1981 wird der ukrainische Schriftsteller Lew Kopelew (1912-1997) mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Die Verleihung findet am Sonntag, den 18. Oktober 1981, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Marion Gräfin Dönhoff.
Begründung der Jury
Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahre 1981 Lew Kopelew, dem in Kiew geborenen Germanisten, der wegen seiner humanen und moralischen Haltung einen Leidensweg durchschreiten mußte, aber dennoch von der Erkenntnis beseelt blieb, daß vorbehaltlose Wahrheit, bereitwilligste Toleranz und Menschenliebe, die alle Arten von Haß und Feindseligkeit überwindet, unerläßlich sind, soll die Menschheit in Freiheit und Frieden am Leben bleiben.
Chronik des Jahres 1981
+++ Nach Abschluss einer iranisch-amerikanischen Vereinbarung werden im Januar 1981 die Geiseln in der US-amerikanischen Botschaft nach 444 Tagen freigelassen. Am gleichen Tag wird Ronald Reagan als 40. Präsident der USA und Nachfolger von Jimmy Carter in sein Amt eingeführt. +++ Nachdem Bundeskanzler Helmut Schmidt Mitte Mai sein politisches Schicksal an die Zustimmung der SPD zum NATO-Doppelbeschluss knüpft und sie erhält, fordern am 10. Oktober in Bonn in der bisher größten Demonstration dieser Art 300 000 Menschen Frieden und Abrüstung und protestieren gegen die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen in Europa. Auch in der DDR erreicht die unabhängige Friedensbewegung mit dem Motto »Schwerter zu Pflugscharen« und der Bewegung »Sozialer Friedensdienst« eine immer breitere Öffentlichkeit. +++ Anfang Oktober wird der ägyptische Staatspräsident Anwar as Sadat bei einer Militärparade ermordet. Mitglieder der islamischen »Organisation zur Befreiung Ägyptens« schießen mit Maschinengewehren auf die Ehrentribüne, dabei kommen sieben Menschen ums Leben und 28 werden verletzt. Sadat war wegen seiner Bemühungen um eine friedliche Beilegung des israelisch-ägyptischen Konflikts in der arabischen Welt als »Verräter« isoliert worden und hatte sich wegen seines harten Vorgehens gegen religiöse Extremisten innerhalb Ägyptens viele Feinde geschaffen. +++
Biographie Lew Kopelew
Lew Kopelew wird am 9. April 1912 in Kiew geboren und arbeitet, nach dem Studium der Germanistik, Philosophie, Literatur und Geschichte, während des Zweiten Weltkriegs in der sowjetischen Propagandaabteilung als »Instrukteur für Aufklärungsarbeit im Feindesheer«. 1945 wird er festgenommen, weil er angeblich »bürgerlich-humanistische Propaganda« verbreitet. Tatsächlich versucht er Ausschreitungen und Plünderungen durch sowjetische Soldaten beim Einmarsch in Ostpreußen zu verhindern. Kopelew bleibt die folgenden zehn Jahre in sowjetischen Lagern und Gefängnissen inhaftiert. In seiner Autobiographie Einer von uns. Lehr-und Wanderjahre eines Kommunisten (1985) verarbeitet er diese Erfahrungen.
1956 wird er rehabilitiert, doch zehn Jahre später aus der Partei ausgeschlossen und schließlich 1980 ausgebürgert, weil er sich für Kritiker des Regimes einsetzt. Konkreter Anlass ist sein öffentlicher Protest gegen die Behandlung des Regimekritikers und Friedensnobelpreisträgers Andrei Sacharow.
Kopelew wird aus der Sowjetunion ausgebürgert und zieht in die Bundesrepublik. Ihn verbindet eine enge Freundschaft mit Heinrich Böll. Gemeinsam gründen sie die Gesellschaft »Orient-Occident«, die Übersetzungen von unterdrückten Autoren in Osteuropa und der UdSSR fördert.
Im Jahr 1990 wird Kopelew von Michail Gorbatschow offiziell rehabilitiert. Von Deutschland aus setzt er sich weiterhin für Frieden und Verständigung und für die Einheit von Politik und Moral ein. Er geißelt die Politik Boris Jelzins während des Tschetschenien-Kriegs und fordert von westlichen Politikern eine stärkere Einmischung, um sich nicht mitschuldig zu machen.
Lew Kopelew stirbt am 18. Juni 1997 im Alter von 85 Jahren.
Aus der Friedenspreisrede
»Aber als höchste Pflicht empfinde ich die Möglichkeit, über die Kräfte des Friedens zu sprechen, die unbestreitbar wirksam ›allen Gewalten zum Trutz sich erhalten‹. Da sind die polnischen Arbeiter und Intellektuellen, Bauern und Pfarrer, die heute unter schwersten Lebensbedingungen einer ungeheuren Übermacht tapferen und gewaltlosen Widerstand leisten. Ihr dauernder, unbestreitbarer Triumph wäre von größter segensreicher Bedeutung für die ganze Welt.
Doch unabhängig davon, wie es weitergeht in Polen, was schon im verflossenen Jahr gelungen ist, festigt die Hoffnung: Was wenigen für kurze Zeit gelang, das kann, das muß vielen auf die Dauer gelingen. Heute müßte es bereits allen eindeutig klar sein, daß der Friede auf dieser Welt nur dann wirklich erhalten bleibt, wenn auch die Menschenrechte gesichert werden – die Rechte der kleinsten nationalen und sozialen Minderheiten und die Rechte jedes einzelnen Menschen. Deswegen sind alle, die sich heute für Menschenrechte einsetzen, wahre Friedenskämpfer.«
Laudator Marion Gräfin Dönhoff
Bibliographie