"Seit dem Friedenspreis spreche ich mit der ganzen Welt"
Boualem Sansal trat zum ersten Mal seit seiner Haftentlassung öffentlich auf - bei einem Gespräch auf der Leipziger Buchmesse, mit Irina Scherbakowa, Katajun Amirpur, Thea Dorn und Natascha Freundel. Jona Jeska von der Geschäftsstelle des Friedenspreises berichtet über einen bewegenden Abend.
Unter dem Titel „Was ist wahr und wann kann das gefährlich sein?“ haben am 19. März im Paulinum der Universität Leipzig der algerische Schriftsteller Boualem Sansal, die russische Historikerin Irina Scherbakowa, die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur und die Schriftstellerin Thea Dorn über Meinungsfreiheit und die Situation von Autorinnen und Autoren in autoritären Systemen diskutiert. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Stiftung Freedom of Expression, radio3 vom rbb, dem PEN Berlin e.V., dem Merlin Verlag sowie dem Leipziger Literaturhaus und der Leipziger Initiative zur Befreiung Sansals statt.
Im Zentrum des Abends stand der Auftritt von Boualem Sansal, der nach einjähriger Haft in Algerien erstmals wieder in Deutschland öffentlich sprach. Sansal war im November 2024 nach seiner Einreise in Algier festgenommen worden. Auslöser war ein Interview, in dem er sich zur Grenzfrage zwischen Algerien und Marokko geäußert hatte.
Im März 2025 wurde er zu fünf Jahren Haft verurteilt. Nach internationalen Protesten und diplomatischen Interventionen wurde er im November 2025 auf Gesuch des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier vom algerischen Präsidenten Tebboune begnadigt und freigelassen.
Der Mut zur Wahrheit
In seinem Grußwort machte Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz deutlich, worum es an diesem Abend geht: „Wir sprechen über den Mut zur Wahrheit und darüber, dass diejenigen, die sie aussprechen, manchmal zum Gegenstand der Destruktion werden, dass sie zum Schweigen gebracht werden sollen, und wir sprechen auch darüber, wie Widerstand dagegen möglich ist.“ Kaum jemand verkörpere diesen Zusammenhang derzeit so eindrücklich wie Sansal, so Guggolz, ein Autor, dessen Werk seit Jahren für intellektuelle Unabhängigkeit steht und dessen Schicksal zugleich die Realität politischer Repression vor Augen führt. Dass er nun im Paulinum sprechen kann, sei „alles andere als selbstverständlich“ und müsse als Moment der Erleichterung ebenso wie als Mahnung verstanden werden.
Ich habe sehr früh erfahren, dass ich begnadigt werden würde, aber ich habe dem algerischen Präsidenten Tebboune geschrieben: Wie ich höre, wollen Sie mich begnadigen, aber ich verweigere das. Ich will einen richtigen Prozess mit richtigen Richtern und internationalen Beobachtern. Dann bin ich einverstanden. Wenn ich verurteilt werde, werde ich verurteilt. So ist das Recht.
Boualem Sansal
Aus dem Inneren des Landes
Im anschließenden Gespräch mit der Journalistin Natascha Freundel schilderte Sansal seine Situation nach der Freilassung: „Ich bin so glücklich, dass ich jetzt hier in Deutschland bin. Deutschland hat mich befreit, und mich persönlich dadurch ausgezeichnet, mir den Friedenspreis zu verleihen. Das ist etwas ganz Besonderes. Der Friedenspreis hat es mir ermöglicht, dass meine Stimme in der Welt gehört wird. Seit dem Friedenspreis spreche ich mit der ganzen Welt.“
Mit Blick auf seine Haft beschrieb er eine grundlegende rechtliche und persönliche Unsicherheit: „Ich wusste im Gefängnis gar nicht, wer ich war. Bin ich ein Häftling oder nicht? Bis heute denke ich, dass ich eine Geisel war. Ich wurde aufgrund der Meinungsverschiedenheiten zwischen Algerien und Frankreich festgehalten.“
Sansal betonte mehrfach die Bedeutung innergesellschaftlicher Kritik: „Wenn man gegen ein Regime kämpft, muss man das wirklich aus dem Inneren des Landes tun. Sich von außen gegen ein Regime zu stellen, ist einfach. Ich kann jetzt wieder sagen, was ich will, aber es hat nicht dieselbe Kraft. Kritik, die aus dem Ausland gebracht wird, kann vom Regime leicht diskreditiert werden.“
Vor diesem Hintergrund erklärte er auch seine Entscheidung, trotz aller Risiken lange in Algerien zu leben und zu arbeiten: „Es gibt Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Algerien, die unter Pseudonym publizieren, die versteckt leben. Das ist mir unmöglich, das kann ich nicht akzeptieren, denn man zeigt so keinen Respekt gegenüber seinen Mitbürgerinnen, die ja im Land leben und dort leiden. Man muss mit ihnen gemeinsam leiden.“
Auf philosophischer Ebene ist die Begnadigung für mich als Schriftsteller inakzeptabel. Ich bin beschämt.
