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Der utopische Realist - zum Tode von Wladyslaw Bartoszewski

Er war ein großer Europäer, der fehlen wird: Wladyslaw Bartoszewski ist am 24. April 2015 im Alter von 93 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Martin Schult - und ein Abschiedsgruß von Joschka Fischer.


Wladyslaw Bartoszewski
© Archiv Friedenspreis

Wladyslaw Bartoszewski, Politiker und Diplomat, wurde für seine Begabung als Brückenbauer bewundert. Dass er trotz Verfolgung in zwei totalitären Regimen nicht Vergeltung sondern Verständigung suchte, er also nicht vom Gejagten zum Jäger wurde, das machte Hans Maier 1986 in seiner Laudatio auf den 1922 in Warschau geborenen Friedenspreisträger deutlich:

"Bartoszewski hat vieles gewagt in seinem Leben: Kopf und Kragen, bürgerliche Sicherheit, Glück und Karriere. Er hat unbeugsamen Mut bewiesen. Mut – das Wort geht uns so leicht über die Lippen in unserer westlichen, reichen, freien Welt. Aber als verfolgter Pole den noch viel mehr verfolgten Juden zu helfen, als Opfer des NS-Terrors an der polnisch-deutschen Versöhnung mitzuarbeiten, als Wissenschaftler und Schriftsteller für die Freiheit der Meinung und die Freiheit der Kirche zu streiten – dazu gehört Mut."

Der unbedingte Glaube an die freie Meinungsäußerung brachte ihn immer wieder in Konflikt mit denen, die dieses Recht unterbinden wollten.  Ironie des Schicksals: Bartoszewski wurde schon als 18jähriger 1940 bei einer Razzia gegen polnische Intellektuelle verhaftet und für sechs Monate in Auschwitz inhaftiert. Als man ihn nach dem Zweiten Weltkrieg abermals, dieses Mal wegen angeblicher Spionage, in Haft nahm, saß er in einer Zelle mit jenen SS-Offizieren, die ihn während des Krieges wegen seiner Untergrundtätigkeit verfolgt hatten.

Später, zu Beginn der 1980er Jahre, als er sich in der Solidarnosc-Bewegung engagierte, wurde er abermals verhaftet: "Neunmal habe ich meinen Geburtstag in einem Gefängnis oder Lager gefeiert," sagte er selbst. Ein jüdisches KP-Mitglied sprach sich 1982 für seine Freilassung aus, Bartoszewski ging nach Deutschland und lehrte an verschiedenen Universitäten. Der Historiker, der sich vor allem mit der polnischen Zeitgeschichte und dem deutsch-polnischen Verhältnis beschäftigte, wurde nach dem demokratischen Umbruch in Polen zum Botschafter ernannt, später übernahm er für insgesamt drei Jahre das Amt des Außenministers.

Für seinen damaligen Amtskollegen aus Deutschland, Joschka Fischer, geht mit dem Tod von Bartoszewski ein großer Verlust einher: "Mit Wladyslaw Bartoszewski hat Deutschland einen großen Freund und haben wir alle einen unerbittlichen Kämpfer für Menschenrechte und Freiheit und einen großen Europäer verloren. Er wird uns allen fehlen."

2007 wurde Bartoszewski  zum Staatssekretär für die Beziehungen zu Deutschland berufen, eine Aufgabe, die ihn bis zu seinem Tode am Herzen lag, auch wenn sein Wunsch von einer besseren Welt stets über die polnisch-deutsche Grenze hinaus ging: "Mein Traum ist die glücklich vereinte Menschheit, ein Jahrhundert ohne Krieg. Jeder muß frei von Angst leben können. Ich sehe aber auch die Stolpersteine auf diesem Weg. Ich bin sozusagen ein utopischer Realist."