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Friedenspreis 1989

Václav Havel

Im April 1989 entscheidet der Stiftungsrat, den tschechischen Schriftsteller und Politiker Václav Havel mit dem Friedenspreis auszuzeichnen. Die Verleihung fand am Sonntag, den 15. Oktober 1989, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hielt André Glucksmann. Václav Havel konnte nicht anwesend sein, weil die tschechoslowakischen Behörden ihm die Rückreise verweigert hätten. Sein Stuhl in der Frankfurter Paulskirche blieb demonstrativ leer. Vier Wochen später wurde Václav Havel zum ersten Präsidenten der neuen freien Tschechoslowakischen Republik gewählt.

Begründung der Jury

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahre 1989 Václav Havel, dem tschechischen Bürgerrechtler und politischen Dramatiker.

Der Geist der Freiheit, des Vertrauens, der Toleranz und der Pluralität bestimmt seine Idee vom Frieden. Václav Havel gehört zu den Initiatoren der Bürgerrechts- bewegung Charta 77 und war einer ihrer ersten Sprecher.


Er hat nie Zweifel daran gelassen und oft genug bewiesen, daß er persönlich, selbst unter Verlust seiner Freiheit, für seine Überzeugung einsteht. Sein integres Verhalten, sein "Versuch in der Wahrheit zu leben" sind vorbildhaft und überzeugend.

Václav Havels Stimme ist immer weit über sein Land hinaus gehört worden: auch in den langen Jahren seiner Haft. Sein Wort ist lebendiger Ausdruck des Widerstands und der Hoffnung.

 

Preisverleihung

Reden

Günther Christiansen
Grußwort des Vorstehers

Mit Václav Havel ehren Sie einen unbequemen Intellektuellen, der weiß, daß er stört, und nicht daran denkt, davon zu lassen.

André Glucksmann - Laudatio auf Václav Havel
André Glucksmann
Laudatio

Von alldem belehrt, sollten wir alle und gemeinsam gegen die hochmütigen Worte kämpfen und aufmerksam nach den Kuckuckseiern des Hochmuts in scheinbar demütigen Worten forschen. Das ist ganz offenbar durchaus nicht nur eine linguistische Aufgabe. Als Aufruf zur Verantwortung für das Wort und gegenüber dem Wort ist dies eine wesenhaft sittliche Aufgabe.

Václav Havel - Dankesrede
Václav Havel
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1989

+++ George Bush sen. tritt im Januar 1989 die Nachfolge von Ronald Reagan als 41. Präsident der USA an. +++ Im Iran verkündet Ayatollah Khomeini Mitte Februar eine Fatwa gegen Salman Rushdie und ruft somit die Moslems zur Ermordung des britisch-indischen Schriftstellers wegen seines Romans Die Satanischen Verse auf. +++ Mehr als eine Million Menschen finden sich im Mai 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking zur größten Demonstration seit der Gründung der Volksrepublik China zusammen und fordern demokratische Reformen. Das chinesische Militär beendet die Massenproteste mit einem Blutbad, bei dem nach Schätzungen zwischen 2500 und 7000 Menschen sterben. +++


Die polnische Gewerkschaft Solidarnoœæ wird im April legalisiert. Bei den polnischen Parlamentswahlen im Juni sind erstmals Oppositionsparteien zugelassen. Der Kandidat des »Bürgerkomitees Solidarnoœæ«, Tadeusz Mazowiecki, wird im August zum ersten nichtkommunistischen Regierungschef eines Staates des Warschauer Pakts gewählt. In ihrem Unmut über die vermeintliche Fälschung der Kommunalwahlen am 7. Mai gehen bei den Leipziger Montagsdemonstrationen mehr und mehr Menschen auf die Straße. +++ Im Oktober wird Erich Honecker von Egon Krenz als Generalsekretär der SED abgelöst, kurze Zeit später tritt das gesamte Politbüro zurück. Unmittelbar im Anschluss an die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober und den Reformen anmahnenden Besuch Gorbatschows (»Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!«) ist die friedliche Revolution nicht mehr aufzuhalten. Am 9. November wird die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland geöffnet. Am Abend des 10. November prägt Willy Brandt vor einer unübersehbaren Menge feiernder Menschen am Schöneberger Rathaus in Berlin den Satz: »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.« +++ Hunderttausende demonstrieren Mitte November in Prag gegen das Machtmonopol der Kommunisten. Am 28. Dezember wird die Symbolfigur des Prager Frühlings, Alexander Dubèek, zum Parlamentspräsidenten und einen Tag später der Schriftsteller Václav Havel zum neuen Staatspräsidenten der Tschechoslowakei gewählt. Ein paar Tage zuvor wird der rumänische Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu gestürzt. Am 25. Dezember werden er und seine Frau von einem Militärtribunal zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet. +++

