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Friedenspreis 1979

Yehudi Menuhin

1979 wurde der Violinist und Dirigent Yehudi Menuhin mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Die Verleihung fand am Sonntag, den 27. September 1979, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hielt Pierre Bertaux.

Begründung der Jury

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahre 1979Yehudi Menuhin. Die Musik ist für ihn ein Medium, um Völker, Rassen und Zivilisationen einander näherzubringen. Wir ehren einen mutigen Mann und Idealisten, der durch seine menschliche und künstlerische Haltung und durch seine pädagogische Arbeit unbeirrt für Gerechtigkeit und Versöhnung eintritt.
Mit ihm wird zum ersten Mal ein Interpret ausgezeichnet, der seine Kunst als Möglichkeit begreift, die Stimme für Humanität und Frieden zu erheben.

Reden

Wir zeichnen einen Mann aus, der nicht nur kraft des Wortes wirkt, sondern kraft der Sprache, die ohne Dolmetscher für jeden, der Ohren hat zu hören, verständlich ist. Wir zeichnen in Yehudi Menuhin den Menschen aus, der als Künstler für die ganze Welt sprechen kann, der den Frieden als das unverzichtbare Teil des menschlichen Glücks erkannt hat, der ohne Einschränkung für die Verständigung unter den Menschen, für Freundschaft und Freiheit eintritt.

Rolf Keller - Grußwort
Rolf Keller
Grußwort des Vorstehers

Du, Yehudi, wußtest schon immer, daß die Musik eine unter allen Umständen friedenstiftende Macht ist, hattest an sie geglaubt und glaubst weiterhin an sie, übst sie in diesem Geiste unentwegt aus.

Pierre Bertaux - Laudatio auf Yehudi Menuhiin
Pierre Berteaux
Laudatio

Die europäische Gabe der Harmonie ist die Integration vieler Stimmen in einem gemeinsamen Liede: dem Choral. Er, der das musikalische Gegenstück eines Parlamentes ist, in dem verschiedene Stimmen, deren Grundrhythmen und Grundsätze die gleichen sind, sich den Grundgesetzen gemäß, die ihr Zusammenwirken beherrschen, zusammenfinden, er läßt, in dem er dauernde Dissonanz verhindert, ständig die Auflösung von Dissonanz zu.

Yehudi Menuhin - Dankesrede
Yehudi Menuhiin
Dankesrede des Preisträgers
Yehudi Menuhiin
Partitur Ciaccona aus der Partita in d-moll für Solo-Violine BWV 1004

Chronik des Jahres 1979

+++ Nach 38 Jahren Herrschaft verlässt der Schah von Persien im Januar 1979 den Iran. Seine Armee löst sich nach Kämpfen mit meuternden Luftwaffenkadetten und bewaffneten Anhängern des Schiitenführers Ajatollah Khomeini auf. Bei seiner Rückkehr nach 15 Jahren Exil proklamiert Khomeini eine Revolutionsregierung, die im weiteren Verlauf des Jahres mit ihren Vorschriften die bürgerlichen Rechte beschneidet. +++ Mitte März wird in Frankfurt am Main die politische Vereinigung »Die Grünen« gegründet. Zwei Wochen später fällt im Kernkraftwerk Three Miles Island bei Harrisburg / Pennsylvania das Kühlsystem aus. Bei dem bis dahin schwersten Störfall in der Geschichte der Kernenergie wird Uranium überhitzt und die Brennstäbe zerbrechen. +++


Exiltruppen stürzen mithilfe des tansanischen Militärs Anfang April den ugandischen Diktator Idi Amin Dada, der nach Libyen fliehen kann. Während seiner achtjährigen Gewaltherrschaft wurden mindestens 300 000 Menschen umgebracht. +++ Karl Carstens (CDU) wird am 23. Mai als Nachfolger von Walter Scheel zum Bundespräsidenten gewählt. +++ Im Juni findet die erste Direktwahl des Europäischen Parlaments statt. +++ In Nicaragua siegt Mitte Juli die sandinistische Befreiungsfront nach blutigem Bürgerkrieg und vertreibt den Diktator Somoza, der mit seiner Familie das Land seit 1937 beherrscht und systematisch ausgebeutet hatte. +++ Die Ausstrahlung der US-Fernsehserie »Holocaust« über die Verfolgung und den Mord an den Juden in der NS-Zeit löst im Februar bundesweit Betroffenheit und eine neue Debatte über den Umgang mit der NS-Vergangenheit aus. +++ Ende April verschärft der Bundesgerichtshof die bisherige Rechtsprechung bei Verwendung nationalsozialistischer Embleme und entscheidet, dass eine Leugnung der Judenvernichtung (»Auschwitz-Lüge«) im Nationalsozialismus einen Beleidigungstatbestand bildet. +++ Sowjetische Truppen überschreiten am 27. Dezember die Grenze nach Afghanistan und besetzen die Hauptstadt Kabul. +++

