"Prekäres Andenken"

Die Laudatio von Hans Ulrich Gumbrecht auf Aleida und Jan Assmann. Der Text folgt dem gesprochenem Wort.


Hans Ulrich Gumbrecht
© Reto Klar

Hier in der Paulskirche und heute im Oktober 2018 vor Ihnen zu stehen, um das »zweistimmige« Lebenswerk von Jan und Aleida Assmann zu feiern, wie es der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels so richtig und schön formuliert hat, gibt mir ein Gefühl der Dankbarkeit – und der prekären Unsicherheit. »Prekär« in dem spezifisch zeitlichen Sinn dieses Wortes, dass keine Vorgabe aus der Vergangenheit und keine Vorstellung von der Zukunft mir helfen wird, die Sätze der nächsten genau 21 Minuten so zu formulieren, wie sie sein müssten. Und diese subjektive Wahrnehmung einer prekären Situation verweist aber auch auf objektiv prekäre Horizonte unserer Gegenwart.

Zum Beispiel die Paulskirche, die der Ausgangspunkt der prekären Tradition der Demokratie in Deutschland war – vor allem, seit uns die Rede vom »Ende der Geschichte« in den Rückblicken auf das Gewesene verunsichert; wir leben in einer Zeit schwindender Gewissheit, was die von der Aufklärung, besonders von Immanuel Kant ausgemachten Bedingungen des Friedens angeht, aber auch ihre hoffnungsvollen Neuinterpretationen nach 1945 und nach 1989; die Geisteswissenschaften, denen Aleida und Jan Assmann über mehr als ein halbes Jahrhundert so viele Lebensimpulse gegeben haben, können und dürfen nur mit Skepsis an ihre Zukunft denken; und kann es schließlich vor einem solchen Hintergrund gelingen, im Angesicht und zur Ehre von gleich zwei meiner besten Freunde dem notwendigen Anspruch des Friedenspreises eben auf Objektivität und auch auf Genauigkeit gerecht zu werden?

Die beiden Freunde gehören zu den frühen und zu den späteren Jahrgängen einer deutschen Generation, unserer Generation, der die Geschichte das Bleigewicht einer paradoxalen Verpflichtung gab. Wer 1938 geboren wurde (wie Jan Assmann), der konnte nicht mehr an den im Namen der deutschen Nation vollzogenen Verbrechen beteiligt gewesen sein; und wer 1947 auf die Welt kam (wie Aleida Assmann), war immer noch in Reichweite eines Rufs aus der Vergangenheit, Verantwortung auf sich zu nehmen für Verbrechen, die nicht zum eigenen Leben und zum eigenen Andenken gehörten – gegen das kommunikative oder im schlimmeren Fall das verleugnende Beschweigen der Mitschuldigen. Niemand hat beständiger und ideenreicher gegen dieses Paradox angedacht als Aleida und Jan, und sie haben dabei, wie mir scheint, ohne es zu wissen, dem Wort »Andenken« eine neue Bedeutung gegeben. Sie machten aus der Statik erinnerter Vergangenheit die Energie des Denkens. So unwahrscheinlich es sein mag, dass der große und sehr deutsche Dichter Friedrich Hölderlin den Titel seines Gedichts »Andenken« in dieser Weise verstand, so deutlich können wir doch sehen, wie auch für ihn erinnerte Bilder aus Bordeaux zur Kraft eines An-Denkens im Blick auf die Versprechen und auf die Bedrohungen seiner Zukunft wurden.

Statt nun noch einmal, wie es sicher nicht wenige unter Ihnen erwarten, den Prozess Revue passieren zu lassen, mit dem die Preisträger für das Wort von der »Erinnerung« dessen heutige Tiefenschärfe erschlossen haben, möchte ich mit Ihnen und für Sie eine Reihe dieser prekären Situationen heraufbeschwören, gegen die und mit denen die Assmanns angedacht haben. Daraus ergaben sich Vorschläge für die Konstruktion neuer Welten in ihrer Nation, Vorschläge für nie zur Endlichkeit erstarrende Rahmen von individueller oder kollektiver Existenz, in denen ein Leben mit jener Vergangenheit erträglich wurde, um dann endlich das Ausgangstrauma unserer Generation im Blick auf die Probleme anderer Zukünfte zu überschießen.

