Sonnenblumen & Wasserwerfer – Hinter den Kulissen der Friedenspreisverleihung

Das Korsakow-System oder non-lineares Erzählen als Prinzip einer etwas anderen Vortrags-Form zur Geschichte des Friedenspreises


Friedenspreis 1968 Wasserwerfer im Einsatz
© Lutz Kleinhans

Es ist spannend, die Geschichte des Friedenspreises im Spiegel der historischen Ereignisse zu betrachten. Noch interessanter und erkenntnisreicher kann es werden, wenn die lineare Abfolge verlassen und zudem neben den historischen Ereignissen ein Blick hinter die Kulissen gewagt wird. Mit dem Prinzip des Korsakow-Systems haben wir für den Friedenspreis eine Vortragsform übernommen, bei der das Publikum entscheidet, worüber der Vortragende spricht. Mit Hilfe von Laser-Pointern wählt es die Themen aus, kann Fragen stellen oder selbst einen Beitrag abgeben. Jede Veranstaltung nimmt dadurch einen anderen Verlauf. Der Vortragende verpflichtet sich dabei, zwei Grundsätze zu beachten: das Publikum hinter die Kulissen des Friedenspreises blicken zu lassen und die durch das Publikum ausgewählten Themen inhaltlich miteinander zu verbinden ohne den Weg der Wahrheit zu verlassen.

___________________________________________________

+ + + September 1968: Studenten demonstrieren gegen die Verleihung des Friedenspreises an den senegalesischen Präsidenten Senghor. Die Demonstration endet in Gewalt. Außenminister Willy Brandt flüchtet mit dem Preisträger in einem Taxi in den Norden Frankfurts. + + +
+ + + April 1995: Nach der Bekanntgabe, dass Annemarie Schimmel den Friedenspreis erhält, wird lautstark Kritik an der Islamwissenschaftlerin geübt, nachdem ein Interview mit ihr im Fernsehen nicht vollständig wiedergegeben wird und so der Eindruck entsteht, sie würde die Fatwa gegen Salman Rushdie für richtig halten. + + +
+ + + September 2001: Terroristen entführen Flugzeuge und verändern mit den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon das Weltgefüge. Die Menschen suchen nach Antworten auf die unfassbaren Terrorakt. Jürgen Habermas ändert seine Friedenspreisrede und versucht ein erstes Erklärungsmodell. + + +
+ + + Oktober 2003: Susan Sontag erhält den Friedenspreis. Die deutschen Politiker bleiben der Verleihung fern. Liegt es an den gleichzeitigen Herbstferien oder an der Angst, die guten Beziehungen zu den USA, die bereits durch die Weigerung Deutschlands leiden, am Irak-Krieg teilzunehmen, noch weiter zu gefährden? + + +
+ + + Oktober 2008: Friedenspreisträger Anselm Kiefer erläutert seine Faszination an der ästhetischen Wirkung von Gewalt und Zerstörung, von Trümmerhaufen und Völker trennenden Mauern. Frisch geschrittene Sonnenblumen hingegen sind ihm ein Graus. + + +

__________________________________________________ 

Der russische Nervenarzt Sergej Sergejewitsch Korsakow (1854-1900) ist der Namensgeber des beschriebenen Korsakow-Systems. Nach Korsakow ist zudem eine Form der von ihm diagnostizierten Amnesie benannt, die häufig bei Alkoholkranken festzustellen ist. Die Beeinträchtigungen des Gedächtnisses führen oft dazu, dass sich Patienten mit dem Korsakow-Syndrom nicht mehr in ihrer örtlichen und zeitlichen Umgebung zurechtfinden.

Das Korsakow-Institut für non-lineare Erzählkultur in Berlin, das von Florian Thalhofer gegründet wurde, hat über diese Art von Amnesie und ihre Folgen einen Film gedreht und dafür das übliche Erzählmuster verlassen. Daraus wurde das Korsakow-System entwickelt, eine Software, mit der unter anderem Filme produziert werden können, bei denen die Geschichten nicht vorgegebenen Erzählsträngen folgen, sondern mit einer neuen Art der Erzählkunst experimentiert wird.

Der 60-90minütige Vortrag über die Geschichte des Friedenspreises mit dem Titel „Sonnenblumen & Wasserwerfer - Hinter den Kulissen des Friedenspreises“ von Martin Schult eignet sich für Bibliotheken, Universitäts-Seminare und alle literarischen und geschichtsbewussten Kreise. Anfragen für einen Vortrag können an m.schult@boev.de gerichtet werden.