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Friedenspreis 1968

Léopold Sédar Senghor

Der Stiftungsrat des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt den senegalesischen Dichter und Politiker Léopold Sédar Senghor zum Träger des Friedenspreises 1968. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 22. September 1968, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält François Bondy.

Begründung der Jury

Der Dichter, Staatsmann und Philosoph Léopold Sédar Senghor hat in seinem Wirken ein eigenes und universales Selbstbewußtsein des Afrikaners entwickelt.


In dem Urgrund der schwarz-afrikanischen Seele wurzelnd, sucht Senghor trotz der leidvollen Geschichte Afrikas, gebildet an europäischem Geist, nach einer in der Schöpfung angelegten Harmonie zwischen den Erdteilen. Sein dichterisches Werk ist eine Stimme ohne Haß, gelenkt von der Klugheit und Festigkeit seines Herzens. Er strebt nach dem Ausgleich zwischen Poesie und Politik. Sein Ziel ist die Versöhnung auf den Fundamenten einer "culture universelle" und der gegenseitigen Achtung der Würde des Menschen.

Durch die Verleihung des Friedenspreises ehren wir dankbar den Mut und die Kraft eines Mannes, dessen Leben der Freundschaft und dem Frieden zwischen den Völkern, den Rassen und den Religionen gewidmet ist.

Preisverleihung

Reden

Worte allein tun es wahrlich nicht - zumal in einem Jahrhundert, in dem der Mißbrauch der menschlichen Sprache zum Geschwätz und zum Zwecke zynischer Verdrehungen und widerwärtiger Lügen eine ungeahnte Perfektion erreicht hat.

Friedrich Georgi - Grußwort
Friedrich Georgi
Grußwort des Vorstehers

Für Sie lag Afrika niemals »im Herzen der Finsternis«. Auch sind Sie nicht - im Sinne des früh verstorbenen Martiniquesen Frantz Fanon, der Botschafter des kämpfenden Algeriens und Ghanas wurde und der jetzt unter den Anhängern des »Black Power« in den Vereinigten Staaten intensiv gelesen wird - ein »Verdammter dieser Erde«.

François Bondy - Laudatio auf Léopold Sédar Senghor
François Bondy
Laudatio

Schritt für Schritt können wir so in Zukunft – und ja auch schon heute – jene ‚Weltkultur’ entstehen sehen, die ein gemeinsames Werk aller verschiedenen Kulturen sein wird, da alle Kontinente, alle Völkerschaften und alle Nationen an ihr mitwirken. Wenn ich sage ‚alle Nationen’, dann meine ich, daß alle – auch die kleineren und kleinsten Nationen – ohne jede Einmischung der Großmächte selber über ihre Entwicklung entscheiden.

Léopold Séder Senghor - Dankesrede
Léopold Sédar Senghor
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1968

+ + + Vietcong-Verbände und Truppen aus Nordvietnam starten Ende Januar 1968 eine Großoffensive, die den Rückzug der USA aus Vietnam einleitet. + + + Im März verüben US-Soldaten ein Massaker an Einwohnern des südvietnamesischen Dorfes My Lai. 507 Menschen kommen ums Leben. Das Dorf wird zum Sinnbild eines Krieges, dessen Leidtragende vor allem die Zivilisten sind. + + + In Memphis wird am 4. April der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King durch Schüsse eines weißen Attentäters getötet. Die Nachricht von seinem Tod löst in vielen Städten der USA Unruhen und Krawalle aus. + + +


+ + + Anfang April setzen Anhänger der APO zwei Frankfurter Kaufhäuser in Brand. Die Brandstifter, unter ihnen Andreas Baader und Gudrun Ensslin, werden zu drei Jahren Haft verurteilt. + + + Eine Woche später wird Rudi Dutschke von einem 23-jährigen Arbeiter niedergeschossen und schwer verletzt. Der Anschlag führt in vielen Teilen der Bundesrepublik zu teilweise blutigen Auseinandersetzungen von Demonstranten mit der Polizei. Ende Mai beschließt der Bundestag die Notstandsverfassung, die unter anderem den Einsatz der Bundeswehr bei inneren Unruhen genehmigen kann. + + + In der CSSR wird der Reformpolitiker Alexander Dubèek zum neuen Generalsekretär gewählt. Dubèek versucht, einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« zu verwirklichen. Die UdSSR unterstützt ihn zunächst, befürchtet jedoch bald den Verlust nicht nur ihres Einflusses in Prag, sondern auch ihrer Hegemonie im Ostblock. Am 20./21. August wird der »Prager Frühling« von Truppen des Warschauer Paktes niedergeschlagen. + + +

