Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt den Arzt, Psychoanalytiker und Schriftsteller Alexander Mitscherlich zum Träger des Friedenspreises 1969. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 12. Oktober 1969, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Heinz Kohut.
Begründung der Jury
Alexander Mitscherlich, Psychoanalytiker, Psychosomatiker, Schriftsteller und Sozialpsychologe, deckt durch seine Analysen Zwänge unserer Gesellschaft auf. Er deutet die Konflikte des Individuums wie die Unwirtlichkeit seiner Umwelt. Er legt Inhumanes bloß und trägt so zur Entwicklung von Modellen für eine sozial gerechte, lebenswürdige Zukunft bei.
Indem er menschliche Aggressivität bestimmt und sie zugleich zu meistern versucht, macht er die Idee des Friedens zu seiner Sache.
Alexander Mitscherlich wird der Friedenspreis 1969 zugesprochen.
Chronik des Jahres 1969
+++ Jassir Arafat wird am 3. Februar 1969 zum Vorsitzenden der PLO gewählt. Drei Wochen später greift die israelische Luftwaffe Stützpunkte arabischer Widerstandsorganisationen in Syrien an. Der US-amerikanische Senat ratifiziert im März den sogenannten Atomwaffensperrvertrag. +++ John Lennon und seine Frau Yoko Ono inszenieren Mitte März in Amsterdam ein siebentägiges »Bed-in«, um für den Frieden in der Welt zu demonstrieren. +++ Der Bundestag verabschiedet einige rechtliche Neuerungen, die als erster Schritt zu einer großen Strafrechtsreform gesehen werden. Unter anderem wird die Zuchthausstrafe abgeschafft, Ehebruch und Homosexualität werden straffrei. Zudem werden uneheliche Kinder den ehelichen rechtlich gleichgestellt. Die Verjährungsfrist für Völkermord wird gänzlich aufgehoben. +++ In Cape Kennedy hebt am 17. Juli die »Apollo 11« ab. Vier Tage später betreten Edward Aldrin und Neil Armstrong als erste Menschen den Mond: “That’s a small step for a man, one giant leap for mankind.” +++ Nach der Ernennung von Gustav Heinemann zum neuen Bundespräsidenten im März wird mit der Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler am 21. Oktober eine neue Ära in der Außen- und vor allem in der Ostpolitik eingeläutet. In seiner ersten Regierungserklärung fasst Brandt mit dem Schlagwort »Mehr Demokratie wagen« seine innenpolitischen Vorstellungen zusammen. Im Zuge seiner »neuen Ostpolitik« spricht er als erster deutscher Politiker offiziell von zwei deutschen Staaten. +++ In Libyen stürzt die revolutionäre Offiziersbewegung »Freie Unionistische Offiziere« unter Muamar al Gaddafi im September in einem unblutigen Putsch die Monarchie. Gaddafi wandelt Libyen in der Folgezeit in eine islamisch-sozialistische Republik um. +++ Mitte Oktober protestieren in verschiedenen Städten der USA Millionen von Menschen gegen den Vietnam-Krieg. An den Protestaktionen beteiligen sich prominente amerikanische Politiker.+++
Biographie Alexander Mitscherlich
Der am 20. September 1908 in München geborene Sohn einer angesehenen Familie von Naturforschern, Biologen und Chemikern studiert Geschichte, Philosophie und Literatur. Kurz vor seiner Dissertation bricht er 1932 sein Studium ab, da der Nachfolger seines verstorbenen jüdischen Doktorvaters sich weigert, die Arbeit zu übernehmen.
Aufgrund seiner kritischen Haltung zum Nationalsozialismus wird Mitscherlich 1933 kurz inhaftiert. Er gründet in Berlin-Dahlem eine Buchhandlung, die 1935 durch die SA geschlossen wird. Steckbrieflich wegen seiner Widerstandsarbeit gesucht, emigriert Mitscherlich in die Schweiz. Dort studiert er Medizin und wird bei einem illegalen Aufenthalt in Deutschland erneut aufgegriffen und für acht Monate inhaftiert. Anschließend nimmt er sein Studium wieder auf und promoviert in Heidelberg bei Viktor von Weizsäcker.
Nach dem Krieg habilitiert sich Mitscherlich und gründet 1949 die Abteilung für psychosomatische Medizin an der Universität Heidelberg, die er ab 1952 als Professor leitet. Dabei bemüht er sich um die Anwendung psychoanalytischer Methoden und Erkenntnisse auf soziale Phänomene.
Ab 1966 lehrt er in Frankfurt und leitet dort das von ihm gegründete Sigmund-Freud-Institut. Neben seinen psychosomatischen Forschungen befasst er sich aus dem Blickwinkel der psychoanalytischen Theorie mit politischen und gesellschaftlichen Problemen seiner Zeit.
Alexander Mitscherlich stirbt am 26. Juni 1982 im Alter von 73 Jahren.
