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Friedenspreis 1986

Wladyslaw Bartoszewski

Der Stiftungsrat hat den polnischen Historiker, Publizisten und Politiker Wladyslaw Bartoszewski zum Träger des Friedenspreises 1986 gewählt. Die Verleihung fand während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 5. Oktober 1986, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hielt Hans Maier.

Begründung der Jury

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahre 1986 Wladyslaw Bartoszewski, dem Warschauer Historiker und Publizisten, der sich seinen unerschütterlichen Optimismus bewahrt hat. Als Zeithistoriker stellt er geschichtliche Fakten dar und läßt die Kenntnisse der Vergangenheit für eine bessere Zukunft wirksam werden.


Als Humanist hilft er, Vorurteile abzubauen und die Last der Geschichte zu überwinden. Er ist Chronist des Leidens und der Selbstbehauptung. Wladyslaw Bartoszewski ist innerlich unabhängig geblieben. Leben um jeden Preis ist für ihn eine Schande, Zivilcourage dagegen eine Tugend, die er in seinem Leben immer wieder unter Beweis stellt.

Preisverleihung

Reden

Günther Christiansen
Grußwort des Vorstehers

Ein Gejagter, der nicht zum Jäger wurde ... ein Chronist des Leidens und der Selbstbehauptung ... Historie als Epitaph, als Totengeschichte.

Hans Maier - Laudatio auf Wladyslaw Bartoszewski
Hans Maier
Laudatio

Flüchtlinge, Heimatvertriebene, Umsiedler, Spätaussiedler - sie alle gehören zu den Opfern des Krieges ebenso wie jene Polen, die infolge des Zweiten Weltkrieges ihre eigentliche Heimat in Lemberg, Wilna oder anderswo im europäischen Osten verloren haben. Die tragisch verwickelten historischen und politischen Umstände führten dazu, daß die Polen vielleicht besser als viele andere Völker in Europa in der Lage sind, die Leiden und Schwierigkeiten der Menschen zu verstehen, die gezwungen waren, ihre Heimatorte zu verlassen. Sie verstehen auch das Problem der Spaltung eines Volkes, weil sie es selbst erlebt haben.

Wladyslaw Bartoszewski - Dankesrede
Wladyslaw Bartoszewski
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1986

+++ An Neujahr 1986 wenden sich der US-Präsident Reagan in einer Fernsehansprache an das sowjetische und der sowjetische Parteichef Gorbatschow an das amerikanische Volk. Beide Politiker unterstreichen ihren Willen zur Abrüstung. Gorbatschow schlägt einen Drei-Stufen-Plan für den Abbau aller Atomwaffen bis zum Jahr 2000 vor. +++ Kurz nach dem Start explodiert am 28. Januar die US-amerikanische Raumfähre »Challenger«. Alle sieben Besatzungsmitglieder kommen bei der bislang schwersten Katastrophe der Raumfahrt ums Leben. +++


Der Präsident Haitis, Jean-Claude Duvalier, genannt »Baby Doc«, wird im Februar gestürzt und muss das Land verlassen. »Baby Doc« hatte 1971 die Macht übernommen und das Terrorregime seines Vaters fortgesetzt. +++ Im gleichen Monat verlässt unter dem Druck von Opposition und USA der philippinische Präsident Marcos die Philippinen und geht ins Exil. Neue Präsidentin wird Corazón Aquino. +++ Der schwedische Ministerpräsident Olof Palme wird am 27. Februar von einem Unbekannten erschossen. +++ Am 26. April ereignet sich die größte technische Katastrophe in der Geschichte der Menschheit: Durch unsachgemäße Wartungsarbeiten wird im sowjetischen Kernkraftwerk von Tschernobyl eine atomare Kettenreaktion ausgelöst, ein Reaktor explodiert. Durch die Detonation wird 40 bis 50-mal so viel Radioaktivität wie in Hiroshima freigesetzt, inoffiziell werden mehr als 30.000 Menschen getötet. Eine radioaktive Wolke trägt den giftigen Staub weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus. Im Mai verabschiedet die Bundesregierung eine Soforthilfe für Landwirte, deren Erzeugnisse wegen radioaktiver Verseuchung nicht verkauft werden können. +++ In Soweto bei Johannesburg / Südafrika kommt es im August zu den blutigsten Zusammenstößen zwischen der Polizei und schwarzen Demonstranten seit der Verhängung des Kriegsrechts. +++ Gegen die Howaldtwerke wird ab November ermittelt, weil sie Konstruktionspläne für U-Boote illegal an Südafrika verkauft haben sollen. Später wird in Bonn bestätigt, dass Bundeskanzler Kohl mit Südafrika informelle Gespräche über den Verkauf von U-Booten geführt hat. +++ Bei der Ausstrahlung der Neujahrsansprache von Bundeskanzler Kohl kommt es zu einer Panne: Es wird die Ansprache vom Vorjahr gesendet. Die ARD strahlt die korrekte Fassung einen Tag später aus. +++

