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Friedenspreis 1953

Martin Buber

1953 wird der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Die Verleihung findet am Sonntag, den 27. September 1953, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Albrecht Goes.

Begründung der Jury

Martin Buber, dem wahrhaftigen Menschen, dem Bekenner und Gestalter einer alles Leben durchdrin-genden Humanität, dem Deuter der Bestimmung seines Volkes in der Zeit, dem dialogischen Denker, Theologen und Erzieher, verleiht der Börsenverein Deutscher Verleger- und Buchhändler-Verbände in ehrfürchtiger Würdigung seines Lebens und Werkes den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Preisverleihung

Reden

Der echte Buchhändler muß diesem Gebot der sittlichen Verantwortung verhaftet sein wie das Leben dem Herzschlag. In einer Abwandlung eines Buberschen Wortes darf ich vielleicht sagen: Ein Tropfen dieses Bewußtseins muß jeder Stunde eingemischt sein.

Arthur Georgi - Grußwort
Arthur Georgi
Grußwort des Vorstehers

Nicht die Gottessorge - denn der Ewige bedarf ja dessen nicht, daß wir uns sorgen um seine Verwirklichung in dieser Welt -, sondern die Menschensorge ist Martin Bubers Grundsorge.

Albrecht Goes - Laudatio
Albrecht Goes
Laudatio

Wenn ich an das deutsche Volk der Tage von Auschwitz und Treblinka denke, sehe ich zunächst die sehr vielen, die wußten, daß das Ungeheure geschah, und sich nicht auflehnten; aber mein der Schwäche des Menschen kundiges Herz weigert sich, meinen Nächsten deswegen zu verdammen, weil er es nicht über sich vermocht hat, Märtyrer zu werden

Martin Buber - Dankesrede
Martin Buber
Dankesrede des Preisträgers

Chronik des Jahres 1953

+ + + Der 73-jährige Josef Stalin stirbt am 5. März 1953 in Moskau an den Folgen eines Schlaganfalls. Nikita S. Chruschtschow wird im September zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU gewählt. + + + Ende März unterzeichnen Vertreter von 17 Staaten in New York eine UN-Resolution über die Gleichberechtigung von Mann und Frau. In der Bundesrepublik verlieren sämtliche Gesetzesbestimmungen ihre Gültigkeit, die hiermit nicht vereinbar sind. + + +


+ + + Der Bauarbeiteraufstand am 17. Juni in Ostberlin erschüttert die Welt: Nachdem die DDR-Regierung Arbeitsnormen und Leistungsanforderungen noch weiter erhöht hat, gehen Tausende auf die Straßen und demonstrieren gegen die Bevormundung durch den Staat und für eine Verbesserung des Lebensstandards. Die Sowjetarmee unterstützt die Volkspolizei bei der Niederschlagung des Aufstandes, der sich rasch auf andere Städte der DDR ausbreitet. Mehrere Demonstranten werden dabei getötet, 29 Menschen anschließend zum Tode verurteilt. Das ZK der SED beschließt eine »Kurskorrektur«: Die Normenerhöhung wird zurückgenommen, Fahrpreisermäßigung sowie Erhöhung der Mindestrenten werden beschlossen. In West-Deutschland wird der 17. Juni anschließend zum »Tag der deutschen Einheit« bestimmt. + + + Im Juli endet der drei Jahre dauernde Koreakrieg mit einem Waffenstillstandsabkommen. Korea wird in zwei Teile gespalten, als Grenze zwischen Nord- und Südkorea wird der 38. Breitengrad festgelegt. + + + Mit einer Sonate von Richard Strauss wird im April in Israel erstmals seit Kriegsende in einem öffentlichen Konzert das Werk eines deutschen Komponisten aufgeführt. + + + Im September wird in den USA der zweite sogenannte Kinsey Report veröffentlicht, der eine empirische Untersuchung über Das sexuelle Verhalten der Frau enthält. + + + Drei Monate später erscheint die Erstausgabe des Playboy – ein Magazin, das »Unterhaltung für Männer« verspricht. Erstes Covergirl ist Marilyn Monroe. + + +

Biographie Martin Buber

Martin Buber wird am 8. Februar 1878 in Wien geboren und wächst in Lemberg bei seinem Großvater auf, der einer der wichtigsten Forscher und Sammler seiner Zeit auf dem Gebiet der chassidischen Tradition des osteuropäischen Judentums ist. Die hier gewonnenen persönlichen Eindrücke über Judentum und jüdische Mystik prägen sein späteres Denken.


