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Friedenspreis 1967

Ernst Bloch

Der Stiftungsrat Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat den deutschen Philosophen Ernst Bloch zum Träger des Friedenspreises 1967 gewählt. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 15. Oktober 1967, in der Paulskirche statt. Laudator ist Werner Maihofer.

Begründung der Jury

Ernst Bloch,

dem großen Denker unserer Zeit,
dessen Philosophie der Hoffnung neue Wege und Ziele weist,
der die Verhältnisse nicht als Schicksal hinnimmt, sondern als Aufgabe deutet,
der kämpfend und fordernd die Zeit und den Menschen zu wandeln sucht,
der mit der Kraft des Geistes und der Gewalt der Sprache die Menschheit aufrüttelt,
der Überkommenenes in Frage stellt und Überliefertes neu durchdenkt,
der visionär das Bild des Menschen und seiner Zukunft entwirft und Utopie zur Hoffnung werden läßt,
verleiht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den

Friedenspreis 1967.

Preisverleihung

Der Denker vor den Denkern: Ernst Bloch am Stand des Suhrkamp Verlags auf der Frankfurter Buchmesse.

Reden

Aber wir haben es alle erlebt und erleben es täglich neu, daß die lautstarke und wiederholte Bekundung eines Friedenswillens oft das Gegenteil verdecken soll. Welch widerwärtige Verachtung des Menschen spricht aus jener so häufig erkennbaren - manchmal allerdings nicht so leicht durchschaubaren Diskrepanz zwischen Reden und Handeln!

Friedrich Georgi - Grußwort
Friedrich Georgi
Grußwort des Vorstehers

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ehrt mit der Verleihung seines diesjährigen Preises den freien Geist eines großen Mannes und sein Werk für den Frieden in unserer künftigen Welt. Er ehrt sich damit selbst und unsere freie und offene Gesellschaft. Vielen ein Zeichen. Es geht wieder Hoffnung um in unserem Lande.

Werner Maihofer - Laudatio auf Ernst Bloch
Werner Maihofer
Laudatio

Denn Wahrheit, dies ernsteste Wort, ist mit dem Vorhandenen nicht erschöpft. Tausend Jahre Unrecht machen keine Stunde Recht, tausendfach reproduzierter Krieg entwertet nicht, was ihn endlich aufheben will und könnte.

Ernst Bloch - Dankesrede (Manuskriptversion)
Ernst Bloch
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1967

+ + +  Die Volkskammer der DDR verabschiedet im Februar 1967 das Gesetz über die Staatsangehörigkeit und proklamiert damit eine eigenständige Nation.  + + +  In der Nähe von Cornwall läuft im März der Supertanker »Torrey Canyon« auf ein Riff und verursacht die erste große Ölkatastrophe vor einer europäischen Küste.  + + +  Im April werden im früheren Salzbergwerk Asse zum ersten Mal in der Bundesrepublik radioaktive Abfälle gelagert.  + + +


+ + + Altbundeskanzler Konrad Adenauer stirbt am 19. April im Alter von 91 Jahren.  + + +  Mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni bei einer Demonstration gegen den Besuch des persischen Schahs von einem für – wie sich später herausstellt – die Stasi arbeitenden Polizisten erschossen wird, beginnt die Studentenrevolte. Sie richtet sich als außerparlamentarische Opposition (APO) mit Rudi Dutschke an der Spitze gegen die US-Intervention in Vietnam, gegen die geplanten Notstandsgesetze und tritt für eine basisdemokratische Reform des Hochschulwesens ein.  + + +  Israel schlägt im Juni in einem Sechs-Tage-Krieg seine arabischen Nachbarn und besetzt die Sinai-Halbinsel, Teile Jordaniens und Alt-Jerusalems. Die von der Arbeiterpartei geführte israelische Regierung vereinigt formell beide Teile Jerusalems.  + + +  Der Guerilla-Kämpfer Ernesto »Che« Guevara Serna stirbt am 9. Oktober bei einem Gefecht mit bolivianischen Regierungstruppen.  + + +  Im November 1967 werden erstmals die US-Verluste in Vietnam seit Ausbruch des Krieges 1961 bekannt: 15 058 Tote und 109 527 Verwundete.  + + +  

Biographie Ernst Bloch

Ernst Bloch, geboren am 8. Juli 1885 in Ludwigshafen am Rhein, studiert in München und Würzburg Philosophie. In den Jahren nach seiner Promotion schließt er Freundschaft mit Georg Lukács und verkehrt im Heidelberger Kreis um Max Weber.