Ohne den Gedanken an eine chronologische Ordnung oder gar die Unterstellung einer Entwicklungslogik werde ich mich zuerst auf die Zeit als zentralen Gegenstand im Denken der beiden Assmanns konzentrieren, um danach – selbst für ein deutsches Publikum schon beinahe allzu phänomenologisch – von ihrem Leben im Raum schwindender nationaler Grenzen zu sprechen. Doch diese Lobrede auf ein Preisträger-Paar bliebe ohne Mitte, wenn sie nicht auf die Familie von Jan und Aleida Assmann und auf ihre Liebe schaute – in einer Zeit, wo gerade Liebe und Familie alle Selbstverständlichkeit verloren haben. Das gilt auch für den Frieden, der während der fast siebzig Jahren seit Erfindung des Frankfurter Preises in seinem Namen leider nicht zu einem bloß dekorativen Thema geworden ist und deshalb härtester Maßstab für die Bedeutung der Preisträger blieb. Dieses Kriterium muss freilich gerade für Geisteswissenschaftler – und mit diesem Gedanken möchte ich schließen – zunächst wie eine Überforderung wirken. 

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Was die besondere Konfiguration der historischen Zeit für unsere Generation angeht, so hat sich vor allem Aleida Assmann nie gescheut – ja vielleicht kann man sagen: sie hat nie gezögert –, den sich fortentwickelnden Raum der Öffentlichkeit zu nutzen, um mit geisteswissenschaftlich geschulter Kompetenz und mit dem Augenmaß der Leidenschaft in kontroverse Debatten einzugreifen. Ich bin mit der Kraft ihres Denkens und ihrer Rede durchaus vertraut, weil wir in einer jener Auseinandersetzungen auf verschiedenen Seiten stehen – nämlich, um es elementar zu formulieren: Aleida auf der verstehenden und ich auf der verurteilenden Seite. Es geht um meinen akademischen Lehrer in Konstanz, dem ich neben dem Beginn einer passablen Universitätslaufbahn vor allem die Überzeugung zuschreibe, dass keine Arbeit in den Geisteswissenschaften ohne den Umweg über die Philosophie auskommen soll, er war sechs Jahre lang Mitglied der Waffen-SS gewesen und hat sich bis zu seinem Tod nicht durchringen können, freiwillig darüber zu sprechen.

Insoweit hat es zwischen Aleida und mir nie eine Kontroverse gegeben. Doch ich habe mit dem Entschluss zu einer damnatio memoriae reagiert, an der ich auch heute festhalte, während sich Aleida (und ich zitiere) für »historische Kontexte« einer bedeutenden und in Konstanz endenden Leistung des Denkens geöffnet hat, »die das gewünschte klare Bild verkomplizieren«. Sie entdeckte hinter der damnatio memoriae»ein Bedürfnis nach Dekontamination. Es galt, ein Werk in toto zu diskreditieren, um einen Namen aus den Annalen der Wissenschaft zu streichen. Das ist aber nicht so einfach, denn wenn man – im Bilde gesprochen – diesen Stahlträger beseitigt, stürzt ein größeres Gebäude zusammen. Dann müssten auch ganze literaturtheoretische Paradigmen entsorgt und (…) eingestampft werden.« Solche entschiedenen Worte haben mir – zunächst gegen eigenen Widerstand – zu einer nüchternen Einschätzung meiner Motivation und ihrer Konsequenzen verholfen, und sie haben zu einem Gespräch zwischen Aleida und mir geführt, das heute noch am Leben ist und von dem zumindest ich sehr profitiert habe.

