„Wahr ist, was uns verbindet!“

Die Dankesrede von Aleida und Jan Assmann anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2018. Der Text folgt dem gesprochenen Wort.


Aleida und Jan Assmann klein
© Amélie Losier

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels war für uns eine überwältigende Überraschung. Seit vielen Jahren verfolgen wir in den Medien die Zeremonie, die so vielen eindrucksvollen Stimmen ein Podium und ein Publikum gegeben hat. Nie hätten wir uns diesen Seitenwechsel vom Publikum aufs Podium träumen lassen. Umso größer ist unsere Dankbarkeit gegenüber dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Stiftungsrat für die hohe Ehre und die damit verbundene Anerkennung unserer gemeinsamen Arbeit. Dieser Preis ist für uns ein Ehrenbürgerbrief in der Res publica litteraria, dem Heimatland, das keine nationalen Grenzen kennt.

Res publica litteraria

Dieses Land wurde von Dichtern und Humanisten, Verlegern und Buchhändlern an der Schwelle des Druckzeitalters gegründet. Sie haben zwischen den alten und den neuen Sprachen vermittelt und damit die Grundlagen für europäische Vielfalt gelegt. Dabei haben sie die Bibliothek als ihren Kommunikationsraum erfunden und ein Geister-Gespräch in Gang gesetzt, das sich über Landesgrenzen und über Jahrhunderte hinweg entwickelte.

Die 1950 gestiftete Tradition des Friedenspreises hat dieses Geister-Gespräch, das bis heute von Schriftstellern, Druckern, Verlegern, Buchhändlern und Lesern fortgesetzt wird, wieder in den öffentlichen Raum zurückgebracht. In dem Begriff »Res publica litteraria« ist ja das kleine Wörtchen »öffentlich« enthalten. Bücher öffnen Denkräume des Geistes; die Bibliothek ist ein riesiges Archiv der Informationen und ein Universum der Phantasie und Vorstellungskraft, aber: Produzieren sie deshalb auch schon Öffentlichkeit? Die Messehallen hier in Frankfurt bilden ein weites Labyrinth, in dem sich immer neue Pfade auftun und unendlich viele Treffpunkte ergeben. Aber Öffentlichkeit entsteht durch etwas anderes: durch gleichgerichtete Aufmerksamkeit, durch gemeinsames Interesse, durch Anwesenheit und Teilhabe. Lektüre zerstreut und vereinzelt, Öffentlichkeit zieht zusammen und geht alle an. In diesem Sinne ist die Paulskirche die notwendige Ergänzung zur Buchmesse.

Durch den Friedenspreis ist die Paulskirche, dieser historische Ort der Demokratie, zu einem Ort des Dialogs und Austauschs geworden über Zeiten und Generationen hinweg. Indem wir hier stehen, treten wir in diesen Resonanzraum ein und werden auf Vorgänger Bezug nehmen, mit Vorliebe natürlich auf solche, die auch als Paare aufgetreten sind. Das erste Paar sind für uns Karl Jaspers und seine Laudatorin Hannah Arendt, die vor 60 Jahren an diesem Platz standen und ebenfalls an die Res publica litteraria anknüpften. Der unbestechliche Philosoph und Dissident, so Arendt über ihren Lehrer, sei während der Zeit des Dritten Reichs zwar isoliert und auf sich gestellt, aber nie vereinsamt gewesen, denn seine geistige Heimat war das »Reich der Humanitas, zu dem ein jeder kommen kann aus dem ihm eigenen Ursprung«. 

Öffentlichkeit und Wahrheit

»Öffentlich« – das wissen wir alle – ist das Gegenteil von »privat«. »Öffentlich« ist aber auch das Gegenteil eines repressiven Schweigens, das immer wieder gebrochen werden muss, zuletzt im Umgang mit Opfern sexueller Gewalt. Auch Jaspers verstand Öffentlichkeit als eine Kampfzone, in der sich die Wahrheit unablässig gegen die Unwahrheit behaupten muss. In der Unwahrheit sah er »das eigentlich Böse, jeden Frieden Vernichtende«. Sie hat für Jaspers viele Gestalten: »von der Verschleierung bis zur blinden Lässigkeit, von der Lüge bis zur inneren Verlogenheit, von der Gedankenlosigkeit bis zum doktrinären Wahrheitsfanatismus, von der Unwahrhaftigkeit des einzelnen bis zur Unwahrhaftigkeit des öffentlichen Zustandes.« Seit Jaspers’ Zeiten ist das Universum der Kommunikation unendlich reicher, flexibler und vielstimmiger, aber eben auch wesentlich unübersichtlicher und vor allem unsicherer geworden.

