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Zur ÜbersichtDer Preisträger 1995

Annemarie Schimmel

Der Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat die deutsche Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel zur Trägerin des Preises gewählt. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 15. Oktober 1995, in der Paulskirche statt. Die Laudatio hält Bundespräsident Roman Herzog.


Annemarie Schimmel

Begründung der Jury

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein 1995 Annemarie Schimmel.

Ihr Lebenswerk gilt der Kenntnis und dem Verständnis des Islam, seinen innernen Leben und seiner kulturgenerierenden Begegnung mit dem Okzident. Ihr Denken spürt jener für den Frieden unter den Völkern heute entscheidenden Möglichkeit der Synthese von Islam und Moderne nach, welche die Differenzierung der Werte aus dem Innern des Islam selbst zu gewinnen sucht.

Inmitten erschreckender Signale des religiösen Fanatismus versteht der Börsenverein die Auszeichnung Annemarie Schimmels als ein Zeichen für die Begegnung, nicht für die Konfrontation der Kulturen, als ein Zeichen für Duldung, Poesie und Denkkultur, welche die Formen des Andersseins achtet.

 

Chronik des Jahres 1995

+++ Die letzten 2400 Blauhelm-Soldaten verlassen im März 1995 Somalia. Im Verlauf der 1992 begonnenen Friedensmission starben 132 von ihnen bei Anschlägen. Nach dem Abzug der Truppen geht der Bürgerkrieg in Somalia weiter. Das Land versinkt durch die Machtinteressen der miteinander verfeindeten Clans im politischen Chaos. +++ Nach der Ermordung zweier Politiker kommt es im März in Burundi zu neuen Auseinandersetzungen zwischen den Hutu und den Tutsi. Bei einem Massaker ruandischer Regierungstruppen werden in Kibeho (Ruanda) etwa 2000 Hutu-Flüchtlinge getötet. +++ Ende April wird der erste Castor-Behälter mit Atommüll aus dem Kernkraftwerk Philippsburg ins Zwischenlager nach Gorleben gebracht. Ein Großaufgebot an Sicherheitskräften geht mit Wasserwerfern gegen die Kernkraftgegner vor, die den Transport zu verhindern suchen. +++ Die Situation in Bosnien-Herzegowina eskaliert, als die bosnischen Serben sich weigern, die von Blauhelm-Soldaten erbeuteten schweren Waffen abzugeben. NATO- Flugzeuge bombardieren daraufhin am 25. Mai ein Munitionslager der bosnischen Serben. Im Juli erobern bosnische Serben die Moslem-Enklave Srebrenica. Augenzeugen berichten von Massenhinrichtungen und -vergewaltigungen. Vom Internationalen Gerichtshof wird das Massaker als Völkermord eingestuft. Die Gegenoffensive der Kroaten löst die größte Flüchtlingswelle auf dem Balkan seit dem Zerfall Jugoslawiens aus. Im Dezember wird der im US-amerikanischen Dayton ausgehandelte Friedensvertrag für Bosnien-Herzegowina unterzeichnet. Der Bundestag billigt die Entsendung von 4000 deutschen Soldaten in das ehemalige Jugoslawien. ++++ Israels Premierminister Rabin und der PLO-Chef Arafat unterzeichnen Ende September ein Abkommen über die Ausweitung der Autonomie für die im Westjordanland lebenden Palästinenser. Am 4. November wird Yitzhak Rabin von einem rechtsradikalen Israeli während einer Friedenskundgebung in Tel Aviv ermordet. +++

 

Biographie Annemarie Schimmel

Annemarie Schimmel wurde am 7. April 1922 in Erfurt als Tochter eines Postbeamten geboren. Bereits mit 15 Jahren begann sie, Arabisch zu lernen. Sie übersprang zwei Schuljahre, legte mit 16 Jahren ihr Abitur ab und begann 1939 an der Universität Berlin zuerst Chemie und Physik und später Arabistik und Islamwissenschaften zu studieren.

Bereits 1941 promovierte sie und arbeitete bis zum Kriegsende als Übersetzerin im Auswärtigen Amt. 1946 habilitierte sie an der Universität Marburg, wo sie bis 1954 als Dozentin tätig war und 1951 in Religionsgeschichte mit dem Thema „Studien zum Begriff der mystischen Liebe in der frühislamischen Mystik“ abermals promovierte.