Wie Aleida ist auch Jan Assmann ein Meister im Konturieren seiner eigenen intellektuellen Positionen, doch sein Temperament hat ihn wohl weniger motiviert, die Bühne polemischer und auch politischer Debatten zu betreten. Deshalb – und nicht einfach, weil er bis heute an der Kultur des Alten Ägyptens als Zentrum seines Denkens festgehalten hat – möchte ich Jan Assmann nun als Ägyptologen zitieren, und zwar mit dem Essay über »Todesbilder und Totenriten im Alten Ägypten « aus dem Jahr 2000, einem meiner Lieblingstexte nach mehr als 50 Jahren geisteswissenschaftlicher Lektüren: »Der Mensch, durch ein Zuviel an Wissen aus den Ordnungen der Natur herausgefallen, hat sich eine künstliche Welt erschaffen, in der er leben kann. Das ist die Kultur. Die Kultur entspringt dem Wissen um den Tod und die Sterblichkeit. Sie stellt den Versuch dar, einen Raum und eine Zeit zu schaffen, in der der Mensch über seinen begrenzten Lebenshorizont hinausdenken und die Linien seines Handelns, Erfahrens und Planens ausziehen kann.«

Was bei aller Luzidität so klingt wie das Resümee einer schon vorher vorhandenen These aus der Philosophiegeschichte, war eine atemberaubende Provokation des Autors Jan Assmann: Vor ihm hatte noch niemand die These entwickelt, dass sich die Kultur aus dem Wissen um den eigenen Tod entfaltet. Im Gegensatz zum scharfen Differenzbewusstsein bei der Erfassung einer engen Gegenwart im »historischen Weltbild« der westlichen Kultur, so erfahren wir, hatten die Ägypter als Antwort auf das Trauma der menschlichen Endlichkeit eine Gegenwart geschaffen, die sich ohne Anfang oder Ende in die Vergangenheit und in die Zukunft dehnte. In die Vergangenheit als vom Staat auferlegte Verpflichtung, eine Tradition moralischen Lebens durch die Erinnerung präsent zu halten; und in die Zukunft mit der Hoffnung, dank besonderer Rituale der Bestattung den individuellen Tod mit einer Einbindung in die Zyklen der Natur zu überleben.

Doch wenn Sie Jan Assmanns Texte lesen, wissen Sie, dass es nie bei historischen Rekonstruktionen bleibt. Sein den ägyptischen Pyramiden gewidmeter Satz, nach dem »die Botschaft dieser Steine ein einziger Protest gegen den Tod (ist) und der wohl grandioseste Versuch seiner Überwindung, den die Menschheit je unternommen hat«, vermag es, jene zweiseitig unendliche Gegenwart heute – beinahe leise, denn Jan schreibt oft leise – in den Status einer existenziellen Sehnsucht zu rücken. Mit ihr gewinnt die Imagination in unserer eigenen Zeit eine Alternative zum historischen Weltbild und vielleicht sogar die Vision einer neuen, ökologischen Zeitlichkeit des Bewahrens.

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Das politische Potenzial solcher Gedanken zeigt sich ganz überraschend, wenn wir uns die räumlichen Voraussetzungen ihrer Entstehung im Leben von Jan und Aleida Assmann vergegenwärtigen. Beide haben bei Ausgrabungen in Ägypten Einsichten gewonnen; Jans These zu dem – im Hegel’schen Sinn – dialektischen Ursprung der jüdischen Theologie aus einer ägyptisch-polytheistischen Vorgeschichte fand in Israel eine Intensität der Resonanz, die ihn zum Ehrendoktor der Hebräischen Universität machte. Und ich muss das einmal sagen, Jan, dafür beneide ich dich sehr!

Aleida ist eine Spezialistin geworden für die Ambivalenz der Erinnerungsorte in Israel: die jüdisch-palästinensisch-islamische Ambivalenz, und das hat sich, denke ich, aus ihren Anfängen in Ägypten ergeben. Zu ihrem Werdegang als Anglistin gehörte ein Highschool-Jahr im kalifornischen San José, wo sie zur Piccolo-Flötistin der Highschool-Marching-Band aufstieg, und beide Assmanns haben in schwierigen Zeiten den amerikanischen Universitäten die Treue bewahrt. Über England und Frankreich vor allem waren Jan und Aleida aber auch Europäer avant la lettre institutionelle geworden; und im Norden geboren, haben sie zwischen Heidelberg und Konstanz die Achse ihres Lebens gefunden, statt an nur einem Ort »heimisch zu werden«. Denn als wahre Kosmopoliten entdecken sie an jedem Ort Ambivalenzen und prekäre Situationen – und nirgends die Ruhe der letzten Gewissheit.