Biographie Yehudi Menuhin

Yehudi Menuhin, geboren am 22. April 1916 in New York, tritt bereits im Alter von sieben Jahren als Geiger mit dem San Francisco Symphony Orchestra auf. Seinen musikalischen Durchbruch erreicht er als Zwölfjähriger im Jahr 1929 mit den Berliner Philharmonikern.
Durch sein Konzert im befreiten Konzentrationslager Bergen-Belsen kurz nach Kriegsende setzt er ein deutliches Signal für einen Weg der Verständigung. Er ist der erste jüdische Musiker, der nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Deutschland auftritt.


Während des Kalten Krieges tritt Menuhin für viele Musiker im Osten ein, als Präsident des Musikrates der UNESCO (1969–75) setzt er diesen Kurs der Vermittlung und Annäherung zwischen den Nationen und Kulturen fort.

1963 gründet er in Surrey / England die Menuhin School of Music. Kurz vor seinem Tod gründet er 1999 die Yehudi Menuhin Stiftung Deutschland. Die Arbeit der Stiftung trägt dazu bei, dass Kinder – insbesondere in sozialen Brennpunkten – in ihrer Kreativität gefördert, in ihrer Ausdrucksfähigkeit und ihrer Persönlichkeit gestärkt und in ihrer sozialen Kompetenz unterstützt werden.

Yehudi Menuhin stirbt am 12. März 1999 im Alter von 82 Jahren.

Auszeichnungen

1997 Prinz-von-Asturien-Preis
1997 Otto-Hahn-Friedensmedaille in Gold der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN)
1997 Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik


1997 Schallplattenpreis „Echo Klassik“ der Deutschen Phono-Akademie
1993 Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“
1992 Musikpreis der Stadt Duisburg
1991 Ricardo-Wolf-Preis
1990 Glenn-Gould-Preis
1990 Brahms-Preis
1989 Buber-Rosenzweig-Medaille
1987 Order of Merit, Großbritannien
1986 Moses-Mendelssohn-Preis
1986 Großoffizier der französischen Ehrenlegion
1985 Concord-Preis
1984 Ernst-von-Siemens-Musikpreis
1980 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern
1980 Ernst-Reuter-Plakette
1979 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1972 Léonie-Sonning-Musikpreis
1969 Jawaharlal-Nehru-Preis für internationale Verständigung
1968 Grammy Award für die beste Kammermusik-Darbietung
1956 Großes Bundesverdienstkreuz

Laudator Pierre Bertaux

Pierre Bertaux, am 8. Oktober 1907 in Lyon geboren, gilt als einer der bedeutendsten französischen Germanisten und hat sich insbesondere auf dem Gebiet der Hölderlin-Forschung verdient gemacht. Er studierte Germanistik in Paris und Berlin und wurde 1936 mit seiner Dissertation „Hölderlin. Essai de biographie intérieure“ zum Docteur ès lettres in Frankreich promoviert.


Anschließend arbeitete er zunächst in der Politik, von 1936 bis 1937 als Kabinettschef beim Unterstaatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten, dann im Erziehungsministerium. Von 1939 bis 1940 war er in der französischen Armee und kämpfte während des Zweiten Weltkriegs als einer der führenden Männer in der französischen Restistance. Im Nachkriegsfrankreich wurde Pierre Bertaux nach verschiedenen hochrangigen Verwaltungstätigkeiten zum Direktor der Sûreté nationale ernannt.

1958 schlug er wieder eine akademische Laufbahn ein, von 1965 bis 1981 war er Professor an der Pariser Sorbonne. Darüber hinaus gründete er 1968 das Institut d'allemand d'Asnières an der Universität Paris als Laboratorium für neue Formen der Germanistik. Seine umstrittene These, dass Hölderlin nicht dem Wahnsinn verfiel, sondern diesen vortäuschte, um aus der Gesellschaft auszusteigen, tat seiner Reputation als Germanist keinen Abbruch. Pierre Bertaux starb am 13. August 1986 im Alter von 78 Jahren in Saint-Cloud (Hauts de Seine).