1954 folgte sie einem Ruf als Professorin für Religionsgeschichte an die Islamisch-Theologische Fakultät der Universität Ankara. 1961 ging sie nach Bonn, 1967 an die Harvard-University, wo sie ein indo-islamisches Institut aufbauen sollte. In den folgenden Jahren übernahm Annemarie Schimmel Lehraufträge an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland.

Annemarie Schimmel erhielt 1995 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels den Friedenspreis für ihr Lebenswerk. Die Entscheidung wurde zunächst allgemein begrüßt, dann aber geriet Schimmel wegen eines Interviews ins Kreuzfeuer öffentlicher Kritik. Sie warf dem Schriftsteller Salman Rushdie vor, über den Irans Revolutionsführer Ayatollah Khomeini 1988 ein Todesurteil verhängt hatte, mit seinem Roman „Die satanischen Verse“ auf eine „sehr üble Art die Gefühle einer großen Menge von Gläubigen“ verletzt zu haben. Später entschuldigte sich Schimmel und betonte, sie sei keine Fundamentalistin und unpolitisch im Sinne der Tagespolitik.

Zu ihrem 75. Geburtstag richtete die Universität Bonn ihr zu Ehren 1997 den Annemarie-Schimmel-Lehrstuhl für indo-islamische Kultur ein. Auch nach ihrer Pensionierung arbeitete sie noch an der Universität, hielt Seminare und Vorlesungen.

Annemarie Schimmel stirbt am 23. Januar 2003 in Bonn. Sie galt als eine der bekanntesten Islamwissenschaftlerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie hat weit über 100 Bücher, Artikel und wissenschaftliche Veröffentlichungen publiziert.

 

Auszeichnungen (Auswahl)

1965 Friedrich-Rückert-Preis der Stadt Schweinfurt
1982 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse mit Stern u. Schulterband
1983 Ehrenhalbmond der Islamischen Republik Pakistan
1992 Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen
1995 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1996 Ägyptischer Verdienstorden für Kunst und Wissenschaft 1. Klasse
1997 Ehrenmitglied des Zentralrats der Muslime in Deutschland
2001 Reuchlin-Preis der Stadt Pforzheim
2002 Dostlik-Orden der Republik Usbekistan
2003 Muhammad-Nafi-Tschelebi-Medienpreis

 

Aus der Friedenspreisrede

»Von Augustinus stammt das Wort ›Res tantum cognoscitur quantum diligitur‹ (›Man versteht etwas nur so weit, wie man es liebt‹). Und unsere mittelalterlichen Theologen wußten, daß ›Liebe das Auge des Intellektes‹ ist.
Nun kann leicht gesagt werden, daß solche Liebe blind macht. Aber ich glaube, daß tiefe Liebe zugleich die Augen öffnet; man sieht nämlich die Fehler, die Sünden, die ein geliebtes Wesen begeht, mit tieferem Kummer als die eines Unbekannten.
Wenn wir, die wir unser Leben damit verbracht haben, die Welt des Islams in ihrer Vielfalt zu erforschen und ihre positiven Seiten einer Öffentlichkeit vorzustellen, die kaum Ahnung von dieser Welt hat, dann ist es für uns ein um so größerer Schock, die Entwicklungen zu sehen, die sich während der letzten Jahrzehnte in Teilen der islamischen Welt vollzogen haben.
In einer Kultur, deren traditioneller Gruß salam ›Frieden‹ heißt (wie das hebräische schalom), findet zur Zeit eine erschreckende Verengung und Verhärtung dogmatischer und legalistischer Positionen statt.
Mochte man anfangs noch glauben, daß es sich dabei um Versuche handelte, sich gegen den wachsenden Einfluß des Westens abzuschotten, um sicher zu sein, daß man dem vom Propheten Muhammad vorgezeichneten Weg so getreulich wie möglich folgte, so sieht es jetzt anders aus. Wir stehen weithin einem Ausdruck reiner Machtpolitik gegenüber. Ideologien, die sich des Islams als eines Schlagwortes bedienen und mit seinen religiösen Grundlagen kaum noch etwas gemein haben.«

 

Laudator Roman Herzog 

 

Bibliographie

»Arabische Sprachlehre« von Ernst Harder und Annemarie Schimmel Julius Groos Verlag, Tübingen 1997 (17. Aufl.), 247 S.

»Auf den Spuren der Muslime« Mein Leben zwischen den Kulturen Herder Verlag, Freiburg 2002, Herder Spektrum 5272, 192 S.