Biographie Léopold Sédar Senghor

Léopold Sédar Senghor, geboren am 9. Oktober 1906 in Joal, im damaligen Französisch-Westafrika, arbeitet nach dem Studium ab 1935 in Tours als Lehrer. Er kämpft im Zweiten Weltkrieg in der französischen Armee und gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft, wird aber 1943 wegen Krankheit entlassen.

Drei Jahre später wird er in den Generalrat der Senegal-Region der Kolonie Französisch-Westafrika gewählt und setzt sich als Abgeordneter in der französischen Nationalversammlung für die Unabhängigkeit Senegals ein. Durch seine Initiative wird 1952 in Dakar eine Hochschule errichtet, aus der 1957 die erste Universität im Senegal entsteht.


1956 wird Senghor Staatssekretär für Wissenschaft beim französischen Präsidenten. 1959 erhält Senegal als Föderation Mali seine Unabhängigkeit und Senghor wird zum ersten Präsidenten gewählt. 1980 tritt er als Staatspräsident ab und arbeitet fortan als Präsident der Sozialistischen Internationale in Afrika.

Als Humanist, Philosoph und Dichter zählt Senghor zu den herausragenden Persönlichkeiten Afrikas seiner Zeit. Neben seinem Einsatz für eine politische Unabhängigkeit und geistige Emanzipation der Afrikaner werden seine Äußerungen zur Négritude aber auch kritisiert, weil sein Postulat über das intuitive Wirklichkeitsverständnis des Schwarzafrikaners als gleichwertiges Gegengewicht zur manipulativen technischen Rationalität des Europäers auch missverstanden werden könnte.

Léopold Sédar Senghor stirbt am 20. Dezember 2001 im Alter von 95 Jahren.

Auszeichnungen

1996 Lifetime Award des Grand Prix littéraire de l’Afrique noire 
1996 Großkreuz der französischen Ehrenlegion
1983 Dr.-Leopold-Lucas-Preis
1981 Auszeichnung Schärfste Klinge der Stadt Solingen
1968 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 
1965 Dag Hammarskjöld-Preis

Bibliographie

Sterne auf der Nacht deiner Haut. Gedichtband

1994

Dialog mit Afrika und dem Islam. Essays

1987

Poèmes. Gedichte

1984

Liberté. Essays

1983

Gesammelte Gedichte

1977

Négritude und Humanismus. Essays

1967

Mehr anzeigen

Botschaft und Anruf. Gedichtband

1963

Esthétique négro-africaine

1956

L'Apport de la poésie nègre

1953

Langage et poésie négro-africaine

1954

Nocturnes. Gedichte

1961

Ethiopiques. Gedichte

1956

Schwarzer Orpheus. Gedichtband

1954

Chants pour Naëtt. Gedichte

1949

Hosties noires. Gedichte

1948

Chants d'hombre. Gedichte

1945

Laudator François Bondy

François Bondy, geboren am 1. Januar 1915 in Berlin, aufgewachsen in der Schweiz und Frankreich, studierte an der Pariser Sorbonne Germanistik und arbeitete fortan als Redakteur. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung wurde er 1941 von der deutschen Besatzungsmacht interniert und anschließend ausgewiesen.


In Zürich arbeitet er als politischer Redakteur bei der Weltwoche, danach war er als redaktioneller oder auch freier Journalist und Literaturkritiker bei zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften, nach 1945 auch in Deutschland, tätig. Er war Autor zahlreicher Werker zur Gegenwartsliteratur und arbeitete als Übersetzer vornehmlich für französischsprachige Autoren und Autorinnen.

François Bondy verstarb am 27. Mai 2003 in Zürich im Alter von 88 Jahren.