Biographie Václav Havel

Václav Havel, geboren am 5. Oktober 1936 in Prag, absolviert eine Lehre als Chemielaborant. Aus politischen Gründen lässt man ihn nicht an der Akademie der Musischen Künste studieren. Er absolviert ein Fernstudium in Dramaturgie.


1968 erhält Havel wegen seines Engagements in der Reformbewegung des Prager Frühlings und seiner Kritik an der sowjetischen Invasion Publikations- und Aufführungsverbot, setzt sich aber trotz zahlreicher Repressalien weiterhin stets für die Wahrung der Menschenrechte ein. So gehört er 1977 zu den Wortführern der Bürgerrechtsgruppe Charta 77, die Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten in der ÈSSR fordern. Wegen seines politischen Engagements wird Havel mehrfach verhaftet, so auch 1989. In jenem Jahr steht er an der Spitze der Bürgerbewegung, die Massenproteste der Bevölkerung initiiert und schließlich den Sturz des kommunistischen Regimes herbeiführt.

Im Dezember 1989 wird Havel zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt und nach der Teilung des Landes zum Präsidenten der Tschechischen Republik. 2003 legt er, nachdem sich bei den Präsidentschaftswahlen kein Kandidat durchsetzen kann, sein Amt nieder. Seitdem arbeitet er vornehmlich wieder als Dramatiker, erhebt aber immer wieder seine Stimme zu politischen Themen.

Václav Havel stirbt am 19. Dezember 2011 in Prag.

Auszeichnungen

(kleine Auswahl)

2011 Jan Langos Award
2010 Franz-Kafka-Preis
2009 Karel Kramar Medaille


2009 Internationaler Demokratiepreis Bonn
2008 Point Alpha Preis
2008 Karel Čapek Award
2008 Jaroslav Seifert Preis der Stiftung „Charta 77“
2007 Dolf-Sternberger-Preis
2006 Brückepreis
2004 Friedenspreis - Mostar
2003 Nationalpreis der dt. Nationalstiftung Weimar
2003 Hans-Sahl-Preis
2002 Cicero-Preis, Lettland
1998 Westfälischer Friedenspreis
1997 Prinz-von-Asturien-Preis 
1997 J.-William-Fulbright-Preis, USA
1997 European Statesman Award
1996 Yitzhak Rabin Memorial Medal
1996 Leonhard-Frank-Ring
1994 Indira-Gandhi-Preis
1993 Theodor-Heuss-Preis
1993 Athinai-Preis der Onassis-Stiftung
1993 Adolph-Bentinck-Preis
1991 Raul-Wallenberg-Preis für Menschenrechte
1991 Internationaler Karlspreis der Stadt Aachen
1991 Freiheitspreis des Wiesenthalzentrums
1990 Simon-Bolivar-Preis
1990 Rotary-Preis, USA
1990 Malaparte-Literaturpreis, Italien
1990 Gottlieb-Duttweiler-Preis, Schweiz
1989 Olof-Palme-Preis
1989 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1986 Erasmus-Preis, Niederlande
1982 Jan-Palach-Preis, Paris
1981 Pariser Theaterpreis Prix Plaisir du Théâtre
1968 Österreichischer Staatspreis für europäische Literatur

Bibliographie

Fassen Sie sich bitte kurz. Gedanken und Erinnerungen zu Fragen von Karel Hvížd’ala

Übersetzt von Joachim Bruss, Rowohlt Repertoire, Reinbek bei Hambrug 2018, 414 Seiten, ISBN: 978-3-688-11007-0

Briefe an Olga. Betrachtungen aus dem Gefängnis

Übersetzt von Joachim Bruss, Rowohlt Repertoire, Reinbek bei Hamburg 2018, 330 Seiten, ISBN: 978-3-688-10987-6

Moral in Zeiten der Globalisierung

Übersetzt von Joachim Bruss, Eva Profousová, Rowohlt Repertoire, Reinbek bei Hamburg 2018, 256 Seiten, ISBN: 978-3-688-10981-4

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