Biographie Wladyslaw Bartoszewski

Wladyslaw Bartoszewski, geboren am 19. Februar 1922 in Warschau, wird 1940 bei einer Razzia gegen polnische Intellektuelle verhaftet und für sechs Monate in Auschwitz inhaftiert. Nach seiner Freilassung wegen schwerer Krankheit beginnt er ein Studium an der geheimen Warschauer Universität und engagiert sich in einer katholischen Widerstandsgruppe. Dabei nimmt er an Hilfsaktionen für verfolgte Juden teil.


Zwischen 1942 und 1944 ist Bartoszewski stellvertretender Leiter im Judenreferat der Londoner Exilregierung. Nach dem Krieg arbeitet er als freier Journalist, mehrmals wird er wegen angeblicher Spionage und aufgrund seines offenen Engagements für die demokratische Bewegung Polens inhaftiert.

In den 80er Jahren findet er zunächst Zuflucht im Wissenschaftskolleg zu Berlin und lehrt dann an unterschiedlichen Universitäten in Deutschland. Als Historiker beschäftigt er sich vor allem mit der polnischen Zeitgeschichte und dem deutsch-polnischen Verhältnis.

Nach dem demokratischen Umbruch in Polen wird Bartoszewski 1990 Botschafter in Wien. Fünf Jahre später übernimmt er für zwei Jahre das Amt des Außenministers, im Jahr 2000 noch einmal für ein Jahr. Der polnische Regierungschef Tusk beruft ihn 2007 als Staatssekretär für die Beziehungen zu Deutschland in sein Kabinett.

Wladyslaw Bartoszewski ist am 24. April 2015 im Alter von 93 Jahren in Warschau gestorben.

Auszeichnungen

2014 Medaille für besondere Verdienste um das Land Mecklenburg-Vorpommern im vereinten Europa und der Welt
2014 Bayerischer Verdienstorden
2013 Elie Wiesel Award, ausgestellt vom United States Holocaust Memorial Museum


2012 Orden des Weißen Doppelkreuzes 2. Klasse
2009 Richeza-Preis des Landes NRW
2009 Kaiser-Otto-Preis der Stadt Magdeburg
2008 Verleihung des Bürgerpreises der Stadt Kassel Glas der Vernunft
2008 Verleihung des Adam-Mickiewicz-Preises für Verdienste um die Deutsch-Französisch-Polnische Zusammenarbeit
2008 Preis der Deutschen Gesellschaft e. V. für Verdienste um die deutsche und europäische Vereinigung
2008 Europäischer Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma
2007 Jan-Nowak-Jeziorański-Preis der Botschaft der USA
2007 Adalbert-Preis
2002 Internationaler Brückepreis
2002 Humanismus-Preis des Deutschen Altphilologenverbands
2002 Eugen-Kogon-Preis
2001 Komtur mit Stern des Verdienstordens der Republik Ungarn
2001 Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1997 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
1997 Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1997 St.-Liborius-Medaille für Einheit und Frieden vom Erzbistum Paderborn
1996 Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf
1996 Heinrich-Brauns-Preis
1995 Romano-Guardini-Preis
1995 Großes Goldenes Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich
1991 Großes Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1986 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1983 Herder-Preis, Wien
1965 Gerechter unter den Völkern

Bibliographie

Mein Auschwitz

Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2015, ISBN 9783506781192, Gebunden, 282 Seiten, 29.90 EUR

Das Warschauer Ghetto – wie es wirklich war. Zeugenbericht eines Christen

Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015, ISBN: 978-3-596-30412-7, Taschenbuch, 158 Seiten, 19.99 EUR