Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt den Religionsphilosophen Romano Guardini zum Träger des Friedenspreises 1952. Die Verleihung findet am Sonntag, 24. September 1952, in der Paulskirche statt. Die Laudatio hält der Bürgermeister West-Berlins, Ernst Reuter.
Begründung der Jury
Im Namen der deutschen Verleger und Buchhändler verleihen wir Herrn Professor
Romano Guardini
den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Dem Menschen und Schriftsteller Romano Guardini bezeugen wir damit unseren Dank und unsere Achtung dafür, daß er in einem reichen Leben ein Werk geschaffen hat, das der Wahrheitsforschung und der Formung des Menschen diente. Damit hat er die friedliche Gesinnung einer echten humanitas über alle Spaltung der Nationen, Konfessionen und Klassen hinaus gefördert. Unbeirrt klingt seine Stimme durch die geschichtlichen Wirren unserer Zeit denen, die hören wollen. Sein Werk hat stets dem Frieden, der Verständigung unter den Menschen und ihrer Versöhnung gedient.
Auch mit dieser Verleihung des Friedenspreises bekundet der deutsche Buchhandel seinen festen Willen, mit allen Kräften an der Erhaltung des Friedens und der Freiheit aller Völker der Welt mitzuarbeiten.
Chronik des Jahres 1952
+++ Im März 1952 stirbt der britische König Georg VI., seine Tochter Elizabeth wird am gleichen Tag zur Queen Elizabeth ii. proklamiert. +++ Bundespräsident Heuss und Bundeskanzler Adenauer einigen sich auf das Deutschlandlied als Nationalhymne. Bei staatlichen Anlässen wird künftig die dritte Strophe gesungen. +++ Sieben Jahre nach Kriegsende erlangt die Bundesrepublik Ende Mai die volle Staatliche Souveränität. Die drei ehemaligen westalliierten Mächte behalten sich jedoch aus der Kapitulation des Deutschen Reiches abgeleitete Rechte vor (Stationierung von Streitkräften, Berlin-Status). Die DDR beschließt am gleichen Tag die Errichtung einer 5 km breiten Sperrzone entlang der Grenze zur Bundesrepublik. +++ Mit Israel schließt die Bundesrepublik ein Abkommen, in dem Wiedergutmachungszahlungen für das vom nationalsozialistischen Regime begangene Unrecht vereinbart werden. +++ Der nukleare Rüstungswettkampf der Supermächte erreicht neue Dimensionen: Am 1. November testen die USA die erste Wasserstoffbombe, die mindestens um das 700-fache die Zerstörungskraft der Atombombe von Hiroshima übertrifft. +++ Mitte Juni erscheint erstmals die Bild-Zeitung des Verlegers Axel Springer mit einer Auflage von 250 000 Exemplaren. +++ An der ehemaligen Hinrichtungsstätte der Haftanstalt Plötzensee in West-Berlin wird im Herbst ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus enthüllt. +++ Albert Schweitzer erhält den Friedensnobelpreis. +++ Am zweiten Weihnachtsfeiertag geht die »Tagesschau« erstmals auf Sendung. +++
Biographie Romano Guardini
Romano Guardini wird am 17. Februar 1885 in Verona als Sohn italienischer Eltern geboren. Er wächst in Mainz auf und nimmt 1911 die deutsche Staatsangehörigkeit an. Guardini studiert Theologie in Freiburg, später in Tübingen. Nach seiner Habilitation tritt er 1923 an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Breslau eine Professur für Religionsphilosophie und katholische Theologie an, lehrt aber mit Erlaubnis des preußischen Kultusministeriums als ständiger Gast der Philosophischen Fakultät an der Universität Berlin.
Er wird zu einer der führenden Persönlichkeiten der katholischen Jugendbewegung Quickborn und der liturgischen Bewegung. Durch seine Schriften ist sein Einfluss auf die intellektuellen und kirchlichen Kreise der christlichen Konfessionen groß.
1939 verhängen die Nationalsozialisten ein Lehrverbot gegen ihn, persönlich erfährt er keine Repressalien. Nach dem Krieg unterrichtet Guardini einige Jahre in Tübingen und erhält 1948 einen Lehrstuhl an der Universität München, wo er einen großen Hörerkreis um sich schart. 1952, im Jahr seiner Auszeichnung mit dem Friedenspreis, wird er Päpstlicher Hausprälat.
Romano Guardini stirbt am 1. Oktober 1968 im Alter von 83 Jahren.
