Der Stiftungsrat des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wählt den Schriftsteller Siegfried Lenz zum Träger des Friedenspreises 1988. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 9. Oktober 1988, in der Paulskirche zu Frankfurt am Main statt. Die Laudatio hält Yohanan Meroz.
Begründung der Jury
Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahre 1988 Siegfried Lenz, dem Schriftsteller, dessen vielgestaltiges literarisches Schaffen einen bedeutenden Beitrag zur Durchdringung der deutschen Vergangenheit und zur Frage der deutschen Identität leistet.
Siegfried Lenz beeindruckt durch seine gradlinige Haltung und überzeugt durch die klare Menschlichkeit und Wahrhaftigkeit seiner Prosa. Sein in viele Sprachen übersetztes Werk ist eine 'Deutschstunde' für Deutsche und für Leser in aller Welt und setzt deutliche Zeichen der Versöhnung und Verständigung.
Chronik des Jahres 1988
+++ Das Jahr 1988 steht im Zeichen von »Glasnost« und »Perestroika«. +++ Nach langjährigen Verhandlungen wird im Februar das Abkommen zur Lösung des Afghanistan-Konflikts unterzeichnet. Es sieht den vollständigen Abzug der sowjetischen Soldaten und die Rückkehr der rund fünf Millionen Flüchtlinge in ihre Heimat vor. Ende Juni fordern führende sowjetische Politiker und Wirtschaftsfachleute auf einer von Parteichef Gorbatschow geleiteten Pressekonferenz tiefgreifende Reformen, ohne die der Demokratisierungsprozess in der UdSSR nicht vorangebracht werden könne. +++ Im August wird der seit 1975 andauernde Bürgerkrieg in Angola durch einen Waffenstillstandsvertrag zwischen Angola, Südafrika und Kuba für beendet erklärt. Zwei Wochen später tritt auch im Ersten Golfkrieg zwischen Irak und Iran ein Waffenstillstand in Kraft. +++ Bei einer Flugschau auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Ramstein in der Pfalz kommen Ende August durch den Absturz dreier Flugzeuge einer italienischen Kunstflugstaffel 70 Menschen ums Leben. +++ Durch die Wahl Michail Gorbatschows im Oktober zum Vorsitzenden des Obersten Sowjet und damit zum sowjetischen Staatsoberhaupt wird die Reformpolitik in der UdSSR gefestigt. +++
Die Wahlsiegerin der pakistanischen Parlamentswahlen, Benazir Bhutto, wird im Dezember zur neuen Ministerpräsidentin Pakistans ernannt und ist damit die erste Frau an der Spitze eines islamischen Landes. +++
Biographie Siegfried Lenz
Siegfried Lenz, geboren am 7. März 1926 in Lyck / Ostpreußen, wird nach dem Abitur 1943 zur Marine einberufen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs desertiert er und versteckt sich die letzten Kriegsmonate in Dänemark.
Nach dem Krieg beginnt er in Hamburg ein Philosophie- und Literaturstudium, das er jedoch 1948 abbricht, um als Volontär, später als Feuilletonredakteur bei der Zeitung Die Welt zu arbeiten. Seit 1951 ist Siegfried Lenz als freier Schriftsteller tätig.
Bereits sein erster Roman Es waren Habichte in der Luft (1951) handelt von der Erfahrung totalitärer Herrschaft – eins seiner wichtigsten literarischen Themen, mit denen er eine sozialkritische Perspektive entwickelt, gebrochen durch existentielle, manchmal gar pessimistische Motive. Sein 1968 veröffentlichter Roman Deutschstunde macht ihn weltberühmt.´
Lenz engagiert sich politisch für die SPD und begleitet 1970 zusammen mit Günter Grass Bundeskanzler Brandt zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages nach Warschau. Auch seine jüngste Erzählung Schweigeminute (2008) wurde zu einem Bestseller.
Siegfried Lenz lebt in Hamburg.
Aus der Friedenspreisrede
»So seltsam es klingen mag: Auschwitz bleibt uns anvertraut. Es gehört uns, so, wie uns die übrige eigene Geschichte gehört. Mit ihr in Frieden zu leben, ist eine Illusion; denn die Herausforderungen und die Heimsuchungen nehmen kein Ende.
Schließlich haben wir es nicht mit der spirituellen Hinterlassenschaft von Hegels Weltgeist zu tun, sondern mit überlieferten unsagbaren Leiden. So ist zu fragen, ob es einen Frieden geben kann, in dem auch die Unversöhntheit einen Platz findet.
Ich glaube: ja. Der Friede, der uns entspricht, schließt Verstörungen durch das Gedächtnis nicht aus. Jedoch: Unversöhnt mit der Vergangenheit sind wir um so leidenschaftlicher für den Frieden.
Unversöhnt, geben wir der Vergangenheit, was wir ihr schulden, und der Gegenwart, was sie annehmbar macht.«
Laudator Yohanan Meroz
Bibliographie