Wenn wir hier von Öffentlichkeit sprechen, müssen wir auch von Medien sprechen, müssen wir unterscheiden zwischen den Organen der Öffentlichkeit einerseits, wie Zeitungen, Fernsehen oder Rundfunk, und der technischen Infrastruktur andererseits. Die technischen Voraussetzungen stellen nämlich Öffentlichkeit jeweils anders her. Während das Druckzeitalter und die analoge Photographie noch auf Werte wie Wahrheit, Überprüfbarkeit und Evidenz geeicht waren, ist im digitalen Zeitalter der Datenmanipulation Tür und Tor geöffnet. Bilder können längst beliebig umgepixelt werden. In Deutschland und in den USA ist aber inzwischen durch junge IT-Techniker eine sehr beunruhigende Erfindung entstanden. Diese erlaubt es, abgebildete Gesichter mit Tondaten so zu verbinden, dass es aussieht, als würde die betreffende Person die Tonspur gerade eben produzieren. Im April dieses Jahres zeigte ein Google-Mitarbeiter ein Video, auf dem Obama etwas sagt, was er nie gesagt hat, aber täuschend echt hervorbringt, angeglichen an dessen lebendige Mimik. Bald wird man buchstäblich jedem alles in den Mund legen können, und keiner kann mehr beurteilen, wer der Urheber eines Ausspruchs oder einer Meinung in Wirklichkeit ist. Es gibt aber nicht nur Vernebelung durch Fake News und neueste Technologien. Es gibt auch den alten, handfesten Betrug etwa der Autoindustrie bei der Manipulation von Abgaswerten. Vor diesem Hintergrund wird erst deutlich, wie dringend Menschen für ihr friedliches Zusammenleben auf Errungenschaften wie Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Verantwortlichkeit angewiesen sind.

In der Demokratie kann man das Denken nicht delegieren und den Experten, Performern oder Demagogen überlassen. »Empört Euch!«, hat uns der 93-jährige Stéphane Hessel zugerufen. Sein Manifest wurde millionenfach verkauft. Das war vor acht Jahren. Inzwischen hat die Empörung die Seiten gewechselt, und das auf der ganzen Welt. Es stimmt, dass Demokratien durch Streit und Debatten gestärkt werden, aber auch in ihnen steht nicht alles zur Disposition. Es muss unstrittige Überzeugungen und einen Grundkonsens geben wie die Verfassung, die Menschenrechte und die Gewaltenteilung mit der Unabhängigkeit des Rechts und der Medien. Denn nicht jede Gegenstimme verdient Respekt. Sie verliert diesen Respekt, wenn sie darauf zielt, die Grundlagen für Meinungsvielfalt zu untergraben. Demokratie lebt nicht vom Streit, sondern vom Argument. Pöbeleien oder gar eine Eskalation polarisierender Symbole wie in Chemnitz führen in einen Zustand allgemeiner Verwirrung, legen die Demokratie lahm und machen sie betriebsunfähig für ihre wichtigen Aufgaben. 