Während des Ersten Weltkriegs, den Bloch als deutschen Eroberungskrieg empfindet, geht er von 1917 bis 1919 in die Schweiz. Dort erscheint 1918 sein Frühwerk Geist der Utopie. In den 1920er Jahren lebt Bloch als Autor in Berlin und pflegt regen Austausch mit Künstlern und Philosophen wie Theodor W. Adorno, Bertolt Brecht, Otto Klemperer und Kurt Weill. 1933 wird er ins Schweizer Exil gezwungen und lebt ab 1938 in den USA. Hier entsteht das Manuskript zu seinem Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung.

Nach dem Krieg lehrt Bloch an der Leipziger Universität. Nach dem ungarischen Volksaufstand 1956 geht er auf kritische Distanz zum SED-Regime und verlässt, nach erzwungener Emeritierung, die DDR, um ab 1961 in Tübingen zu lehren. Bloch, der Begründer einer »neuen Metaphysik«, gilt als einer der geistigen Wegbereiter der Studentenbewegung in den späten 60er Jahren, doch ohne deren dogmatische Züge. Eine enge Freundschaft verbindet ihn mit Rudi Dutschke, den er als möglichen Nachfolger für die Entwicklung seiner gesellschaftspolitischen Ideen sieht.

Bis zuletzt tätig, stirbt Ernst Bloch am 4. August 1977 im Alter von 92 Jahren.

Auszeichnungen

1975 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa
1975 Ehrendoktor der Sorbonne in Paris und der Universität Tübingen
1970 Ehrenbürgerschaft der Geburtsstadt Ludwigshafen
1967 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Bibliographie

Logos der Materie. Eine Logik im Werden. Aus dem Nachlass 1923–1949

Suhrkamp Verlag, 2000

Fabelnd Denken. Essayistische Texte aus der “Frankfurter Zeitung”

Klöpfer und Meyer, 1997

Experimentum Mundi. Frage, Kategorien des Herausbringens, Praxis,

Suhrkamp Verlag, 1975

Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz

Suhrkamp Verlag, 1972

Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz

Suhrkamp Verlag, 1970

Mehr anzeigen

Atheismus im Christentum

Suhrkamp Verlag, 1968

Tübinger Einleitung in die Philosophie

Suhrkamp Verlag, 1963

Naturrecht und menschliche Würde

1961

Widerstand und Friede. Aufsätze zur Politik

Suhrkamp Verlag, 1968

Das Prinzip Hoffnung

3 Bände, 1954–1959

Avicenna und die aristotelische Linke

(Leipzig 1949) Rütten & Loening, Berlin 1952.

Christian Thomasius

1949

Subjekt – Objekt

1949

Freiheit und Ordnung

Berlin, Aufbau-Verlag, 1947

Erbschaft dieser Zeit

Zürich, 1935

Spuren

Berlin, 1930

Geist der Utopie, endgültige Fassung

Paul Cassirer Verlag, Berlin 1923

Durch die Wüste – Kritische Essays

Paul Cassirer Verlag, Berlin 1923

Thomas Müntzer als Theologe der Revolution

München 1921

Geist der Utopie

München, 1918

Kritische Erörterungen über Heinrich Rickert und das Problem der Erkenntnistheorie

Dissertation, 1909

Laudator Werner Maihofer

Werner Maihofer, geboren am 20. Oktober 1918 in Konstanz, war als Vorsitzender der FDP-Programmkommission einer der Väter der sogenannten Freiburger Thesen, in der der ‚soziale Liberalismus‘ formuliert wurde, einer der Grundpfeiler für das Fortbestehen der sozialliberalen Koalition in den 1970er Jahren.


Im Alter von 18 Jahren nahm Maihofer als Eiskunstläufe an den Olympischen Spielen 1936 teil und trat 1937 in der Wehrmacht ein. Nach dem Krieg absolvierte er in Freiburg ein rechtswissenschaftliches Studium mit anschließender Promotion (1950) und Habilitation (1953). 1955 wurde er zum Professor an der Universität Saarbrücken berufen. 1970 wechselte er zur Universität Bielefeld.

1969 trat Maihofer der FDP bei und übernahm schnell politische Ämter, unter anderem als Bundesminister für besondere Aufgaben (1972-1974) und als Bundesinnenminister (1974-1978). Von seinem Amt zurücktreten musste er aufgrund illegaler Aktivitäten des Bundesverfassungsschutzes während der Terroraktivitäten der RAF, die er als der verantwortliche Minister gebilligt hatte.

Werner Maihofer verstarb am 6. Oktober 2009 in Bad Homburg im Alter von 90 Jahren.