»Aus dem goldenen Becher« Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten Önel-Verlag, Köln 1993, 232 S.

»Berge, Wüsten, Heiligtümer« Meine Reisen in Pakistan und Indien dtv, München 1997, dtv Kultur & Gesch. 30639, 288 S.

»Das Buch der Welt« Wirklichkeit und Metapher im Islam Ergon Verlag, Würzburg 1996, 52 S.

»Dein Wille geschehe« Die schönsten islamischen Gebete Spohr Verlag, Kandern 1995 (3. Aufl.), 96 S.

»Demokratie und Menschenrecht in den arabischen Ländern« Der Weg Saad Eddin Ibrahims Hrsg. v. Tilmann Seidensticker, Annemarie Schimmel und Ulrich Zwiener Palm & Enke Verlag, Erlangen 2003, 56 S.

»Im Namen Allahs des Allbarmherzigen« - Der Islam Patmos Verlag, Düsseldorf 2002, 208 S.


»Im Reich der Grossmoguln« - Geschichte, Kunst, Kultur C.H. Beck Verlag, München 2000, 459 S.

»Islam und Europa - Kulturelle Brücken« Palm & Enke Verlag, Erlangen 2002, 104 S.

»Islamische Impressionen« - Brücken zwischen Orient und Okzident von Wolfgang Weirauch, Rabih Abou-Khalil, Wilhelm Maas, Annemarie Schimmel, Peter Scholl-Latour und Mahmoud Zakzouk Flensburger Hefte, Flensburg 2000, Buchr. 69, 228 S.

»Das islamische Jahr« - Zeiten und Feste C.H. Beck Verlag, München 2002, Beck'sche Reihe 1441, 168 S.

»Kleine Paradiese« - Blumen und Gärten im Islam Herder Verlag, Freiburg 2001, Herder Spektrum 5192, 160 S.

»Der Mensch und sein Widersacher« Beiträge der Eranos Tagung in Ascona-Moscia 2001/2002 von Annemarie Schimmel, Andreas Schweizer, Erik Hornung, Gudrun Schubert, Alois Haas, und Irene Gerber-Münch Fotorotar Verlag, Zürich 2003, 208 S.

»Morgenland und Abendland» - Mein west-östliches Leben C.H. Beck Verlag, München 2003 (4. Aufl.), 352 S.

»Muhammed« Hugendubel Verlag, Kreuzlingen 2002, ca. 96 S.

»Das Mysterium der Zahl« - Untertitel: Zahlensymbolik im Kulturvergleich von Annemarie Schimmel und Franz C. Endres Heinrich Hugendubel Verlag, München 2005, 352 S.

»Mystische Dimensionen des Islam« - Die Geschichte des Sufismus Insel Verlag, Frankfurt am Main 2005, Insel-Tb. 1715, 740 S.

»Die Religion des Islam« - Eine Einführung Reclam, Ditzingen 1990, Reclams UB 8639, 159 S.

»Rumi« - Ich bin Wind und du bist Feuer. Leben und Werk des großen Mystikers Heinrich Hugendubel Verlag, München 2003 (Neuaufl.), ca. 232 S.

»Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien« - Islamische Lyrik aus tausend Jahren hrsg. v. Annemarie Schimmel C.H. Beck Verlag, München 1996, 262 S.

»Stern und Blume« - Die Bilderwelt der persischen Poesie Verlag Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1984, 315 S.

»Sufismus« - Eine Einführung in die islamische Mystik C.H. Beck Verlag, München 3. Aufl. 2005, Beck'sche Reihe 2129, 125 S.

»Die Träume des Kalifen« - Träume und ihre Deutung in der islamischen Kultur C.H. Beck, München 1998, 406 S.

»Und Muhammad ist Sein Prophet» - Die Verehrung des Propheten in der islamischen Frömmigkeit Heinrich Hugendubel Verlag, München 1995 (3. Aufl.), 282 S.

»Weisheit des Islam« Hrsg. v. Aneemarie Schimmel Reclam Verlag, Dietzingen 2003, Reclams UB 18247, 301 S.

»Weltpoesie ist Weltversöhnung« Ergon Verlag, Würzburg 1996 (2. Aufl.), 42 S.

»Wiederholte Spiegelungen« Önel Verlag, Köln 1998, 128 S.

»Die Zeichen Gottes« - Die religiöse Welt des Islam C.H. Beck Verlag, München 2002 (3. Aufl.), 408 S.

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