Aber dieses Lebenswerk wäre nicht vorzustellen ohne die Familie und ohne die Liebe zwischen Aleida und Jan Assmann. Das wurde mir zum ersten Mal bewusst bei Kolloquien im heute kroatischen Dubrovnik, wo unsere Kollegialität zu einer Freundschaft wurde. Aleida und Jan kamen mit ihren fünf Kindern, die so schöne Namen haben, mit Vincent, David, Marlene, Valerie und Corinna, und die Assmanns haben vor den logistischen Schwierigkeiten nie kapituliert. Im Gegenteil, die Kinder waren täglich über zwei Wochen bei den meisten unserer manchmal zwölf Stunden dauernden Diskussionen präsent, und die konzentrierte Lebhaftigkeit, mit der sie Bilderbücher lasen, auf dem Gang spielten oder witzige Karikaturen von den Tagungsteilnehmern zeichneten – was auch zu prekären Situationen führte –, hat uns alle so sehr beeindruckt wie der Wissensdurst und die zugewandte Aufmerksamkeit von Aleida und Jan, die beim Notizenmachen in ihren schönen und ähnlichen Handschriften den Bleistift wie einen Staffelstab wechselten.

Was ich erzähle, ist mehr als eine im Altersrückblick vergoldete Szene der Erziehung. Es ist vielmehr ein freundschaftlicher Neid über das Gelingen des An-Denkens gegen die schlechte Alternative von Wissenschaft oder Familie. Das ist bei Jan und Aleida nicht trennbar. Ich bewundere aber vor allem eure Liebe, und ich meine dieses Wort im vollen Sinn. Ihr habt diese Liebe nie zu einer Partnerschaft, Arbeitsteilung oder zu einer bloßen Synthese verkommen lassen. Ich glaube, ihr liebt euch aus der Erfahrung eurer großen Verschiedenheit, und diese Erfahrung eurer großen Verschiedenheit ist Leidenschaft geblieben. Eine Leidenschaft, die euch bis heute das Feuer der Energie zu eurer intellektuellen Leistung gibt. Zum Rezept für jüngere Familien kann und darf solches Glück nicht werden, doch als Ermutigung und als ein Ding der Schönheit hat es sehr wohl gewirkt.

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Mit Recht könnte man also sagen, dass Jan und Aleida Assmann einen Friedens-Preis verdienen, weil sie beweisen, dass Familie und Liebe unter neuen Bedingungen ein Organon des Zusammenlebens in Verständnis, Zuneigung und Leidenschaft bleiben. Aber mir kommen solche Worte auch allzu friedlich oder pauschal vor, es regt sich ein Impuls zum An- und Weiter-Denken. Wenn wir auf die Fragilität des Friedens von heute eher mit Angst als mit bloßer Sorge reagieren, dann sollten wir – mit Blick auf Kants Schrift »Zum ewigen Frieden« – mit Präzision zu sagen versuchen, welche Friedensbedingungen tatsächlich brüchig geworden sind. Das gilt erstens wohl für die positive Verengung des »Weltbürgerrechts auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität« (»dritter Definitivartikel«); und zweitens für die Forderung, dass sich »kein Staat in die Verfassung und Regierung eines anderen Staats gewalttätig einmischen« soll (»fünfter Präliminarartikel«).

Wie drastisch heute viele Staaten – vor allem in Nordamerika und im kontinentalen Europa – auf das von Kant auch zugestandene Recht zurückgreifen, Fremden die Hospitalität zu verweigern, liegt auf der Hand und beschäftigt uns täglich. Und zugleich hat sich ein Brustton moralischer Überlegenheit – nicht zuletzt in Deutschland – breit gemacht, mit dem man sich in die “Verfassung und Regierung eines anderen Staats einmischen” will, wenn zum Beispiel die eigenen Formen von Gewaltenteilung und politischer Interaktion anderen politischen Systemen mit einer Selbstzufriedenheit auferlegt werden, der jede Scham um die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 abgeht.

