Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt den Schweizer Gründer und Prior der Bruderschaft Taizé Frère Roger zum Träger des Friedenspreises 1974. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 13. Oktober 1974, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Anstatt einer Laudatio und einer Dankesrede diskutiert Frère Roger mit Jugendlichen.
Begründung der Jury
Der Börsenverein verleiht seinen Friedenspreis im Jahre 1974 dem Gründer und Prior der Communauté de Taizé
Frère Roger.
Er hat, mit seinen Brüdern, Männern aus allen christlichen Konfessionen, ein Stück Oekumene verwirklicht. Er zeigt jungen Menschen jeder Herkunft, aller Glaubens- und Denkrichtungen einen Weg, aus einer hoffnungslos scheinenden zu einer sinnerfüllten Existenz zu finden, jenseits von verkrusteter Theologie, verengender Ideologie.
Aus Gebet und Kontemplation seine Kraft schöpfend, wirkt Frère Roger mit seinen Brüdern in die Welt, leidenschaftlich verkündet er die "Gewalt der Friedfertigen", mutig bereitet er in einer wölfischen Zeit eine menschliche Zukunft vor.
Chronik des Jahres 1974
+++ Die Sowjetunion weist im Februar 1974 den Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn aus. +++ Walter Scheel wird Mitte Mai als Nachfolger von Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt. +++ Der persönliche Referent von Bundeskanzler Brandt, Günter Guillaume, wird Ende April unter dem Verdacht der Spionage für die DDR festgenommen. Willy Brandt tritt im Verlauf der Agentenaffäre im Mai überraschend mit der Erklärung zurück, dass ein Kanzler nicht »erpressbar« sein dürfe. Helmut Schmidt wird auf Vorschlag Brandts zum neuen Bundeskanzler gewählt. +++ Im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland spielen erstmals die Mannschaften der BRD und der DDR gegeneinander. Die DDR gewinnt mit 1:0. Fußballweltmeister wird die Mannschaft der Bundesrepublik durch einen 2:1-Sieg über die Niederlande. +++ Auf Zypern stehen sich Mitte Juli nach dem Sturz von Präsident Makarios durch griechische Militärs zwei NATO-Partner in einer militärischen Aktion gegenüber. Die Türkei beschuldigt die griechischen Militärs, den Putsch inszeniert zu haben, um Zypern an Griechenland anzuschließen. Erst nach langwierigen Verhandlungen kommt es zu einem Waffenstillstandsabkommen. +++ In Portugal beendet die gewaltlose »Nelkenrevolution« die Diktatur des Regimes unter Marcelo Jose Caetanos. +++ Der US-amerikanische Präsident Richard M. Nixon erklärt im August aufgrund der »Watergate-Affäre« seinen Rücktritt. Sein Nachfolger wird Gerald R. Ford. +++ Holger Meins, einer der RAF-Häftlinge, stirbt im November an den Folgen seines seit September andauernden Hungerstreiks. Daraufhin kommt es in mehreren Städten zu Protestdemonstrationen und Anschlägen. Jean-Paul Sartre besucht Anfang Dezember Andreas Baader im Gefängnis Stuttgart-Stammheim und kritisiert die Haftbedingungen. +++
Biographie Frère Roger
Roger Louis Schutz-Marsauche wird am 12. Mai 1915 in Provence in der Schweiz geboren. Nach seinem Theologiestudium kauft er 1940 im Departement Saone-et-Loire ein leerstehendes Haus, in dem er Verfolgten, vor allem jüdischen Flüchtlingen, eine vorübergehende sichere Bleibe anbietet. 1942 durchsucht die Gestapo das Haus. Roger Schutz kann in die Schweiz fliehen und kehrt zwei Jahre später, nach der Befreiung, zurück.
1949 gründet er zusammen mit sechs weiteren Brüdern einen evangelischen Orden, in den aber auch Angehörige anderer Konfessionen aufgenommen werden. Brüderlichkeit und Versöhnung zwischen den Nationen, Konfessionen und Klassen ist das erklärte Anliegen der Gemeinschaft.
In den 50er Jahren entwickelt sich Taizé zunehmend zu einem Treffpunkt junger Menschen aus allen Teilen Europas. Papst Johannes XXIII. lädt Frère Roger als offiziellen Beobachter des römischen Konzils ein, auch die anderen christlichen Kirchen öffnen sich dem Orden Rogers.
Ab 1974 findet jährlich das »Konzil der Jugend« statt, zu dem Frère Roger Ostern 1970 erstmals einlädt und zu dem sich seither jährlich Zehntausende junger Menschen treffen.
Frère Roger wird am 16. August 2005 in Taizé im Alter von 90 Jahren von einer offenbar geistig verwirrten Frau erstochen.
Aus der Friedenspreisrede
»Es gibt Menschen, die fast nie den Widerhall der Anwesenheit Gottes in sich spüren. Dies alles macht uns bewußt, daß es weder im Gebet noch im Glauben Bevorzugte und Privilegierte gibt. Es ist wahr, zwischen Zweifel und Glaube, zwischen Leere und Fülle, zwischen Angst und Liebe läßt sich keine klare Grenzlinie ziehen.
Der Mensch, der es wagt, zu beten, wird nie davon loskommen, daß in ihm selbst Bereiche des Nichtglaubens bestehen bleiben, die wie unermeßliche Wüstenstriche sind. Es kann sogar so weit kommen, daß er glaubt, Christus zurückgestoßen zu haben. Christus aber stößt uns niemals zurück.
Ein Mensch, der betet, weiß, daß er dies nicht tut, um einen Nutzen daraus zu ziehen. Er ist einfach da und wartet. Wer betet, entdeckt eines Tages, daß er niemals ganz allein ist. In ihm wohnt eine Liebe, die nicht von ihm selber ist. Christus, der Liebe ist, ist für ihn die einzige Quelle. Wenn wir beten, geschieht es aus Liebe. Wenn wir Diener des Friedens sind, geschieht es aus Liebe. Wenn wir dafür kämpfen, dem Verachteten, dem Ausgebeuteten sein Menschengesicht wiederzugeben, geschieht auch das aus Liebe. Wer betet, wird eines Tages von dieser klaren Gewißheit ergriffen: ohne Liebe, wozu leben?
Darin liegt der Sinn seines Lebens: geliebt zu sein bis in die Ewigkeit, damit er auch seinerseits grenzenlos liebt. Nichts ist deshalb schlimm, es sei denn, wir verlieren die Liebe.«
Statt einer Laudatio diskutiert Frère Roger mit Jugenlichen
Bibliographie