Aus der Friedenspreisrede
»Zwei Faktoren lassen sich benennen, die ernstlich im Lauf der Geschichte einer Entwicklung zu größerer Friedlichkeit im Wege standen. Sie tun es immer noch. Es sind dies die leicht weckbare Feindseligkeit des Menschen gegen seine Artgenossen und die, wie man zu sagen pflegt, unausrottbare Dummheit. Ich hebe diese beiden Faktoren aus vielen anderen heraus, die ich nicht leugne. Die kombinierten Funktionen von Feindseligkeit und hergestellter Dummheit scheinen mir besonders dringlich nach Untersuchung zu verlangen.
Die Fähigkeit, in Lebenslagen von sehr unterschiedlichem Gewicht sich aggressiv zu verhalten, geht auf eine aggressive Grundbegabung der Gattung Mensch zurück. Die Zielvorstellung aller Kultur, sobald das nackte physische Elend überwunden ist, besteht demnach in der Milderung der feindseligen und zerstörerischen Formen von Aggression durch die Förderung ausgleichender seelischer Kräfte, wie Mitgefühl, Verständnis für die Motive des anderen und ähnliches.
Dieser Förderung steht die Dummheit im Wege. Ich meine damit nicht die Begabungsdummheit, sondern die anerzogene Dummheit, die sorgfältig durch Erziehung zu Vorurteilen herbeigeführte Dummheit. […]
Dummheit wird gewünscht, wo nachweislich Information unterschlagen und Selbstentfaltung durch einschüchternde Tabus verhindert wird. Unsere Schulen waren bisher vorwiegend Schulen sozialer Klassen und der Nation. Beide hatten ein Interesse, manche Information zu vermitteln und anderes zu verbergen. Daran nagt der Zahn der Zeit. Subkulturen, Schichten und Nationen finden sich allmählich in der unbequemen Lage, ihre Werte, ihre Gepflogenheiten, ihre Urteile, ihre Ziele dem kritischen Denken ausgesetzt zu sehen. Man muß demnach die Bekämpfung dieser erzieherisch oft unbemerkt und unbewußt erzeugten Dummheit zu den wesentlichsten Aufgaben der Friedenssicherung zählen.«
Laudator Heinz Kohut
Bibliographie
Auszug
"Freiheit und Unfreiheit in der Krankheit" (1946)
"Das Diktat der Menschenverachtung" (1960; als Taschenbuch unter dem Titel "Medizin ohne Menschlichkeit")
"Die Unwirtlichkeit unserer Städte" (1965)
"Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft - Ideen zur Sozialpsychologie" (9. Aufl. 1970)
"Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens" (67; 8. Aufl. 1977)
"Die Idee des Friedens und die menschliche Aggressivität" (69; 2. Aufl. 70, m. Margarete M.)
"Das beschädigte Leben. Diagnosen und Therapien in einer Welt unabsehbarer Veränderungen" (1969, mit M. Mitscherlich)
"Sigmund Freud. Versuch, die Welt besser zu verstehen" (1970)
"Eine deutsche Art zu lieben" (1970, zus. m. Margarete M.)
"Toleranz: Verschleierung der Ohnmacht?" (1970)
"Massenpsychologie ohne Ressentiment - Sozialpsychologische Betrachtungen" (1972)
"Das Ich und die vielen Parteinahmen eines Psychoanalytikers" (1978)
"Ein Leben für die Psychoanalyse" (1980)
Weitere kleinere Arbeiten:
"Sigmund Freuds Beitrag zur med. Psychologie" (1948)
"Die Symptomwahl in den Neurosen" (1950)
"Aktuelles zum Problem der Verwahrlosung" (1950)
"Widerstand und Einsicht" (1950)
"Die wechselseitige Beeinflussung der Freiheits- und Krankheitsbegriffe in einer anthropologischen Heilkunde" (1951)
"Die Psychosomatik in der Allergie" (1951)
"Zur Psychologie der Toleranz" (1951)
"Das Leib-Seele-Problem im Wandel der modernen Medizin" (1952)
"Lust- und Realitätsprinzip in ihrer Beziehung zur Phantasie"(1952)
"Massenpsychologie ohne Ressentiment" (1953)
"Neurosen und Psychosen als soziale Phänomene" (1956)
"Pubertät und Tradition" (1958)
"Meditationen zu einer Lebenslehre der modernen Massen" (1957)
"Der Leitwert Pflicht - Gehorsam (Mitlaufen oder Mitbestimmen)" (1961)
"Sigmund Freud - Fragment einer großen Begegnung" (1961)
"Zur Soziologie des ärztlichen Berufs" (1962)
"Psychosomatische Therapie der neurovegetativen Störung" (mit A. Lorenzer; 1963)
"Revision der Vorurteile" (1962)
"Planen für die Freiheit" (1963)
"Eugenik - Notwendigkeit und Gefahr" (1963)
"Krankheit als Konflikt" (1966)
und der Sammelband (Hrsg.) "Bis hierher und nicht weiter. Ist die menschliche Aggression unbefriedbar?" (1969).
Ab 1947 gab M. "Psyche", Zeitschrift für psychologische und medizinische Menschenkunde, heraus.