Nach dem Studium gründet er 1916 die Zeitschrift Der Jude, die bis 1924 erscheint und zum Sprachrohr der deutschsprachigen Juden wird. In Frankfurt am Main leitet Buber nach dem Ersten Weltkrieg zusammen mit Franz Rosenzweig das Freie Jüdische Lehrhaus und lehrt an der dortigen Universität ab 1923 als Honorarprofessor jüdische Religionswissenschaft und Ethik. 1926–30 gibt er mit dem Protestanten Viktor von Weizsäcker und dem Katholiken Joseph Wittig die Essay-Zeitschrift Die Kreatur heraus. Zugleich widmet er sich mit Franz Rosenzweig dem Studium der Heiligen Schrift.

1933 verbieten ihm die Nationalsozialisten die Lehrtätigkeit. 1938 emigriert Buber nach Palästina, wo er an der Hebräischen Universität in Jerusalem Soziologie und Philosophie unterrichtet. Zehn Jahre später gründet er dort das Institut für Erwachsenenbildung, das Lehrer für die Arbeit in Einwanderungslagern ausbildet.

Neben der Philosophie des Gesprächs und seinem Lebenswerk, der gemeinsam mit Franz Rosenzweig erarbeiteten Übersetzung und Auslegung des Alten Testaments, wird Buber auch durch seine Interpretation des Chassidismus bekannt. Obwohl er in Israel niemals direkt in die Politik eingreift, hat sein Wort großen Einfluss. Sein Votum, das Todesurteil gegen Eichmann in Haft umzuwandeln, wird jedoch nicht akzeptiert.

Martin Buber stirbt am 13. Juni 1965 im Alter von 87 Jahren.

Auszeichnungen

1963 Erasmuspreis
1960 Kultureller Ehrenpreis der Landeshauptstadt München
1958 Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main
1958 Israel-Preis
1953 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1951 Hansischer Goethe-Preis

Bibliographie

Begegnung. Autobiographische Fragmente

1961

Ursprung und Bedeutung des Chassidismus

1960

Chassidismus und der moderne Mensch

1959

Schuld und Schuldgefühle

1958

Mehr anzeigen

Pointing the Way

1957

Sehertum

1955

Der Mensch und sein Gebild

1954

Die Schriften über das dialogische Prinzip

1954

Reden über Erziehung

1953

Zwischen Gesellschaft und Staat

1952

Gottesfinsternis

1953

Die chassidische Botschaft

1952

Am Wendepunkt

1952

Eclipse Gottes

1952

Recht oder Unrecht

1952

Urdistanz und Beziehung

1951

Bilder von Gut und Böse

1951

Zwei Glaubensweisen

1950

Israel und Palästina

1950

Israel und die Welt

1948

Moses

1946

Pfade in Utopia

1946

Zwischen Mensch und Mensch

1946

Chassidismus

1945

Das Problem des Menschen

1943

Der Geist und die Wirklichkeit

1942

Die Lehre des Propheten

1942

Die Frage an den Einzelnen

1936

Königtum Gottes

1932

Vom Dialog. Leben

1931

Religion und Philosophie

1931

Die chassidischen Bücher

1928

Reden über das Judentum

1923

Ich und Du

1922

Die Rede, die Lehre und das Lied

1917

Daniel

1913

Reden und Gleichnisse des Tschuang-Tse

1910

Ekstatische Konfessionen

1908

Laudator Albrecht Goes

Albrecht Goes, geboren am 22. März 1908 im evangelischen Pfarrhaus in Langenbeutingen, trat 1922 nach bestandenem Landexamen in das evangelisch-theologische Seminar im Kloster Schöntal ein. Ab 1926 studierte er Germanistik und Geschichte, später Evangelische Theologie in Tübingen und ab 1928 in Berlin, wo er von Romano Guardini beeinflusst wurde. 1930 wurde Goes in der Tuttlinger Stadtkirche zum Pfarrer ordiniert und war 1931 Stadtvikar in der Martinskirche in Stuttgart. 1933 trat er seine erste Pfarrstelle in Unterbalzheim bei Illertissen an. 


Im Zweiten Weltkrieg wurde er 1940 einberufen und zum Funker ausgebildet und danach in Rumänien eingesetzt. 1942 bis 1945 war er als Geistlicher im Lazarett und im Gefängnis in Russland, Polen, Ungarn und Österreich tätig. Nach dem Krieg war er wieder Pfarrer in Gebersheim, bis er 1953 den Pfarrdienst quittierte und von da an als freier Schriftsteller wirkte. Er engagierte sich nach dem Krieg gegen die Wiederaufrüstung Deutschlands, zum Beispiel – unter anderem mit Gustav Heinemann – als Unterzeichner des „Deutschen Manifests“ der Paulskirchenbewegung. 1958 wurde er in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen. Seit 1949 war er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Einem breiten Publikum wurde er auch als regelmäßiger Sprecher der ARD-Sendung »Das Wort zum Sonntag« bekannt.

Albrecht Goes starb am 23. Februar 2000 in Stuttgart. Er hat neben der Buber-Rosenzweig-Medaille 1978 zahlreiche weitere Ehrungen erhalten.