1953 wird der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Die Verleihung findet am Sonntag, den 27. September 1953, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Albrecht Goes.
Begründung der Jury
Martin Buber,
dem wahrhaftigen Menschen, dem Bekenner und Gestalter einer alles Leben durchdrin-genden Humanität, dem Deuter der Bestimmung seines Volkes in der Zeit, dem dialogischen Denker, Theologen und Erzieher
verleiht der Börsenverein Deutscher Verleger- und Buchhändler-Verbände in ehrfürchtiger Würdigung seines Lebens und Werkes den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Chronik des Jahres 1953
+++ Der 73-jährige Josef Stalin stirbt am 5. März 1953 in Moskau an den Folgen eines Schlaganfalls. Nikita S. Chruschtschow wird im September zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU gewählt. +++ Ende März unterzeichnen Vertreter von 17 Staaten in New York eine UN-Resolution über die Gleichberechtigung von Mann und Frau. In der Bundesrepublik verlieren sämtliche Gesetzesbestimmungen ihre Gültigkeit, die hiermit nicht vereinbar sind. +++ Der Bauarbeiteraufstand am 17. Juni in Ostberlin erschüttert die Welt: Nachdem die DDR-Regierung Arbeitsnormen und Leistungsanforderungen noch weiter erhöht hat, gehen Tausende auf die Straßen und demonstrieren gegen die Bevormundung durch den Staat und für eine Verbesserung des Lebensstandards. Die Sowjetarmee unterstützt die Volkspolizei bei der Niederschlagung des Aufstandes, der sich rasch auf andere Städte der DDR ausbreitet. Mehrere Demonstranten werden dabei getötet, 29 Menschen anschließend zum Tode verurteilt. Das ZK der SED beschließt eine »Kurskorrektur«: Die Normenerhöhung wird zurückgenommen, Fahrpreisermäßigung sowie Erhöhung der Mindestrenten werden beschlossen. In West-Deutschland wird der 17. Juni anschließend zum »Tag der deutschen Einheit« bestimmt. +++ Im Juli endet der drei Jahre dauernde Koreakrieg mit einem Waffenstillstandsabkommen. Korea wird in zwei Teile gespalten, als Grenze zwischen Nord- und Südkorea wird der 38. Breitengrad festgelegt. +++ Mit einer Sonate von Richard Strauss wird im April in Israel erstmals seit Kriegsende in einem öffentlichen Konzert das Werk eines deutschen Komponisten aufgeführt. +++ Im September wird in den USA der zweite sogenannte Kinsey Report veröffentlicht, der eine empirische Untersuchung über Das sexuelle Verhalten der Frau enthält. +++ Drei Monate später erscheint die Erstausgabe des Playboy – ein Magazin, das »Unterhaltung für Männer« verspricht. Erstes Covergirl ist Marilyn Monroe. +++
Biographie Martin Buber
Martin Buber wird am 8. Februar 1878 in Wien geboren und wächst in Lemberg bei seinem Großvater auf, der einer der wichtigsten Forscher und Sammler seiner Zeit auf dem Gebiet der chassidischen Tradition des osteuropäischen Judentums ist. Die hier gewonnenen persönlichen Eindrücke über Judentum und jüdische Mystik prägen sein späteres Denken.
Nach dem Studium gründet er 1916 die Zeitschrift Der Jude, die bis 1924 erscheint und zum Sprachrohr der deutschsprachigen Juden wird. In Frankfurt am Main leitet Buber nach dem Ersten Weltkrieg zusammen mit Franz Rosenzweig das Freie Jüdische Lehrhaus und lehrt an der dortigen Universität ab 1923 als Honorarprofessor jüdische Religionswissenschaft und Ethik. 1926–30 gibt er mit dem Protestanten Viktor von Weizsäcker und dem Katholiken Joseph Wittig die Essay-Zeitschrift Die Kreatur heraus. Zugleich widmet er sich mit Franz Rosenzweig dem Studium der Heiligen Schrift.
1933 verbieten ihm die Nationalsozialisten die Lehrtätigkeit. 1938 emigriert Buber nach Palästina, wo er an der Hebräischen Universität in Jerusalem Soziologie und Philosophie unterrichtet. Zehn Jahre später gründet er dort das Institut für Erwachsenenbildung, das Lehrer für die Arbeit in Einwanderungslagern ausbildet.
