der nicaraguanischen Nationalgarde zerstört, Cardenal muss ins benachbarte Costa Rica fliehen.

Nach der sandinistischen Revolution im Jahr 1979 kehrt er in seine Heimat zurück und wird zum Kulturminister ernannt. Er gründet, als dieses Ministerium 1987 aufgelöst wird, zusammen mit Dietmar Schönherr das internationale Kultur- und Entwicklungsprojekt »Casa de los tres mundos« in Granada, das er auch heute noch unterstützt. Doch widmet er sich hauptsächlich der Vollendung seines poetischen Werkes.

Im September 2008 kritisiert Cardenal öffentlich die Amtsführung und den Lebensstil des nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega und gerät dadurch in seinem Heimatland trotz der Unterstützung zahlreicher Schriftsteller und Politiker unter politischen Druck.

Ernesto Cardenal lebt in Managua und Granada. Am 1. März 2020 verstirbt er in Managua.

Auszeichnungen

2014 Theodor-Wanner-Preis für den Dialog der Kulturen, 25. Juni 2014
2012 Premio Reina Sofía
2010 Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse
2009 Premio Iberoamericano de Poesía Pablo Neruda
2009 GLOBArt Award in der Klosterkirche Pernegg
1980 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Bibliographie

Diese Welt und eine andere

Aus dem Spanischen von Lutz Kliche, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2013, 160 Seiten, ISBN 978-3-7795-0475-7, 19.90 EUR

Psalmen

Aus dem Spanischen von Stefan Baciu, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 3., veränd. Neuausg. 2008, ISBN 978-3-7795-0174-9, 96 Seiten, 14.90 EUR

Gesänge des Universums. Cantico Cosmico

Aus dem Spanischen von Lutz Kliche,m Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1995, 506 Seiten, 2 Bände in einem Schuber, ISBN 978-3-87294-549-5, 34.90 EUR

Laudator Johann Baptist Metz

Johann Baptist Metz wurde am 5. August 1928 in Welluck geboren. Er wird zu den führenden katholischen Theologen im deutschsprachigen Raum gezählt und gilt als Mitbegründer der neuen Politischen Theologie, die unter anderem Einfluss auf die Theologie der Befreiung speziell in Lateinamerika ausübte.


Er studierte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Bamberg sowie an den Universitäten Innsbruck und München katholische Theologie und Philosophie. 1954 wurde er zum Priester geweiht. Von 1963 bis 1993 war er ordentlicher Professor und Direktor des Seminars für Fundamentaltheologie an der Universität Münster. Der Fundamentaltheologe und Schüler Karl Rahners gehörte zu den Mitgliedern des Gründungsausschusses der Universität Bielefeld und war führendes Mitglied der internationalen Paulus-Gesellschaft, die sich u. a. dem christlich-marxistischen Dialog widmete Nach dem II. Vatikanischen Konzil war er 1968-1973 Konsultor des päpstlichen Sekretariats für die Ungläubigen. 1971-1975 fungierte er als Berater bei der Würzburger Synode der Bistümer der Bundesrepublik und war außerdem Hauptautor des Synodenbeschlusses „Unsere Hoffnung. Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit“. 1984 erhielt er eine Gastprofessur in Boston/USA. 1993, nach seiner Emeritierung in Münster, übernahm er eine mehrjährige Gastprofessur für Religionsphilosophie und Weltanschauungslehre an der Universität Wien.

Johann Baptist Metz starb am 2. Dezember 2019 im Alter von 91 Jahren in Münster.

(vgl. Eintrag „Metz, Johann Baptist“ in Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv)