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„Gehet in Frieden-spreis.“

Fußnoten, Doppelbödigkeiten, Querverweise - die literarische Welt verzweifelt begeistert an dem neuen Roman des ungarischen Schriftstellers und Friedenspreisträgers Péter Esterházy, der am 14. April seinen 65. Geburtstag feiert. Ein Glück-Wunsch von Martin Schult.


Péter Esterházy
© Doris Poklekowski

„Das ist die Geschichte der Ungarn, Nichtse setzen sich zu Etwassen zusammen, und Wäres schmieden die weinerliche Erinnerung zu Ists. Der Höhepunkt ist das Ausbleiben des Höhepunkts.“ Wie charakterisiert man ein Buch, das mit solchen Sätzen gespickt ist? Die vermutlich beste Umschreibung für „Die Mantel-und-Degen-Version“ (Hanser Berlin) stammt vom Kritiker Paul Jandl: „Gulasch der Geschichte.“ Dieser Roman, dieses „lichtdurchflutete Waldstück mit lauter unerwarteten Versteckspielen dazwischen“ (Helmut Böttiger), lässt sich einfach nicht schmackhafter zusammenfassen. Der Autor selbst gibt in einer Lesung in Kiel zu, dass man zwar intelligent über ein Buch sprechen könne, aber „was es uns sagt, weiß man nur, wenn man es liest. Anders geht es nicht“.

Lammkeule in der Paulskirche

Als Péter Esterházy 2004 den Friedenspreis erhält und ans Pult tritt, trägt er keine Krawatte, zitiert zuerst seinen 17-jährigen Sohn (der die Preisbegründung gelesen hatte) mit den Worten „Papa, hast du wirklich nicht nur deine Heimat (Ungarn) in der Mitte Europas, sondern Europa in der Mitte der Literatur neu situiert?“, und dann redet er sogar noch von einer Lammkeule: „Klaus Trebes, der große Frankfurter Koch, empfiehlt: Eine Milchkeule hohl entbeinen, bis auf den Haxenknochen, dann eine Paste zubereiten aus Knoblauchzehen, Schalotten, Zitronenthymian, Pinienkernen, Weißbrotbrösel mit Olivenöl, natürlich Zitrone; einen Teil der Paste in den Hohlraum füllen, wo vorher der Knochen saß. Und dann: Die Keule in Form binden, würzen, etc. Also: Die Keule in Form binden!“ Was hat das mit Frieden zu tun? Sollte, so fragt sich das Publikum, Michael Naumann recht behalten, als er am Anfang seiner Laudatio sagt: „Ein Friedensstifter sind Sie nicht.“

Wie in vielen seiner Texte lässt sich Esterházy auch in der Paulskirche von seinen Gedankensprüngen treiben. So wird aus der Walserschen Moralkeule eine Mahlzeit, die den Preistragenden daran erinnert, „wie viele Fragen sich die Deutschen bereits gestellt haben, und zwar beispielhaft, und sie erinnert mich an die nicht gestellten Fragen“ im eigenen Land, in dem „irgendwie alles so schnell passiert, zu schnell“. Die Probleme, so Esterházy weiter, „kehren wir unter den Teppich, und gleich darauf weisen wir die Unterstellung zurück, etwas unter den Teppich gekehrt zu haben. Was für ein Teppich, wir haben ja gar keinen, behaupten wir, den haben die Kommunisten gestohlen.“

Europas Fundament

Und dann kommt es: „Die eigenen Missetaten durch die deutschen Missetaten zu verdecken, ist eine europäische Gewohnheit. Der Hass gegen die Deutschen ist Europas Fundament in der Nachkriegszeit.“ Das Fundament Europas in der Nachkriegszeit gründet sich auf den Hass gegen die Deutschen? Das will Alfred Grosser, ebenfalls Friedenspreisträger, so nicht stehen lassen: „Genau das Gegenteil von dem, was Esterházy behauptet, ist richtig. Die vertiefte und erweiterte Europäische Union konnte nur bestehen, weil eben der Hass gegen Deutschland nicht vorhanden oder überwunden worden war.“

Was tun, wenn zwei Friedenspreisträger sich streiten? Sich freuen und, wie Esterházy am Ende seiner Rede, sagen: „Gehet in Frieden – spreis?“ Oder nachfragen, wer wann welches Europa und in welchem Kontext gemeint hat? Grosser zeichnet in seiner Replik die Auferstehung Europas durch die Etablierung zwischenstaatlicher Übereinkommen wie die Montan-Union oder den Vertrag von Rom nach. Esterházy hingegen spricht – aus ungarischer Sicht – vom Stillstand und vom Unvermögen, sich selbst zu hinterfragen oder gar die Opferrolle abzulegen. Was beim einen aus westeuropäischer Sicht ein positives Fundament bildet, ist beim anderen aus „Selbstmitleid und Selbsthass“ gegossen.

Der ernste Kern

Esterházys Stärke begründet sich in unserem – mit Lachen begleiteten – vergeblichen Versuch, ihn zu verstehen, nur um festzustellen, dass wir uns gerade selbst erst verstanden haben. Oder, wie sein Laudator sagt: „Esterházy zu lesen bedeutet, in ein System der romaninternen Lauschanlagen einzudringen, in dem jedes Wort, jeder Satz den anderen abhört, um ihn bei nächster Gelegenheit mit Witz zu dementieren.“

Doch hinter diesen Heiterkeiten, Absurditäten und Sprachspielen Esterházys verbergen sich ein ernster Kern und eine große Integrität im wahren Leben. Das zeigt sich auch daran, wie er mit der Aufdeckung der Spitzeltätigkeit seines Vaters umgeht, dem er noch in den Buch "Harmonia Caelestis" (Berlin Verlag, 2001) ein Denkmal gesetzt hat. Mit dem Zusatzband "Verbesserte Ausgabe" (Berlin Verlag, 2003) setzt er sich mit den Dokumenten über den Verrat seines Vaters auseinander, wohlwissend, dass – so Esterházy in seiner Friedenspreisrede – ein Roman "keine verbesserte Ausgabe hat, weil es sie nicht geben kann. Das Leben eines Menschen hat keine verbesserte Ausgabe, weil es sie nicht geben kann. Auch die Geschichte hat keine verbesserte Ausgabe. Daran zeigt sich meiner Ansicht nach – und das ist keine allzu tiefgreifende Entdeckung – das Wunderbare des Lebens".