Neben der Philosophie des Gesprächs und seinem Lebenswerk, der gemeinsam mit Franz Rosenzweig erarbeiteten Übersetzung und Auslegung des Alten Testaments, wird Buber auch durch seine Interpretation des Chassidismus bekannt. Obwohl er in Israel niemals direkt in die Politik eingreift, hat sein Wort großen Einfluss. Sein Votum, das Todesurteil gegen Eichmann in Haft umzuwandeln, wird jedoch nicht akzeptiert.
Martin Buber stirbt am 13. Juni 1965 im Alter von 87 Jahren.
Aus der Friedenspreisrede
»Ich habe von Jugend an die reale Existenz von Völkern aufs höchste ernst genommen, aber nie habe ich mir in der Sicht irgendeines geschichtlichen Moments, eines gewesenen oder eines gegenwärtigen, die in diesem Moment im Innern eines Volkes bestehende konkrete Vielfältigkeit, die bis zur Gegensätzlichkeit geht, seine konkrete innere Dialektik, durch den nivellierenden Begriff einer so und so beschaffenen, so und so handelnden Gesamtheit verdunkeln lassen.
Wenn ich an das deutsche Volk der Tage von Auschwitz und Treblinka denke, sehe ich zunächst die sehr vielen, die wußten, daß das Ungeheure geschah, und sich nicht auflehnten; aber mein der Schwäche des Menschen kundiges Herz weigert sich, meinen Nächsten deswegen zu verdammen, weil er es nicht über sich vermocht hat, Märtyrer zu werden. Sodann taucht vor mir die Menge all derer auf, denen das der deutschen Öffentlichkeit Vorenthaltene unbekannt blieb, die aber auch nichts unternahmen, um zu erfahren, welche Wirklichkeit den umlaufenden Gerüchten entsprach; wenn ich diese Menge im Sinne habe, überkommt mich der Gedanke an die mir ebenfalls wohlbekannte Angst der menschlichen Kreatur vor einer Wahrheit, der sie nicht standhalten zu können fürchtet.
Zuletzt aber erscheinen die mir aus zuverlässigen Berichten an Angesicht, Haltung und Stimme wie Freunde vertraut Gewordenen, die sich weigerten, den Befehl auszuführen oder weiterzugeben, und den Tod erlitten oder ihn sich gaben, oder die erfuhren, was geschah, und sich dagegen auflehnten und den Tod erlitten, oder die erfuhren, was geschah, und weil sie nichts dawider unternehmen konnten, sich den Tod gaben. Ich sehe diese Menschen ganz nah vor mir, in jener besonderen Intimität, die uns zuweilen mit Toten, und mit ihnen allein, verbindet; und nun herrscht in meinem Herzen die Ehrfurcht und die Liebe zu diesen deutschen Menschen.«
Laudator Albrecht Goes
Bibliographie
"Ekstatische Konfessionen" (1908)
"Reden und Gleichnisse des Tschuang-Tse" (1910)
"Daniel" (1913)
"Die Rede, die Lehre und das Lied" (1917)
"Ich und Du" (1922)
"Reden über das Judentum" (1923)
"Die chassidischen Bücher" (1928)
"Religion und Philosophie" (1931)
"Vom Dialog. Leben" (1931)
"Königtum Gottes" (1932)
"Die Frage an den Einzelnen" (1936)
"Die Lehre des Propheten" (1942)
"Der Geist und die Wirklichkeit" (1942)
"Das Problem des Menschen" (1943)
"Chassidismus" (1945)
"Zwischen Mensch und Mensch" (1946)
"Pfade in Utopia" (1946)
"Moses" (1946)
"Israel und die Welt" (1948)
"Israel und Palästina" (1950)
"Zwei Glaubensweisen" (1950)
"Bilder von Gut und Böse" (1951)
"Urdistanz und Beziehung" (1951)
"Recht oder Unrecht" (1952)
"Eclipse Gottes" (1952)
"Am Wendepunkt" (1952)
"Die chassidische Botschaft" (1952)
"Gottesfinsternis" (1953)
"Zwischen Gesellschaft und Staat" (1952)
"Reden über Erziehung" (1953)
"Die Schriften über das dialogische Prinzip" (1954)
"Der Mensch und sein Gebild" (1954)
"Sehertum" (1955)
"Pointing the Way" (1957)
"Schuld und Schuldgefühle" (1958)
"Chassidismus und der moderne Mensch" (1959)
"Ursprung und Bedeutung des Chassidismus" (1960)
"Begegnung. Autobiographische Fragmente" (1961)