Kulturelles Gedächtnis

Jaspers gehörte zu denen, die nach zwei katastrophischen Weltkriegen die Vision eines neuen Europa entwickelten. Dazu gehörte für ihn an erster Stelle die Überwindung europäischer Überheblichkeit gegenüber anderen Ländern und Kulturen. Bereits ein Jahr nach Kriegsende erklärte er: »Vorbei ist der europäische Hochmut, ist die Selbstsicherheit, aus der einst die Geschichte des Abendlandes die Weltgeschichte hieß.« Er wollte die exklusive und destruktive Vormachtstellung Europas in der Welt beenden und hat Europa in eine globale Vision von Menschheit eingebunden, die als ganze um 500 v.Chr. »einen Sprung gemacht hat«. Das ist der Kern seiner Idee der »Achsenzeit«, einer neuen Geschichtsdeutung, die Europa auf Augenhöhe mit anderen Hochkulturen bringen sollte. Damals traten in vielen Kulturen Geistesgrößen auf, deren Worte und Gedanken die Nachwelt bis heute prägen. In Griechenland waren es Dichter und Denker wie Homer und Platon, in Israel die Propheten, in Persien Zarathustra, in Indien Buddha und in China Laotse und Konfuzius. Mit ihren Texten haben sie »ein Geisterreich« gegründet, in welchem sie, um es mit Hannah Arendt zu sagen, »noch einmal als sprechende – aus dem Totenreich her sprechende – Personen auftreten, die, weil sie dem Zeitlichen entronnen sind, zu immerwährenden Raumgenossen im Geistigen werden« konnten.

Jaspers’ Friedensprogramm setzte auf einer kulturellen Ebene an. Davon fühlen wir uns als Kulturwissenschaftler angesprochen, aber auch herausgefordert. Auch unsere Forschungen gehen von der Beobachtung aus, dass einige sogenannte Hochkulturen mithilfe der Schrift und anderer Überlieferungsformen Traditionen gebildet haben, die über Jahrtausende reichen.Diese Zeitgenossenschaft mit großen Denkern, Dichtern und Gründern, diese durch Traditionen gehaltene Verbindung und Verständlichkeit zwischen ihrer und unserer Zeit ist genau das, was wir ein »kulturelles Gedächtnis « nennen. Anders als Jaspers und Arendt jedoch, die das Geisterreich als etwas Selbstverständliches vorausgesetzt haben, haben wir die Frage nach der Traditionsbildung zu unserem Forschungsgegenstand gemacht.

Denn ein kulturelles Gedächtnis, so unsere These, ist das Ergebnis unablässiger kultureller Arbeit.Welche ungeheuren Aufwendungen hat zum Beispiel die altägyptische Kultur investiert, um sich durch die Jahrtausende wiedererkennbar zu erhalten, sodass Inschriften noch nach zweieinhalb Jahrtausenden gelesen und die Formensprache von Kunst und Architektur weiter praktiziert wurden. Das war kein »dumpfes Beharren«, wie etwa Max Weber meinte, sondern das Ergebnis intensiver Arbeit am kulturellen Gedächtnis.

Zweitens braucht ein kulturelles Gedächtnis Dialog und lebendige Auseinandersetzung mit der jeweiligen Gegenwart. Nah sind uns die, die wir immer wieder auslegen und in die wir unsere eigenen Gedanken hineinlegen können.Was uns fremd wird, verschwindet in einem Archiv, aus dem es später aber noch einmal wiederentdeckt werden kann.

Jaspers hat sich das »Reich der Humanitas« als eine Sphäre »grenzenloser Kommunikation« vorgestellt. So weit gehen wir nicht. Unsere Theorie beruht deshalb drittens auf der Anerkennung von Grenzen und Unterschieden im Reich der Humanitas. Die Menschheit gibt es im Singular, aber Kulturen, Sprachen, Religionen nur im Plural. Wir reden deshalb auch nicht von »Wissen«, sondern von »Gedächtnis«, das immer schon an Identitäten, Perspektiven und eben auch an Interessen gebunden ist. Die Gesellschaft braucht ein Gedächtnis, wie der Einzelne eins braucht: um zu wissen, wer wir sind und was wir erwarten können, um uns zu orientieren und zu entwickeln. Kultur, so hat es Seyla Benhabib ausgedrückt, die vor zwei Jahren hier stand, »Kultur ist dieses vielstimmige Gespräch über Generationen hinweg, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch widerstreitende Erzählungen verbindet«.

