Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt 1962 den Theologen Paul Tillich zum Träger des Friedenspreises. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 23. September 1962, in der Paulskirche zu Frankfurt statt. Die Laudatio hält Otto Dibelius.
Begründung der Jury
Dem Theologen und Philosphen
Paul Tillich
dankt der deutsche Buchhandel für ein Leben geduldigen Strebens zur Wahrheit, der er erkennend, lehrend und bezeugend diente.
In einem Jahrhundert, das mit der menschlichen Existenz oftmals frevelhaft spielt, hat er unbeirrt auf Sinn, Ursprung und Grenze des Seins hingewiesen und damit den Menschen Mut gemacht zum Frieden mit sich selbst, zum Frieden mit der Welt und zum Frieden mit Gott.
Der deutsche Buchhandel ehrt ihn voller Dankbarkeit durch die Verleihung des Friedenspreises.
Chronik des Jahres 1962
+++ In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 wird Norddeutschland von der schwersten Flutkatastrophe seit 1855 heimgesucht; 330 Menschen sterben. +++ Adolf Eichmann wird am 31. Mai im Gefängnis Ramla nahe Tel Aviv hingerichtet. +++ Im Juli gewährt der französische Staatspräsident Charles de Gaulle Algerien die volle Autonomie. +++ Mit der ersten Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Untersuchung über die Folgen des Schlafmittels »Contergan« wird im August eine der größten medizinischen Katastrophen bekannt. Die Einnahme des Mittels während der Frühschwangerschaft führt allein in der Bundesrepublik zu teils schweren Missbildungen bei etwa 5000 Neugeborenen. +++ Im Oktober steht die Welt am Rand eines Atomkrieges. Nachdem die UdSSR die USA vor einem Angriff auf Kuba warnt, da dies den Ausbruch des Dritten Weltkrieges zur Folge hätte, zeigen Fotos von Aufklärungsflügen, dass die Sowjetunion Raketenrampen auf Kuba aufbaut. US-Präsident Kennedy lässt sich auf eine Konfrontation der Supermächte ein. Die sowjetische Regierung gibt nach und transportiert die SS-5- Raketen wieder ab. +++ Nachdem Der Spiegel scharfe Angriffe gegen Bundesverteidigungsminister Strauß veröffentlicht und den kritischen Artikel »Bedingt abwehrbereit« über die Schlagkraft der Bundeswehr abdruckt, geht die Bundesanwaltschaft gegen das Magazin vor. Die Redaktionsräume werden durchsucht und Verleger Rudolf Augstein sowie drei weitere Redakteure wegen Landesverrats verhaftet. Als Konsequenz der sogenannten »Spiegelaffäre« muss Franz Josef Strauß von seinem Amt zurücktreten. +++
Biographie Paul Tillich
Paul Johannes Tillich wird am 20. August 1886 in Starzeddel (heutiges Polen) geboren. Er studiert Theologie und promoviert 1911 in Breslau.
Nach der erschütternden Erfahrung des Ersten Weltkrieges, dessen Schrecken der Theologe als Feldgeistlicher erlebt, lehrt er als Dozent an verschiedenen deutschen Universitäten und tritt 1929 die Nachfolge von Max Scheler an der Frankfurter Universität an.
Tillich ist zu jener Zeit Mitarbeiter der »Blätter für religiösen Sozialismus« und Mitherausgeber der »Neuen Blätter für den Sozialismus«. Wegen seiner führenden Rolle beim »Bund religiöser Sozialisten« wird er 1933 suspendiert und emigriert in die USA. »Ich hatte die Ehre«, so Paul Tillich über den Druck, den die Nationalsozialisten auf ihn ausüben, »der erste nichtjüdische Professor zu sein, dem eine deutsche Universität damals das Lehren untersagte.« Nachdem er zunächst am Union Theological Seminary in New York unterrichtet, wechselt er 1955 an die Harvard University. Von 1962 bis zu seinem Tode lehrt er als Professor an der Universität von Chicago.
Mit Karl Barth, Rudolf Bultmann und Dietrich Bonhoeffer zählt Paul Tillich zu den großen Erneuerern der evangelischen Theologie im 20. Jahrhundert.
Paul Tillich stirbt am 22. Oktober 1965 im Alter von 79 Jahren.
Aus der Friedenspreisrede
»Friede ist möglich, wo Macht im Dienst eines echten Berufungsbewußtseins steht und das Wissen um die Wesensgrenze die Wirklichkeitsgrenzen in ihrer Wichtigkeit herabsetzt. Daß dieser Grundsatz der Politik nicht aufgenommen wurde, ist die Ursache für die deutsche Friedlosigkeit im 20. Jahrhundert. Daß er wieder aufgenommen werde, sollte das Ziel aller Friedensbestrebungen in Literatur und Politik sein.
Man vermeide Friedensreden, die dadurch, daß sie nicht helfen können, schaden, denn die Weltgeschichte ist zu tief im Dämonischen verwurzelt. Pazifistische Gesetzlichkeit fordert das unbedingte Festhalten an den Grenzen, wie sie heute und hier tatsächlich gezogen sind. Sie vergißt die Dynamik der Weltgeschichte und das schöpferische und richtende Wirken der Wesensgrenze.
Daraus folgt eine zweite Forderung für die deutsche politische Erziehung und schließlich für die Politik selbst. Die erste war: Zum Überschreiten der Grenze, nämlich der Wirklichkeitsgrenze, zu führen und die Angst vor dem, was jenseits liegt, zu überwinden. Die zweite Forderung ist, zur Selbstbesinnung auf die eigene Wesensgrenze hinzuleiten und in ihrem Licht das größere oder geringere Gewicht der wirklichen Grenzen zu beurteilen. In diesem Licht könnten enge politische Grenzen der Wesensgrenze eines Volkes angemessener sein als weitere. Es könnten verschiedene Grenzen für Teile einer sprachlich, aber nicht politisch geeinten Menschengruppe dem geschichtlichen Wesen dieser Gruppe entsprechen. Es könnte das Hineingenommenwerden engerer Grenzen in umfassendere die Forderung der Wesensgrenze sein und der Weg, auf dem ein Volk seine Identität findet und erhält.
Gerade das hat sich im Laufe der Geschichte immer wiederholt, und wir sind heute in einem historischen Augenblick, wo die Verwirklichung der Wesensgrenzen der meisten Länder, zum mindesten der westlichen Welt, davon abhängt, daß sie sich in umfassendere Wirklichkeitsgrenzen einfügen.«
Laudator Otto Dibelius
Bibliographie