Friedenspreis 2019 Grußwort Heinrich Riethmüller

Neben dem Frankfurter Oberbürgermeister begrüßt traditionell der Vorsteher des Börsenvereins die Gäste in der Paulskirche. In diesem Jahr ist es Heinrich Riethmüller, der seit 2012 Vorsteher ist. Der Text folgt dem gesprochenen Wort.


xFriedenspreisbuch 2019
Das Buch zum Friedenspreis mit allen Reden in deutsch und englisch erscheint am 18. November 2019, kostet 14,90 € und ist unter der ISBN-Nummer 978-3-7657-3328-4 im Buchhandel oder beim
© MVB-Kundenservice (069/1306-550 und kundenservice@mvb-online.de) erhältlich.

Wenn erst die Bäume gezählt sind und das Laub
Blatt für Blatt auf die Ämter gebracht wird
werden wir wissen, was die Erde wert war.

Einzutauchen in Flüsse voll Wasser
und Kirschen zu ernten an einem Morgen im Juni
wird ein Privileg sein, nicht für viele.

Gerne werden wir uns der verbrauchten Welt
erinnern, als die Zeit sich vermischte
mit Monstern und Engeln, als der Himmel
ein offener Abzug war für den Rauch
und Vögel in Schwärmen über die Autobahn flogen
(wir standen im Garten, und unsre Gespräche
hielten die Zeit zurück, das Sterben der Bäume
flüchtige Legenden von Nesselkraut).

Shut up. Eine andere Erde, ein anderes Haus.
(Ein Habichtflügel im Schrank. Ein Blatt. Ein Wasser.)

An dieses Gedicht von Christoph Meckel aus dem Jahr 1974 habe ich mich erinnert, als ich die Fotografien von Sebastião Salgado gesehen habe. Seine eindrucksvollen, in schwarzweiß gehaltenen Bilder erzählen von der Zerstörung der Erde, von der Unterwerfung des Planeten durch den Menschen, von Umweltverschmutzung, von Migration, Landflucht und Vertreibung. Die brutalen Auswirkungen treffen die, die sowieso schon zu den Benachteiligten zählen oder die bislang noch unentdeckt leben.

Beide, der Dichter und der Fotograf, beschreiben die Fragilität der Welt auf ihre eigene Weise. Lyrik und Poesie haben mit der Schwarzweiß-Fotografie, die niemand so konsequent nutzt wie Sebastião Salgado, vieles gemein. Die Poesie verdichtet die Sprache und reduziert sie auf das Wesentliche. In der Schwarzweiß-Fotografie zählt das Spiel von Licht und Schatten, die Abstraktion. Beide Künste scheinen die Zeit aufzuheben und rühren uns gerade deshalb so sehr an.

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Zum ersten Mal zeichnet der Börsenverein einen Fotografen mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels aus – einen Fotografen, dessen subjektive Sichtweise eher mit der eines Literaten als eines Berichterstatters vergleichbar ist. Sebastião Salgado hat nie den Skandal gesucht oder einen nur beiläufigen Blick auf die Welt geworfen, seine Reportagen sind immer lang angelegte Projekte. Er war Zeuge entsetzlicher Verbrechen und Zerstörungen. Er dokumentierte den Völkermord in Ruanda ebenso wie das Abfackeln der Ölfelder in Kuwait, er zeigt Menschen auf der Flucht vor Hunger und Krieg, vor Ausbeutung und Naturkatastrophen. Seine Bildersammlungen erzählen von einer Menschheit, die in der Moderne angekommen ist, die die Folgen der Globalisierung mit voller Wucht zu spüren bekommt, und die kurz davorsteht, sich selbst die Lebensgrundlagen zu nehmen.

Mit seinem letzten Projekt »Genesis« spürt Salgado die letzten noch unberührten Reservate der Erde auf. Er bringt uns die Schönheit des Planeten nahe. Seine Bilder der Galapagosinseln mit ihren seltenen Tieren und eigentümlichen Pflanzen, seine Studien über indigene Völker, die noch unbeschadet von unserer Zivilisation leben, seine atemberaubenden Fotografien von Papua-Neuguinea und Afrika, die Bilder über den Südsudan und die Sahara, seine Reise durch das »Alte Testament« – wie Salgado seine Expedition durch Äthiopien nennt –, die Reisen in die Arktis, nach Sibirien und Lateinamerika – all diese Dokumentationen einer weithin unberührten Natur und ihrer Ureinwohner entwickeln eine Kraft, der man sich als Betrachter schwer entziehen kann. Wir alle wissen, dass diese Wunder dem Untergang geweiht sind, wenn die Menschheit nicht aufwacht: sich nicht mehr als Beherrscher sondern als Teil eines fragilen Ganzen begreift, das es zu bewahren gilt.

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Vor 250 Jahren wurde Alexander von Humboldt geboren, auch er ein Weltentdecker und Kosmopolit, ein Beobachter und Analyst, der die Erde wie kein anderer vor und wohl auch kein anderer nach ihm erforscht hat. Humboldt hat schon damals festgestellt, dass alles in der Natur zusammengehört und voneinander abhängt. Sebastião Salgado steht in seiner humanistischen Tradition, wenn er vor den Eingriffen des Menschen in die Abläufe der Natur warnt: »Mehr denn je bin ich überzeugt, dass die Menschen eins sind [...]. Sie fliehen vor Kriegen, um dem Tod zu entgehen, sie wandern aus, um ein besseres Los zu finden, sie bauen sich in fremden Ländern ein neues Leben auf, sie passen sich den härtesten Bedingungen an. Überall setzt sich der Überlebenstrieb des Menschen durch. Nur als Spezies scheinen wir unbeirrt unsere Selbstzerstörung zu betreiben.«

Sebastião Salgado zeigt uns die ganze Welt, die von der Zivilisation beschädigte, aber auch die von ihr noch unberührte. Seine Fotografien müssen Auftrag sein, uns für den Erhalt der Schöpfung einzusetzen, aufzuwachen und unseren Lebensstil radikal zu ändern. Nur dann werden wir vielleicht eine Chance haben, der nächsten Generation einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen.

Denn dass man der Warnung, die uns Christoph Meckel in seinem eindringlichen Gedicht »Andere Erde« vor Augen führt, etwas entgegensetzen kann, auch das können wir von Sebastião Salgado lernen. Die erfolgreiche Wiederaufforstung auf der Farm seiner Eltern in Brasilien, die seine Frau Lélia und er vor zwanzig Jahren begonnen haben, erscheint angesichts der Zerstörung weiter Teil des Waldes im Amazonasgebiet wie ein Wunder.

Wim Wenders, der nach mir die Laudatio auf unseren Preisträger halten wird, hat uns in seinem Film »Das Salz der Erde« gezeigt, wie aus einer vertrockneten Landschaft wieder ein Wald wird, wie versiegte Quellen wieder Wasser spenden, wie Tiere zurückkehren, wie die Natur wieder zur Natur wird. Doch es ist kein Wunder gewesen. Es sind Lélia und Sebastião Salgado, die mit ihren vielen Helfern fast drei Millionen Bäume angepflanzt haben. Dass also nicht nur der Verzicht, sondern auch die Tat wichtig ist, um das, was wir dem Planeten angetan haben, rückgängig zu machen, diese Hoffnung geben uns Projekte wie das von den beiden gegründete Instituto Terra. 

Die Buchhändlerinnen und Buchhändler, die Verlegerinnen und Verleger sehen sich als die Botschafter von Sebastião Salgado und seiner Frau Lélia. Wir gratulieren ihm und ihr zum Friedenpreis des Deutschen Buchhandels 2019.