Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt den in Kiel geborenen Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker zum Träger des Friedenspreises 1963. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 13. Oktober 1963, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Georg Picht.
Begründung der Jury
Dem Philosophen und Physiker
Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker
verleiht der deutsche Buchhandel seinen Friedenspreis.
Wir ehren damit einen Gelehrten, der der Jugend unseres Landes als akademischer Lehrer das unbedingte Streben nach Wahrheit vorlebt. Wir bekennen uns zu der großen ethischen Verantwortung, die er im Blick auf die Entdeckung und Nutzung der Atomenergie mit tiefem Ernst und zwingender Logik bezeugt.
Wir achten in ihm eine Persönlichkeit, die lauter und unerschrocken für die Aussöhnung Europas, für einen ehrlichen Frieden in der ganzen Welt eintritt.
Chronik des Jahres 1963
+++ Das Jahr 1963 beginnt mit der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages. Künftig sollen alle wichtigen außenpolitischen Fragen gegenseitig abgestimmt werden. +++ Am 1. April nimmt das Zweite Deutsche Fernsehen seinen Sendebetrieb auf. +++ In mehreren bundesdeutschen Großstädten finden Ostermärsche gegen die militärische Nutzung der Kernenergie statt. +++ Papst Johannes XXIII. stirbt am 3. Juni, zu seinem Nachfolger wird der Mailänder Erzbischof Kardinal Giambattista Montini gewählt und als Papst Paul VI. ernannt. +++ Als Reaktion auf die Kuba-Krise beschließen USA und UdSSR die Errichtung einer direkten Fernschreibleitung (der »heiße Draht«). +++ Im August protestieren beim »Marsch auf Washington« 200 000 Menschen unter Führung Martin Luther Kings gegen die Rassendiskriminierung und fordern die Gewährung der Bürgerrechte für Schwarze. +++ Am 22. November wird US-Präsident John F. Kennedy auf einer Fahrt durch Dallas von einem Attentäter erschossen. Wenige Monate zuvor war Kennedy nach Berlin gekommen, wo er vor begeisterten Zuschauern seine Solidarität mit der geteilten Stadt bekundete (»Ich bin ein Berliner!«) und der Bundesrepublik die Unterstützung der USA zusagte. +++ Bundeskanzler Adenauer tritt am 15. Oktober zurück. Sein Nachfolger wird Ludwig Erhard. Der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss stirbt am 12. Dezember in Stuttgart. +++ Am 20. Dezember wird gegen 21 Aufseher des Konzentrationslagers Auschwitz in Frankfurt am Main der Auschwitz-Prozess eröffnet, der bis 1965 dauert. +++
Biographie Carl Friedrich von Weizsäcker
Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker wird am 28. Juni 1912 in Kiel geboren. Er studiert ab 1929 Physik, Astronomie und Mathematik und promoviert 1933 bei Werner Heisenberg. Nach seiner Habilitation im Jahr 1936 arbeitet Weizsäcker am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin und wechselt 1942 als Professor an die Straßburger Universität. Die 1937 nach ihm benannte Weizsäcker-Formel verschafft ihm internationale Reputation als Atomphysiker. Während des Zweiten Weltkriegs ist er Mitarbeiter am deutschen »Uran-Projekt«. In abgehörten Gesprächen während der Internierung äußern er und Otto Hahn Freude darüber, dass sie glücklicherweise nicht vor den USA »die Bombe« produziert, sondern deren Entwicklung verlangsamt hätten.
1946 geht Weizsäcker, der sich fortan als leidenschaftlicher Kriegsgegner bekennt und auf die Verantwortung des Wissenschaftlers für die Folgen seiner Arbeit hinweist, an das Max-Planck-Institut für Physik in Göttingen und lehrt danach von 1957 bis 1969 in Hamburg Philosophie.
Er gehört zu den Initiatoren der »Göttinger Erklärung« 1957, in der die deutschen Atomphysiker ihre Beteiligung an der Herstellung, der Erprobung und dem Einsatz von Atomwaffen öffentlich verweigern.
1970 gründet er in Starnberg das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, das er bis 1980 leitet. Ab 1986 sieht er in der Sonnenenergie die zukünftige Energiequelle und geißelt die Atomwirtschaft als überflüssig. Für die SPD entwirft er Thesen zur Friedenspolitik, für den Kampf gegen den Hunger in der Welt und für eine neue Energiepolitik. Eine Kandidatur als Bundespräsident lehnt er mehrmals ab.
Carl Friedrich von Weizsäcker stirbt am 28. April 2007 im Alter von 94 Jahren.
Aus der Friedenspreisrede
»Wir befinden uns in einer Übergangszeit, in der der große Krieg schon schlechthin verwerflich, aber doch noch möglich ist. So ist auch unser ethisches Verhalten zur Möglichkeit des Kriegs ein unsicheres Verhalten des Übergangs. Einige versuchen heute schon streng nach derjenigen Ethik zu leben, die eines Tages wird die herrschende sein müssen, und verweigern jede Beteiligung an der Vorbereitung auf den möglichen Krieg. Andere, die die Forderung nicht minder deutlich verstehen, versuchen inmitten der heute noch geltenden Normen für die Festigung einer rechtlichen und freiheitlichen Friedensordnung zu wirken. Beide tun etwas Notwendiges; etwas, das zu tun sich jemand bereitfinden muß.
Am klarsten sollte das Bewußtsein von der Notwendigkeit, den Frieden zu sichern, bei den Menschen entwickelt sein, die den technischen Waffen am nächsten stehen: den Wissenschaftlern, deren Forschung sie ermöglicht; den Soldaten, die sie anwenden müßten; und den Politikern, die noch am ehesten Mittel haben, ihre Anwendung zu vermeiden. Aber jeder dieser Stände bleibt noch hinter seiner Aufgabe zurück. Der Wissenschaftler zieht sich oft in den elfenbeinernen Turm der reinen Forschung zurück, und daß das nicht ausreicht, möchte ich gerade der wissenschaftlichen Jugend sagen; wo sich aber der Wissenschaftler den politischen Folgen seiner eigenen Forschung stellt, muß er erst lernen, die verwickelte politische Realität gedanklich zu durchdringen.
Dem Soldaten fällt es heute noch schwer, an eine so tiefgreifende Verwandlung der Welt zu glauben. Der Politiker schließlich ist gezwungen, mehrere Eisen im Feuer zu haben; er vertritt, so ernst es ihm mit dem Frieden sein mag, stets zugleich das Interesse seiner Partei, seiner Nation. Alle brauchen den Antrieb und den Rückhalt oder Widerstand eines Bewußtseins aller Menschen, auch derer, die unter ihrem Kommando stehen oder ihnen ihre politische Stimme geben; des klar herausgearbeiteten und zu Opfern bereiten Bewußtseins, daß Krieg nicht mehr sein darf.«
Laudator Georg Picht
Bibliographie