Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat den ungarischen Schriftsteller György Konrád zum Träger des Preises gewählt. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 13. Oktober 1991, in der Paulskirche statt. Die Laudatio hält Jorge Semprún.
Begründung der Jury
Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahre 1991 György Konrád. Er würdigt mit dieser Auszeichnung Konráds Entwurf eines Mitteleuropa, das als eigenständiger Raum mit jahrhundertealten gemeinsamen Traditionen in Politik und Kultur Bestandteil Gesamteuropas ist.
Konráds Denken und Schreiben zielt auf die Überwindung der aus dem Zweiten Weltkrieg resultierenden Teilung Europas. Zugleich richtet er sich gegen die Allmacht des Staates und tritt für das Ethos einer zivilen Gesellschaft ein, die auf den einzelnen, dessen Freiheit und soziale Verpflichtung ausgerichtet ist.
In der Betonung der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit Europas von militärischen Großmächten hat Konrád den Weg friedlicher Umgestaltung in Mittel- und Osteuropa vorgedacht und formuliert.
Chronik des Jahres 1991
+++ Nachdem in Genf Verhandlungen über eine friedliche Lösung der Golfkrise scheitern, beginnt am 17. Januar 1991 eine multinationale Truppe unter Führung der USA mit Luftangriffen auf den Irak. Die irakische Armee setzt daraufhin in Kuwait Ölquellen in Brand. Am 24. Februar starten die Alliierten ihre Bodenoffensive gegen den Irak, der zwei Tage darauf seine Truppen aus Kuwait abzieht. Die Kampfhandlungen werden eingestellt. +++ Erich Honecker wird im März aus dem sowjetischen Militärhospital Beelitz nach Moskau gebracht, um die Vollstreckung eines deutschen Haftbefehls zu verhindern. +++ In Zwickau läuft am 30. April nach fast 35 Jahren der letzte von 3 Millionen »Trabbis« vom Band. +++ Boris Jelzin wird im Juni zum Präsidenten der sowjetischen Teilrepublik Russland gewählt. Im August versuchen reformfeindliche Kräfte in Russland einen Putsch. Jelzin ruft die Bevölkerung zum Widerstand auf, die Putschisten ergeben sich am 21. August. Im Dezember gründen Russland, die Ukraine und Weißrussland die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Staatspräsident Gorbatschow tritt zurück und übergibt Russlands Präsidenten Boris Jelzin das Kommando über die strategischen Atomwaffen. Die Europäische Gemeinschaft und die USA erkennen Russland als Rechtsnachfolger der UdSSR an. +++ Der Bürgerkrieg zwischen Serben und Kroaten in Jugoslawien geht unvermindert weiter. Im September erklärt die jugoslawische Teilrepublik Mazedonien ihre Unabhängigkeit, Bosnien-Herzegowina, Slowenien und Kroatien folgen. Das nur noch mit Serben besetzte Staatspräsidium ordnet angesichts des Bürgerkriegs die Teilmobilmachung an. +++ Am 20. September kommt es im sächsischen Hoyerswerda zu schweren Ausschreitungen Rechtsradikaler gegen Ausländer und Asylbewerber, in deren Verlauf unter dem Beifall vieler Zuschauer auch ein Wohnheim angegriffen wird. In den folgenden Wochen werden im gesamten Bundesgebiet Anschläge auf Unterkünfte von Asylbewerbern verübt. +++
Biographie György Konrád
Der am 2. April 1933 in Berettyonjfalu bei Debrecen in Ungarn geborene Autor zählt zu den bedeutendsten und einflussreichsten Schriftstellern seines Landes. Der Sohn eines jüdischen Eisenwarenhändlers überlebt die nationalsozialistische Herrschaft unter dem Schutz der Schweizer Gesandtschaft des Roten Kreuzes in Budapest. Nach dem Krieg studiert Konrád Literaturwissenschaft, Soziologie und Psychologie.
1969 erscheinen erste Veröffentlichungen, in denen er sich kritisch mit der ungarischen Gesellschaft auseinandersetzt. 1974 wird er verhaftet, wegen internationaler Proteste jedoch wieder freigelassen. 1978 erhält Konrád Publikationsverbot, das erst 1989 aufgehoben wird.
In der Folge hält er sich immer häufiger im westlichen Ausland auf und gerät mit seinen Ideen eines blockfreien Europas und seinen offenen Sympathiebekundungen für die polnische Solidarnoœæ in Ungarn immer stärker unter Druck. Nach Ende des Sozialismus gründet er 1991 die »Demokratische Charta«, um die zögerlichen Demokratiebewegungen zu stärken. 1990 wird György Konrád zum Präsidenten des Internationalen PEN-Clubs gewählt.
Als Essayist begleitet er den Demokratisierungs-Prozess seines Landes und der Staaten des ehemaligen Ostblocks. Auch als Präsident der Berliner Akademie der Künste (1997–2003) nimmt er immer wieder kritisch Stellung zu politischen Themen.
Aus der Friedenspreisrede
»Die Idee der Föderation ist im postkommunistischen Raum Osteuropas vom Ideal des homogenen Nationalstaats überwältigt worden.
Dieser Erfolg kreiert neue Minderheiten und vermag einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung zu diskriminieren und zu benachteiligen, wodurch ethnisch bestimmte Bürgerkriege heraufbeschworen und unter Umständen fluchtartige Migrationen verursacht werden.
Da die Staaten, selbst wenn sie autoritär sein wollten, alle gezwungen sind, sich auf die Demokratie zu berufen, können sie nicht die Strenge von totalitären Polizeistaaten annehmen, um die Autonomiebewegungen der ethnischen Minderheiten noch im Keim zu ersticken. Deshalb sind die neuen Regierungen gezwungen, mit den Minderheiten einen Ausgleich zu finden.
Im Paradigma des homogenen Nationalstaats aber ist für einen Kompromiß mit den Minderheiten kein Platz. Grundlage für einen Ausgleich könnte die Idee eines multinationalen und multikulturellen Nationalstaats sein, der fähig ist, die komplizierten Bindungen der Individuen zu respektieren.«
Laudator Jorge Semprún
Bibliographie
Der Besucher (Roman, 1969)
Der Stadtgründer (Roman, 1975)
Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht (mit Iván Szelényi) (Essays, 1978)
Der Komplize (Roman, 1980)
Antipolitik. Mitteleuropäische Meditationen (Essays, 1985)
Geisterfest (Roman, 1986)
Heimkehr (Roman, 1988)
Stimmungsbericht (Essays, 1988)
Melinda und Dragoman (Roman, 1991)
Die Melancholie der Wiedergeburt (Essays, 1992)
Identität und Hysterie (Essays, 1995)
Steinuhr (Roman, 1996)
Vor den Toren des Reichs (Essays, 1997)
Die unsichtbare Stimme (Essays, 1998)
Der Nachlass (Roman, 1999)
Die Erweiterung der Mitte. Europa und Osteuropa am Ende des 20. Jahrhunderts (Essays, 1999)
Der dritte Blick. Betrachtungen eines Antipolitischen (Essays, 2001)
Glück (Roman, 2003)
Sonnenfinsternis auf dem Berg (Roman, 2005)
Das Buch Kalligaro (Roman, 2007)