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Friedenspreis 1955

Hermann Hesse

Der Stiftungsrat wählt den Schriftsteller, Dichter und Maler Hermann Hesse zum Träger des Friedenspreises 1955. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 9. Oktober 1955, in der Paulskirche statt. Von Krankheit geschwächt kann Hermann Hesse den Friedenspreis jedoch nicht persönlich entgegen nehmen. Seine Frau Ninon Doblin verliest seine Rede in der Frankfurter Paulskirche. Die Laudatio hält Richard Benz.

Begründung der Jury

Aus tief erlebtem Wissen um die Einheit der Schöpfung hat Hermann Hesse in seinem Leben und Werk mit bedingungsloser Aufrichtigkeit gegen sich selbst und gegenüber dem Sinn des Daseins immer neu die Harmonie der Welt zu erschließen ersucht und die Forderung nach tätigem Menschentum in ihrem Sinne in den Mittelpunkt des Bewußtseins gehoben.


Er erfüllt damit ein Leben der höchsten menschlichen Freiheit und Verantwortung und wirkt, auch ohne ein Wort zu sprechen, mitten in der Zeit.

Durch die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels bekennt sich der Buchhandel zu ihm und seinem Werk, das zugleich beispielhaft ist für die Aufgabe und den Sinn des Friedenspreises.

Preisverleihung

Bilder Hesse 1955

Reden

Während die Welt in Anarchie verfiel, schuf er sein größtes Werk, »Das Glasperlenspiel«. Wir Deutschen, in deren Sprache er schreibt, spricht und denkt, und denen er vor allem auch in seinen Aufsätzen »Krieg und Frieden« den Spiegel der Einsicht vorgehalten hat, haben mehr als andere Grund zu Einkehr und Umkehr.

Arthur Georgi - Grußwort
Arthur georgi
Grußwort des Vorstehers

Wir feiern und ehren einen Dichter als Wahrer des Friedens. Aber für den Frieden wirken heißt nicht nur für ihn kämpfen, wie es Hermann Hesse mit dem Einsatz seiner Person getan hat. Es heißt: ihm Sinn geben; wie nur der Dichter es vermag.

Richard Benz - Laudatio auf Hermann Hesse
Richard Benz
Laudatio

Es ist jeglicher Krieg, es ist jegliche Art von Gewalt und streitbarem Eigennutz, es ist jede Art von Geringschätzung des Lebens und von Mißbrauch des Mitmenschen, was mir Sorge macht.

Hermann Hesse - Dankesrede
Hermann Hesse
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1955

+ + + Mit dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO wird die Teilung Deutschlands besiegelt. Im Gegenzug schließen sich acht Staaten Osteuropas im Warschauer Pakt zusammen, darunter auch die DDR. + + + Nikita S. Chruschtschow verkündet Ende Juli 1955 in Ost-Berlin die sowjetische Zweistaatentheorie, die von einer Teilung Deutschlands ausgeht. Sie besagt, dass die Wiedervereinigung Sache der Deutschen selbst sei und eine Beseitigung der »sozialen Errungenschaften« der DDR nicht infrage komme. + + +


+ + + Im September reist Bundeskanzler Adenauer zu einem Staatsbesuch nach Moskau. Man einigt sich auf die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen. Chruschtschow sagt zu, die letzten etwa 10 000 deutschen Kriegsgefangenen nach Hause zurückkehren zu lassen. Im Oktober 1955 trifft der erste Transport mit rund 600 Heimkehrern in Deutschland ein. + + + Im Saarland spricht sich die Bevölkerung in einer Volksabstimmung dagegen aus, dass ihr Land unter europäische Direktverwaltung gestellt wird. + + + Im November erhalten die ersten 101 Freiwilligen der Bundeswehr von Verteidigungsminister Theodor Blank ihre Ernennungsurkunde. Damit ist die Gründung der Bundeswehr vollzogen. + + + In Kassel wird im Sommer die erste »documenta«, eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, eröffnet. Der große Erfolg führt dazu, dass sie künftig alle vier bis fünf Jahre stattfindet. + + + Der italienische Außenminister Gaetano Martino und Bundesarbeitsminister Anton Storch unterzeichnen ein Abkommen, das die Beschäftigung von zunächst 100 000 italienischen Arbeitern in der Bundesrepublik vorsieht. + + +

Biographie Hermann Hesse

Der am 2. Juli 1877 in Calw geborene Sohn eines ehemaligen Missionars besucht 1891 das evangelische theologische Seminar in Maulbronn, aus dem er aber ein Jahr später wieder austritt, da er »entweder ein Dichter oder gar nichts werden« will. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit fließen später in sein 1906 erscheinendes Buch Unterm Rad ein.