Sich wiedererkennbar zu halten ist die Aufgabe eines kulturellen wie eines nationalen Gedächtnisses. Auf diesem Gebiet hat sich in den letzten Jahren aber einiges verändert. Wir können nicht mehr nahtlos an alte Fantasien von Stolz und Größe der Nation anknüpfen. Das nationale Gedächtnis, das lange Zeit ein Sockel für Ehre, Stolz und Heldentum war, ist inzwischen komplexer, inklusiver und selbstkritischer geworden. Es ist eben nicht nur ein Sockel, der die Nation größer und mächtiger macht, sondern auch ein Spiegel der Selbsterkenntnis, der Reue und Veränderung. Die Nation ist kein heiliger Gral, der vor Befleckung und Entweihung – Stichwort »Vogelschiss« – zu retten ist, sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden. Hier ist ein wichtiger Unterschied zu beachten: Beschämend ist allein diese Geschichte, nicht aber die befreiende Erinnerung an sie, die wir mit den Opfern teilen. Deshalb entsteht Identität auch nicht durch Leugnen, Ignorieren oder Vergessen, sondern braucht ein Erinnern, das Zurechnungsfähigkeit und Verantwortung ermöglicht und einen Wandel der Werte und des nationalen Selbstbildes stützt. 

Solidarität und Integration

Was uns verbindet – wie zum Beispiel Herkunft, Religion, Überzeugungen oder Projekte –, ist zugleich auch das, was uns trennt. Eine Schlüsselfrage ist deshalb: Wie exklusiv oder inklusiv ist dieses nationale Wir, das durch Identität und Identifikation entsteht? Und hier gehen wir von Fragen des Kulturellen Gedächtnisses zu Fragen der sozialen und politischen Solidarität über und möchten dafür an die Forschungen eines weiteren Paars in der Reihe unserer Vorgänger anknüpfen. Alva und Gunnar Myrdal standen hier beide im Jahr 1970, in der heißen Phase des Kalten Krieges, weil sie sich energisch für atomare Abrüstung eingesetzt haben. Sie sahen den Weltfrieden aber auch auf anderen Ebenen gefährdet. Ihre Themen waren Chancengleichheit und Integration sowie die Erosion von Solidarität durch Rassendiskriminierung oder das Abhängen ganzer Bevölkerungsgruppen durch zunehmende ökonomische Ungleichheit.Gunnar Myrdal nahm bereits die Erfahrung der Globalisierung vorweg, als er feststellte, dass »die Staaten infolge der revolutionären technischen und politischen Veränderungen unvermeidlich in immer stärkerem Maße voneinander abhängig werden«. Und er betonte, »dass die vorherrschenden Freihandelstheorien und ihre Anwendung die bestehende Ungleichheit auf Kosten der armen Länder vertiefen«.

Auch Myrdals Gedanken sind heute von höchster Aktualität. Sein Modell war der schwedische Wohlfahrtsstaat. Seine Utopie ging aber noch weiter und zielte darauf, das Prinzip des Wohlfahrtsstaats auf die »Wohlfahrtswelt« zu übertragen. Myrdal machte sich allerdings auch keine Illusionen über die Widerstände, die der Bereitschaft zur globalen Solidarisierung überall im Wege stehen. Man solidarisiert sich gern mit Menschen, die dieselben Haltungen haben oder dieselben Ziele verfolgen. Wir kennen alle die Solidarität in Form eines »Kollektivegoismus« der Nation, Modell »America First!«.

Inzwischen haben wir auch Bekanntschaft mit dem transnationalen Kollektivegoismus populistischer Parteien gemacht, Modell »Festung Europa«. Diese Formen der Solidarität sind exklusiv und zielen auf Ausgrenzung. Integration dagegen erfordert eine inklusive Solidarität auch mit Menschen, die anders sind als wir selbst, mit denen wir aber eine gemeinsame Zukunft aufbauen wollen.