Aus der Friedenspreisrede
»Entstehen nicht die erheblichsten Schwierigkeiten des Miteinander-Auskommens daraus, daß die wie immer Verantwortlichen nicht wirklich miteinander ins Gespräch gelangen? Die Erde wird immer enger, die Entfernungen verringern sich, die Gelegenheiten zur Begegnung häufen sich von Tag zu Tag. Die Menschen aber – und das ist eine der bösesten Paradoxien unseres so ganz und gar nicht fortschrittsicheren Kulturganges – scheinen sich immer ferner zu rücken.
Es ist also – und damit kehren wir zu unserer Sache zurück – mit dem Reden, Schreiben und Zeigen allein nicht getan, sondern wir stehen hier vor neuen Problemen und Aufgaben. Sie beschränken sich nicht auf die Sorge, Gutes zu schaffen, sondern fordern eine Erziehung zum rechten Aufnehmen des Guten, damit der Mensch nicht am Guten selbst zu Schaden komme.
Es geht darum, daß er lerne, richtig zu lesen; mit Urteil zu unterscheiden; Selbstzucht zu üben – eine Bemühung, die bereits in der Schule beginnen muß und nie enden darf. Damit gelangen wir aber in die weite Frage, wie der Mensch, nachdem er die Unabsehlichkeit der neuzeitlichen Kultur hervorgebracht hat, nun auch lernen könne, sie richtig zu gebrauchen – eine Kunst, die er noch erst sehr wenig zu verstehen scheint. Es ist die Frage, in die heute so gut wie alle Überlegungen einmünden.«
Laudator Ernst Reuter
Bibliographie
"Der Mensch und der Glaube, Versuch über die religiöse Existenz in Dosto jewskis großen Romanen" (32)
"Christliches Bewußtsein, Versuch über Pascal" (35)
"Die Bekehrung des Aurelius Augustinus" (37)
"Der Engel in Dantes Göttlicher Komödie" (37)
"Hölderlin, Weltbild und Frömmigkeit" (39)
"Rilkes Deutung des Daseins. Eine Interpretation der Duineser Elegien" (1941)
"Vom Sinn der Schwermut" (1944)
"Der Tod des Sokrates" (44)
Die wichtigsten religionsphilosophischen Werke sind
"Vom Geist der Liturgie" (18)
"Gottes Werkleute" (Briefe über Selbstbildung, 21 ff)
"Vom Sinn der Kirche" (22)
"Der Gegensatz. Versuch zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten" (25)
"Das Gute, das Gewissen und die Sammlung" (29)
"Vom lebendigen Gott" (30)
"Vom Leben des Glaubens" (32)
"Das Gebet des Herrn" (32)
"Der Herr Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi" (36)
"Das Bild von Jesus dem Christus im Neuen Testament" (36)
"Welt und Person. Versuch zur christlichen Lehre vom Menschen" (39)
"Das Wesen des Christentums" (38)
"Die letzten Dinge" (40)
"Anfang, Eine Auslegung der ersten fünf Kapitel von Augustins Bekenntnissen" (43)
"Freiheit, Gnade, Schicksal" (48)
"Das Jahr des Herrn" (1949)
"Deutsche Psalter" (1949)
"Das Recht des werdenden Menschenlebens" (49)
"Das Ende der Neuzeit" (50)
"Die Sinne und die religiöse Erkenntnis" (50)
"Die Macht, Versuch und Wegweisung" (51)
"Vom Wesen katholischer Weltanschauung" (53, G.s einstige Berliner Antrittsvorlesung)
"Gegenwart und Geheimnis. Eine Auslegung von 5 Gedichten Eduard Mörikes" (57)
"Landschaft der Ewigkeit" (Dantestudie, 58)
"Die menschliche Wirklichkeit des Herrn. Beitrag zu einer Psychologie Jesu" (58)
"Religion und Offenbarung" (1958)
"Unterscheidung des Christlichen" (63)
Weitere Arbeiten:
"Besinnung vor der Feier der heiligen Messe"
"Vorschule des Betens"
"Die Lebensalter"
"Gestalt Virgils in Dantes göttlicher Komödie"
"Bernhard von Clairvaux in Dantes göttlicher Komödie"
"Das Gute, das Gewissen und die Sammlung"
"Briefe über Selbstbildung"
"Stationen und Rückblicke"
"Die Kirche des Herrn - Meditation über Wesen und Auftrag der Kirche"