Können eine Anglistin und ein Ägyptologe aber – im Ernst, mit Wirkung und nicht nur als Protagonisten einer Sonntagsrede – für mehr Offenheit bei der Migration und für den Frieden sorgen? Ich denke, es ist möglich, Aleida Assmann hat sich dafür engagiert, vor allem in den Gesellschaften Osteuropas und des sogenannten Mittleren Ostens eine Bereitschaft für größere Hospitalität zu schaffen, vor allem mit ihren Argumenten zugunsten deutlich kritischer Einschätzungen der jeweils eigenen Geschichte und zugunsten einer Hinwendung zu den Idiosynkrasien in den Kulturen der jeweils Anderen (und oft auch jeweils Ausgeschlossenen). Jan Assmanns seit über zwei Jahrzehnten immer weiter verfeinerte These über eine Affinität zwischen den Absolutheitsansprüchen der theologischen Monotheismen einerseits und der politischen Totalitarismen andererseits hat unter europäischen Intellektuellen als eine Warnung vor moralischer Überheblichkeit gewirkt.

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Doch vor allem die Geisteswissenschaftler unter uns sollten sich an diesem Morgen keine Illusionen machen. Eine Aufmerksamkeit und ein Vertrauen der Politiker für unsere Erfahrungen oder gar unsere Urteilskraft können wir nicht erzwingen, und nie wieder wird sich ein Respekt einstellen, wie ihn die Wilhelminische Gesellschaft für Gelehrsamkeit auf den Gebieten der Geschichte und der Künste in einer Zeit pflegte, da Theodor Mommsen als Historiker des Römischen Reichs mit dem damals erst zum zweiten Mal vergebenen Nobelpreis für Literatur geehrt wurde. Die Dimensionen des Respekts, die Aleida Assmann und Jan Assmann mit ihrer schönen Gelehrsamkeit, mit Geduld und eben mit Leidenschaft für unsere Generation von Geisteswissenschaftlern in Deutschland Territorien zurückerobert haben, sind viel prekärer – trotz aller Differenzierung, die mit der Verschiedenheit ihrer Talente zu tun hat. Der nüchternen Klarheit von Aleidas Gedanken und Aleidas Sprache ist es gelungen, das vielleicht in einer Zeit allzu großspuriger Theorieentwürfe verspielte Recht wieder zu erringen, gehört und ernstgenommen zu werden. Entlang der langfristigen Rezeptionsgeschichte von Jan Assmanns Werk hingegen ist eine Freude an überraschenden und oft gegenintuitiven Vorstellungen entstanden, die er besonders in den vor-antiken Welten gefunden hat und die sich in Gegenbildern zum jeweils scheinbar unveränderlich Bestehenden konkretisiert haben. Ich beschreibe seine Gabe gerne als “riskantes Denken”, bewundere sie so sehr wie Aleidas freundlichen Ernst – und liebe meine beiden Freunde gerade in ihrem Kontrast.

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Mehr, behaupte ich, oder Anspruchsvolleres für das Denken und für den Frieden war von den Geisteswissenschaftlern in unserer deutschen Generation nicht zu erreichen. Geisteswissenschaftler zu sein bedeutet allerdings auch, dass die Zeit der Erinnerung an Aleidas und an Jans Leistung wohl nur kurz bemessen sein wird, kürzer als bei manchen Sportlern oder Künstlern, Schauspielern oder Politikern.

Dieser Gedanke, das sollten wir den jüngeren Kolleginnen und Kollegen verraten, lässt sich jenseits der Siebzig kaum mehr verdrängen – so wenig wie die Prognose, nach der auf absehbare Zeit keiner von uns, nicht einmal Aleida Assmann und Jan Assmann, für den Literaturnobelpreis oder für den Friedensnobelpreis anstehen werden. Obwohl, wer weiß!

Umso mehr soll die Gegenwart dieses Frankfurter Fest-Morgens ein Moment sein, an dem wir festhalten, so gut und so lange es geht, um Jan und Aleida mit lauter Freude für ihre zweistimmige Lebensleistung zu danken, die eine Ermutigung für die Geisteswissenschaften und für den Frieden geworden ist – bevor am Montag der prekäre Alltag zurückkehrt mit seiner Herausforderung, gegen ihn anzudenken.