Hesse arbeitet als Buchhändler und Antiquar, bis er sich im Jahr 1900 ganz der Schriftstellerei zuwendet. Bereits in seinen ersten Werken, so etwa in Peter Camenzind (1904), ist der Konflikt von Zivilisation und Natur thematisiert, der das gesamte spätere Werk des Autors kennzeichnet.
1911 flüchtet er aus seinem vermeintlich allzu idyllisch gewordenen Leben nach Ceylon und Indonesien, auf eine Reise, die sein literarisches Werk erheblich beeinflusst.

Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, den er als engagierter Pazifist ablehnt und verurteilt, siedelt Hesse in die Schweiz über. Zusammen mit Romain Rolland und Stefan Zweig versucht er, die Öffentlichkeit aufzurütteln und auf die Grausamkeiten und den Irrsinn des Krieges aufmerksam zu machen.

Er unterzieht sich nach dem Tode seines Vaters und der Trennung von seiner ersten Frau als erster deutscher Dichter einer Psychoanalyse, deren Ergebnisse er unter einem Pseudonym veröffentlicht. Anschließend entstehen mit Siddharta (1922), Steppenwolf (1927) und Narziss und Goldmund (1930) seine bedeutendsten Werke. 1946 erhält Hesse den Nobelpreis für Literatur. In den 60er Jahren erleben seine Werke besonders in den USA eine überraschende Popularität.

Hermann Hesse stirbt am 9. August 1962 im Alter von 85 Jahren.

Auszeichnungen

1955 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1950 Wilhelm-Raabe-Preis
1946 Nobelpreis für Literatur
1946 Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main
1936 Gottfried-Keller-Preis
1928 Mejstrik-Preis der Wiener Schiller-Stiftung
1905 Bauernfeld-Preis

Bibliographie

Beschwörungen. Späte Prosa

1955

Victors Verwandlungen. Märchen

1954

Briefe

1951

Späte Prosa

1951

Frühe Prosa

1949

Mehr anzeigen

Krieg und Frieden, Essays

1948

Der Europäer. Erzählung

1946

Dank an Goethe

1946

Schön ist die Jugend

1946

Der Pfirsichbaum und andere Erzählungen

1945

Der Blütenzweig. Gedichte

1945

Berthold. Roman-Fragment

1945

Das Glasperlenspiel. Roman

1943

Stunden im Garten

1936

Vom Baum des Lebens

1934

Die Morgenlandfahrt

1932

Narziss und Goldmund. Roman

1930

Trost der Nacht. Gedichte

1929

Der Zyclon. Erzählungen

1929

Der Steppenwolf

1927

Siddharta. Roman

1922

Klingsors letzter Sommer. Erzählung

1920

Demian

1917 (unter Pseudonym)

Rosshalde

1914

Umwege. Erzählung

1912

Gertrud. Roman

1910

Diesseits. Erzählung

1907

Unterm Rad

1906

Peter Camenzind

1904

Hermann Lauscher

1901

Eine Stunde nach Mitternacht. Gedichte

1899

Romantische Lieder. Gedichte

1899

Laudator Richard Benz

Richard Benz, geboren am 12. Juni 1994 in Reichenbach im Vogtland, ging 1902 nach Heidelberg, um Germanistik und Kunstgeschichte zu studieren. Nach Promotion und kurzem Aufenthalt in Freiburg zog er wieder nach Heidelberg, arbeitete als Privatdozent und Herausgeber mittelalterlicher Volksliteratur und Musik.


Dem Bildungsbürgertum zugewandt gründete er zahlreiche kulturelle Vereinigungen und hielt trotz traditioneller, wenn nicht gar völkischer Ansichten Abstand zum Nationalsozialismus. So wurde sein 1933 veröffentlichtes Buch „Geist und Reich“, in dem er zur geistigen Situation der Zeit Stellung bezog, 1935 verboten, andere Bücher wie »Die deutsche Romantik« (1937) konnten jedoch erscheinen.

Im Nachkriegsdeutschland fand er wegen seiner konservativen, doch ideologiefreien Haltung ein hohes Ansehen, wofür er auch mehrere Auszeichnungen wie das Bundesverdienstkreuz (1952) und den Literaturpreis des Landes Nordrhein-Westfalen erhalten hat. Richard Benz verstarb am 9. November 1966 in Heidelberg.