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Friedenspreis 1969

Alexander Mitscherlich

Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt den Arzt, Psychoanalytiker und Schriftsteller Alexander Mitscherlich zum Träger des Friedenspreises 1969. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 12. Oktober 1969, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Heinz Kohut.

Begründung der Jury

Alexander Mitscherlich, Psychoanalytiker, Psychosomatiker, Schriftsteller und Sozialpsychologe, deckt durch seine Analysen Zwänge unserer Gesellschaft auf. Er deutet die Konflikte des Individuums wie die Unwirtlichkeit seiner Umwelt. Er legt Inhumanes bloß und trägt so zur Entwicklung von Modellen für eine sozial gerechte, lebenswürdige Zukunft bei.
Indem er menschliche Aggressivität bestimmt und sie zugleich zu meistern versucht, macht er die Idee des Friedens zu seiner Sache.
Alexander Mitscherlich wird der Friedenspreis 1969 zugesprochen.

Preisverleihung

Unter dem Titel „Plädoyer gegen die Dummheit“ berichtet die Berliner Zeitung am 13. Oktober 1969 von der Preisverleihung einen Tag zuvor.

Reden

Vom heutigen Preisträger stammt der Satz, daß der Friedenspreis eines der wenigen Beispiele sei, in denen sich der Begriff des Friedens mit dem Begriff deutsch verbinden lasse.

Werner E. Stichnote - Grußwort
Werner E. Stichnote
Grußwort des Vorstehers

Wenn eine solche Wissenschaft sich einmal ernstlich formen wird, eine Friedenswissenschaft, wie sie Mitscherlich in seiner Frankfurter Antrittsvorlesung (1968) nannte, die nicht nur die Hindernisse in der menschlichen Triebnatur erklären muß, die der Gewinnung des Friedens entgegenstehen, sondern auch, paradoxerweise, die Gefahren des Friedens für das Menschliche, dann wird Mitscherlich gewiß zu ihren Pionieren gezählt werden.

Heinz Kohut - Laudatio auf Alexander Mitscherlich
Heinz Kohut
Laudatio

Zwei Faktoren lassen sich benennen, die ernstlich im Lauf der Geschichte einer Entwicklung zu größerer Friedlichkeit im Wege standen. Sie tun es immer noch. Es sind dies die leicht weckbare Feindseligkeit des Menschen gegen seine Artgenossen und die, wie man zu sagen pflegt, unausrottbare Dummheit. Ich hebe diese beiden Faktoren aus vielen anderen heraus, die ich nicht leugne. Die kombinierten Funktionen von Feindseligkeit und hergestellter Dummheit scheinen mir besonders dringlich nach Untersuchung zu verlangen.

Alexander Mitscherlich - Dankesrede
Alexander Mitscherlich
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1969

+++ Jassir Arafat wird am 3. Februar 1969 zum Vorsitzenden der PLO gewählt. Drei Wochen später greift die israelische Luftwaffe Stützpunkte arabischer Widerstandsorganisationen in Syrien an. Der US-amerikanische Senat ratifiziert im März den sogenannten Atomwaffensperrvertrag. +++ John Lennon und seine Frau Yoko Ono inszenieren Mitte März in Amsterdam ein siebentägiges »Bed-in«, um für den Frieden in der Welt zu demonstrieren. +++


Der Bundestag verabschiedet einige rechtliche Neuerungen, die als erster Schritt zu einer großen Strafrechtsreform gesehen werden. Unter anderem wird die Zuchthausstrafe abgeschafft, Ehebruch und Homosexualität werden straffrei. Zudem werden uneheliche Kinder den ehelichen rechtlich gleichgestellt. Die Verjährungsfrist für Völkermord wird gänzlich aufgehoben. +++ In Cape Kennedy hebt am 17. Juli die »Apollo 11« ab. Vier Tage später betreten Edward Aldrin und Neil Armstrong als erste Menschen den Mond: “That’s a small step for a man, one giant leap for mankind.” +++ Nach der Ernennung von Gustav Heinemann zum neuen Bundespräsidenten im März wird mit der Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler am 21. Oktober eine neue Ära in der Außen- und vor allem in der Ostpolitik eingeläutet. In seiner ersten Regierungserklärung fasst Brandt mit dem Schlagwort »Mehr Demokratie wagen« seine innenpolitischen Vorstellungen zusammen. Im Zuge seiner »neuen Ostpolitik« spricht er als erster deutscher Politiker offiziell von zwei deutschen Staaten. +++ In Libyen stürzt die revolutionäre Offiziersbewegung »Freie Unionistische Offiziere« unter Muamar al Gaddafi im September in einem unblutigen Putsch die Monarchie. Gaddafi wandelt Libyen in der Folgezeit in eine islamisch-sozialistische Republik um. +++ Mitte Oktober protestieren in verschiedenen Städten der USA Millionen von Menschen gegen den Vietnam-Krieg. An den Protestaktionen beteiligen sich prominente amerikanische Politiker.+++

Biographie Vorname Nachname

Der am 20. September 1908 in München geborene Sohn einer angesehenen Familie von Naturforschern, Biologen und Chemikern studiert Geschichte, Philosophie und Literatur. Kurz vor seiner Dissertation bricht er 1932 sein Studium ab, da der Nachfolger seines verstorbenen jüdischen Doktorvaters sich weigert, die Arbeit zu übernehmen.
Aufgrund seiner kritischen Haltung zum Nationalsozialismus wird Mitscherlich 1933 kurz inhaftiert. Er gründet in Berlin-Dahlem eine Buchhandlung, die 1935 durch die SA geschlossen wird. Steckbrieflich wegen seiner Widerstandsarbeit gesucht, emigriert Mitscherlich in die Schweiz. Dort studiert er Medizin und wird bei einem illegalen Aufenthalt in Deutschland erneut aufgegriffen und für acht Monate inhaftiert. Anschließend nimmt er sein Studium wieder auf und promoviert in Heidelberg bei Viktor von Weizsäcker.


Nach dem Krieg habilitiert sich Mitscherlich und gründet 1949 die Abteilung für psychosomatische Medizin an der Universität Heidelberg, die er ab 1952 als Professor leitet. Dabei bemüht er sich um die Anwendung psychoanalytischer Methoden und Erkenntnisse auf soziale Phänomene.
Ab 1966 lehrt er in Frankfurt und leitet dort das von ihm gegründete Sigmund-Freud-Institut. Neben seinen psychosomatischen Forschungen befasst er sich aus dem Blickwinkel der psychoanalytischen Theorie mit politischen und gesellschaftlichen Problemen seiner Zeit.
Alexander Mitscherlich stirbt am 26. Juni 1982 im Alter von 73 Jahren.

Auszeichnungen

1973 Kulturpreis der Stadt München und Wilhelm-Leuschner-Medaille
1972 Goldene Wilhelm-Bölsche-Medaille
1969 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Bibliographie

Gesammelte Schriften in zehn Bänden

Hrsg. v. Klaus Menne, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1983, ISBN 978-3-518-57636-6

Ein Leben für die Psychoanalyse - Anmerkungen zu meiner Zeit

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 978-3-518-03640-2

Die Unwirtlichkeit unserer Städte - Anstiftung zum Unfrieden

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999, (Orginalausg. 1965), ISBN 978-3-518-10123-0