Geld und Gier neutralisieren kulturelle Fremdheit, aber auch sie spalten die Welt – in Arme und Reiche. Die nationalistische Politik versteht es gut, in vielen Bereichen Entsolidarisierung zu befördern, indem sie den Hass auf Schwächere und Fremde schürt. Das führt zu einer »Milieuvergiftung«, um noch einmal einen Begriff von Gunnar Myrdal aufzunehmen, den er in Parallele zur »Umweltvergiftung« gebildet hat. Auf dem Weg in eine Wohlfahrtswelt, wie er sie sich vorstellte, muss Solidarität deshalb auf allen Ebenen trainiert werden: als soziale Solidarität auf der Ebene der Gesellschaft, als transnationale Solidarität auf der Ebene der EU und vor allem als globale Solidarität im Umgang mit ökonomischen und natürlichen Ressourcen, damit es eine Zukunft nachfolgender Generationen überhaupt noch geben kann.Hinzu kommt nun die Solidarisierung mit Geflüchteten, deren Zukunft durch Kriege, Not, Gewalt und Raub zerstört wurde. Es kann nicht angehen, dass es eine neoliberale Freiheit für die Bewegung von Kapital, Gütern und Rohstoffen gibt, während Migranten im Mittelmeer ertrinken, an Grenzen festhängen und wir die Menschen, ihr Schicksal, ihr Leid und ihre Zukunft vergessen.

Die zentrale Frage ist ja nicht mehr, ob wir die Integration schaffen, sondern wie wir sie schaffen. Im Moment sieht es fast so aus, als ginge die Entwicklung rückwärts. Die Verengung der öffentlichen Debatten auf wenige Themen trägt viel zur Aufheizung von Stimmungen, aber wenig zur Klärung und Bearbeitung anstehender Probleme bei.Eine Sozialpädagogin, die seit 15 Jahren in Dresden lebt und dort Ausländerarbeit macht, sagte mir neulich in makellosem Deutsch: »Wenn ich den Mund aufmache und man hört meinen russischen Akzent, bin ich plötzlich wieder und nur noch Migrantin.« Und andere, die schon dreimal so lange hier sind, packt plötzlich wieder die nackte Angst.

Können wir zur Abwechslung bitte auch mal hören, wo etwas gelingt?

Hier kommen drei Beispiele:

Erstens: Olga, die wir eben zitiert haben, gehört zur Gruppe russischsprachiger Eltern, die hier Ende der 1990er Jahre ihre neue Heimat gefunden haben. Ihnen ist ganz und gar nicht egal, was aus diesem Land und seiner Demokratie wird, deshalb haben sie einen Verein namens »Phoenix« gegründet. Sie sind die neuen Patrioten, die als Integrierte am besten wissen, wie Integration geht. Deshalb setzen sie ihre Erfahrung und ihr Engagement zwischen deutschen Behörden und Zuwanderern in der Arbeitsvermittlung ein. Das tun sie übrigens im Wettlauf mit der AfD, die hier inzwischen äußerst clever und effektiv unterwegs ist, um Neuankömmlinge politisch zu vereinnahmen.

Migranten helfen Migranten, das ist auch das Prinzip einer zweiten Gruppe. Sie nennt sich »back on track – Syria«. Hier arbeiten Berliner mit syrischen Lehrern und Lehrerinnen zusammen, um syrische Kinder, die durch Bürgerkrieg und Flucht aus ihrem gewohnten Leben gerissen wurden, wieder aufs Gleis einer ordentlichen Schulbildung zu bringen. Mit ihrer neu entwickelten Methode des »angeleiteten Selbstlernens« gelingt es ihnen, eine große Menge »entgleister« Kinder zu erreichen.

Einen dritten Verein namens »Helfende Hände« haben zwei österreichische Ehepaare gegründet. Diese Gruppe kümmert sich um die schulische und medizinische Versorgung in einer besonders armen Gegend von Kenia. Mithilfe von Spenden und Patenschaften haben sie dort eine Schule aufgebaut, die Kinder aus den ärmsten Familien aufnimmt. Durch ihre engagierte Bildungsarbeit retten sie die Familien vor dem Elend, das viele Afrikaner zur Flucht nach Europa treibt. 19 von 33 Schülern der letzten Abiturklasse haben es in diesem Jahr auf die Uni geschafft. Das ist das Fünffache des Landesdurchschnitts. Der Andrang ist groß, und es ist zu wünschen, dass die Schule weiter wachsen kann.

An diese drei Initiativen möchten wir unser Preisgeld weitergeben.

Wir sind aber noch nicht ganz am Ende. 

Shared heritage?