Boualem Sansal
"Ich möchte einen richtigen Prozess"
Überraschend kritisch äußerte sich Sansal zum Instrument der Begnadigung: „Ich lehne die Begnadigung ab – ich habe dem Präsidenten der Republik Tebboune aus der Haft geschrieben: Wenn ich höre, dass ich begnadigt werden soll, dann lehne ich das ab. Ich möchte einen richtigen Prozess haben mit richtigen Richterinnen und internationalen Beobachterinnen. Wenn ich dann verurteilt werde, dann ist das rechtstaatlich.“
Zugleich würdigte er die internationale Unterstützung: „Ich bin sehr dankbar gegenüber Deutschland und dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, dass man sich für mich eingesetzt hat und ich begnadigt wurde. Aber auf philosophischer Ebene ist die Begnadigung für mich als Schriftsteller inakzeptabel. Ich bin beschämt. Was sagt mein Status in Frankreich oder in Europa heutzutage den Algerierinnen und Algerier? Ich bin gegangen. Ich bin ein Schwächling. Und jetzt bin ich in Europa und ganz reich und mir geht es gut.“
Seine Haftbedingungen beschrieb Sansal als stark eingeschränkt, unter anderem mit Blick auf den Zugang zu Literatur. Eigene Handlungsspielräume habe er sich erst nach und nach erarbeitet: „Nach und nach ist es mir gelungen, ein wenig aus dieser Gefangenheit auszubrechen im symbolischen Sinne, denn trotz allem haben auch die Wachen viel Sympathie für mich entwickelt. ‚Sie sind wirklich ein mutiger Mann‘, sagten sie.“ In der Folge begann er, Mitgefangene in Philosophie, Poesie, Mathematik, Physik und Französisch zu unterrichten.
Die Relativierung historischer Fakten
Im anschließenden Podiumsgespräch wurde der Begriff der Wahrheit aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. Die Memorial-Mitbegründerin und Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa verwies auf die Entwicklung in Russland seit den 1980er Jahren und beschrieb die Relativierung historischer Fakten als zentrales Element aktueller Politik. Ihre Organisation Memorial stehe für den Versuch, Fragen zu stellen, historische Wahrheit aufzudecken und zu sichern und sei so „zum Symbol der historischen Wahrheit“ geworden.
Memorial ist, ob wir das so wollten oder nicht, gewissermaßen zu einem Symbol dieser historischen Wahrheit geworden, die man jeden Tag in Putins Russland missbraucht, also umschreibt: Nein, in Katyn waren es doch die Deutschen. Oder: nein, es gab keinen Massenterror in den Stalinzeiten. Nein, in der Ukraine sitzen die Nazis und wir kämpfen gegen Faschisten dort und die NATO wollte uns selbst angreifen. Das sind konkrete, ganz einfache Lügen, wo man wirklich sagen muss: Zwei mal zwei ist vier. Wir haben das schon in Russland gemacht, wir machen das auch wieder weiter.
Irina Scherbakowa
Thea Dorn, Co-Sprecherin des PEN-Berlin e.V., hob hervor, dass zwischen überprüfbaren Aussagen und kontextabhängigen Deutungen unterschieden werden müsse. Zugleich warnte sie vor einer Instrumentalisierung von Wahrheit sowohl durch gezielte Desinformation als auch durch die Ausgrenzung bestimmter Positionen aus dem öffentlichen Diskurs: „Wir erleben, dass dreist gelogen wird zu Propagandazwecken und Lügen als Wahrheit verkauft werden“ - dass also eine Instrumentalisierung des Wahrheitsbegriffs stattfinde, um Diskussionen, vor denen man Angst habe, zu vermeiden.
Wir erleben ja nicht nur, dass dreist gelogen wird, zu Propaganda-Zwecken und Lügen als Wahrheit verkauft werden, wir erleben auch in den freiheitlichen Gesellschaften, zu denen ich die Bundesrepublik Deutschland unbedingt zähle, dass eine Art Instrumentalisierung des Wahrheitsbegriffs passiert, um Diskussionen, vor denen man Angst hat, nicht zu führen.
Thea Dorn
Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur lenkte den Blick auf den Iran. 90 Prozent der Bevölkerung würden dem Regime die Propaganda nicht mehr glauben, so Amirpur. Gleichzeitig entstünden außerhalb des Landes Wahrnehmungslücken, da unabhängige Berichterstattung nur eingeschränkt möglich sei. Außerhalb des Irans hingegen gelte: „Wir glauben im Moment dem Regime, weil keine Bilder mehr rauskommen. Wir haben keine Ahnung, was die Bevölkerung wirklich denkt.“
Dass die iranische Bevölkerung dem Regime die ganze Propaganda nicht mehr glaubt, ist ausgesprochen sicher. Und wir gehen ihr fälschlich auf den Leim, wenn wir zum Beispiel annehmen, dass Iran zerfallen könnte, weil es sich zermürben würde in irgendwelchen Kriegen mit den Brudervölkern auf der anderen Seite der Grenze etc. Das ist alles Regimepropaganda und in dem Sinne die einzige Wahrheit, die im Moment nach außen dringt. Aber es ist eben nicht die Wahrheit, die die Bevölkerung glaubt.
Katajun Amirpur
Die Diskussion machte deutlich, dass Fragen von Wahrheit und Meinungsfreiheit eng mit politischen Machtverhältnissen und medialen Bedingungen verknüpft sind. Auf die Frage, wie man optimistisch und hoffnungsvoll bleibe, wurde abschließend von allen gemeinsam Anna Achmatowa zitiert: „Trinken wir auf den Erfolg unserer hoffnungslosen Sache!“
Mitschnitt im Radio und im Podcast
Ein Mitschnitt des von Natascha Freundel moderierten Gesprächs im Paulinum wird am 4. April bei radio3 vom rbb sowie im Podcast „Der zweite Gedanke“ ausgestrahlt. Der Abend wurde gedolmetscht aus dem Französischen von Daniel Bintener und Elisabeth Körner- Székelyhidi.
Mehr über den Preisträger
Friedenspreis 2011