Die Grenzen von Kulturen – das möchten wir hier noch einmal betonen – sind durchlässig. Die Dolmetscher gehören zu den ältesten Berufen der Welt, sie haben die Händler auf ihren Routen begleitet. Kulturen überschreiten Grenzen durch den Import und Export von Büchern, durch Übersetzungen, Aneignungen und Umdeutungen. Durch Kontakt mit anderen Kulturen verwandeln sie sich, gehen ineinander über, inspirieren und modifizieren sich gegenseitig. Sie lassen sich weder stillstellen noch in nationale Grenzen einsperren.

Zum kulturellen Gedächtnis gehören aber nicht nur Bücher und heilige Texte, sondern auch Denkmäler, Landschaften und Orte. Ein aktuelles Beispiel ist Hebron, die größte Stadt im Westjordanland, das von Israel besetzt ist. Vor einem Jahr hat die Stadt einen Antrag auf Anerkennung der Altstadt als Weltkulturerbe gestellt, der von der UNESCO angenommen wurde. Ein solcher Antrag dient generell der Würdigung und Erhaltung alter Bausubstanz, der touristischen Vermarktung und auch dem Nationalstolz. Dieser Antrag ist aber zudem ein Politikum, weil er nur sehr selektiv auf die Geschichte des Ortes Bezug nimmt. Er bezieht sich auf Bauten aus der spätmittelalterlichen Mamelukenzeit, schließt aber auch die Ibrahimi-Moschee im Zentrum der Stadt mit ein. Diesen gigantischen Bau hatte bereits Herodes vor 2 000 Jahren über der Machpela – der Grabstätte der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob – errichten lassen.Mit der Islamisierung im 7. Jahrhundert wurde der Bau zur Moschee. Im 12. Jahrhundert diente er den christlichen Kreuzfahrern als Kathedrale, bis er nach der Rückeroberung durch Saladin wieder zur Moschee wurde.

Die Bautätigkeit der Mameluken im 15. Jahrhundert bildet also erst die fünfte historische Schicht dieser einmalig komplexen multireligiösen Geschichte. Von den vier früheren historischen Schichten ist im Antrag nicht die Rede. Die scharfe Reaktion Israels und der USA blieb nicht aus: Beide haben im Protest beschlossen, bis Jahresende aus der UNESCO auszutreten.Die Altstadt von Hebron hat eine jüdische, christliche und islamische Geschichte, die im kulturellen Gedächtnis der drei Monotheismen gleichermaßen präsent, heilig und lebendig ist, weil sich alle auf Abraham als ihren Stammvater beziehen. In diesem Anstoß für den Konflikt könnte aber genauso gut auch eine Lösung liegen, wenn die verschiedenen Schichten der Geschichte wieder zusammengefügt und als ein »gemeinsames Erbe« angenommen würden. 2018 wurde von der EU ja zum »Jahr des gemeinsamen Erbes« deklariert. Ein von Israel und den Palästinensern gemeinsam eingereichter Antrag könnte die ganze Geschichte des Ortes anerkennen und wäre damit zugleich sein bester Schutz.

Als palästinensisch-israelisches Weltkulturerbe könnte sich die Altstadt von Hebron von einem Ort der Gewalt und des Terrors in einen Ort der Annäherung, der Kooperation und des Friedens verwandeln. So steht ja auch auf der Website »auf Grund ihrer Sichtbarkeit und ihres Wertes für die Weltgemeinschaft ein besonderes Potential zur Völkerverständigung « bieten. Hier kommt uns auch noch der Ortsname zu Hilfe. »Hebron« heißt auf Hebräisch »Chevron«, das kommt von Chaver, Freund, und bezieht sich auf Abraham als Freund Gottes. Der arabische Name »Al-Chalil« heißt ebenfalls Freund (und bezieht sich auf Abraham). Hebron heißt also nichts anderes als »Stadt des Freundes«.

In der Stadt des Freundes hat man sich aber leider bislang taub gestellt gegenüber dem Friedenspotenzial, das die alten Texte ja auch enthalten. Was hier trennt, ist der ausschließliche Anspruch auf Wahrheit. Eine Perspektive des Friedens dagegen kann uns ein ganz einfaches Kriterium eröffnen, das wir auch bei Karl Jaspers gefunden haben:

»Wahr ist, was uns verbindet!«