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Hand in Hand – Zum Tode von Yaşar Kemal

Der türkische Schriftsteller und Friedenspreisträger Yaşar Kemal ist tot. Ein Foto, das ihn 1997 neben Günter Grass zeigt, steht für ein Stück Zeitgeschichte - und für einen Menschenfreund, der sein Leben lang Demokratie und Meinungsfreiheit hochhielt. Ein Nachruf von Martin Schult.


Yasar Kemal und Günter Grass
Yasar Kemal und Günter Grass in der Paulskirche bei der Friedenspreisverleihung 19997
© Werner Gabriel

Es ist eines dieser Bilder in der Geschichte des Friedenspreises, die in Erinnerung bleiben. Yaşar Kemal und sein Laudator Günter Grass halten sich 1997 während der Friedenspreisverleihung an der Hand. Die sehr persönliche Geste zeugt von einer Umgangsweise mit Empfindungen und Beziehungen, die sich auch im Werk des türkischen Autors wiederfindet.

Yaşar Kemal, eigentlich Kemal Sadık Gökçeli, lernte als einziges Kind in seinem Heimatdorf lesen und schreiben. Bereits in jungen Jahren sammelte er die Lieder und Epen seines Volkes. Anfang der 1940er Jahre verfasste er erste Gedichte und Erzählungen, die er aufgrund von Anfeindungen unter dem Namen Yaşar Kemal veröffentlichte. 1955 erschien mit „Memed, der Falke“ sein erster Roman. Das Buch wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und markiert den Beginn seiner Schriftstellerkarriere.

Ein Volksdichter

Kemal, auch journalistisch tätig, wurde mit seiner fantastisch-realistischen Sprache zum meistgelesenen türkischen Autor, zum Volksdichter. Dabei geriet er immer wieder in Konflikt mit den Regierenden.

1971 wurde er verhaftet, nach Morddrohungen ging er für einige Jahre nach Schweden. 1996, wegen Kritik an der Kurdenpolitik der türkischen Regierung zu 20 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, verließ abermals das Land und erhielt – ein Jahr darauf – mit dem Friedenspreis eine für ihn enorm wichtige Ehrung.

Wenn man weiß, was in der Paulskirche passierte, wird auch eine weitere Deutung des Fotos möglich. Denn Kemal und Grass beschlossen, mit ihren Reden den Saal zu „rocken“, wie es auf neudeutsch heißt, und nahmen dafür – ob bewusst oder unbewusst – die richtigen Rollen ein: Grass provozierte, Kemal erklärte. Der Laudator zog die Aufmerksamkeit auf sich, als er nach seiner Kritik an der türkischen Kurdenpolitik auch die Bundesregierung attackierte. Er schäme sich für sein „zum bloßen Wirtschaftsstandort verkommenes“ Land, das der Türkei Waffen liefere, mit denen Ankara die Kurden unterdrücke, und zugleich den Kurden das Recht auf Asyl verweigere.

Klare Worte

Da die deutsche Politik besonders auf diese Vorwürfe einging, blieben Kemals analytische Äußerungen unkommentiert. Seine Kritik an den Verhältnissen in der Türkei wurde somit auch nicht durch „Schönrederei“ abgemildert: „Ist die Türkei ein demokratisches Land, wird es von einer Diktatur gelenkt? Den Durchblick haben nicht einmal die Regierenden selbst“, sagte Kemal damals. Sogar dem türkischen Kulturminister, der zuvor mit eisigem Schweigen nahe beim Preisträger saß, blieb nach der Dankesrede keine Möglichkeit, ihm nicht die Hand zu schütteln.

Auch in den Folgejahren bezog Kemal immer wieder Stellung, zuletzt 2013 zu den mit Gewalt niedergeschlagenen Protesten gegen die Bebauung des Istanbuler Gezi-Parks: „Der Hass, der gegen Meinungsfreiheit und Demokratie geschaffen wird, ist eine große Katastrophe in unserer Generation und kann nie verziehen werden. Was wir heute benötigen, ist ein demokratisches Regime.“

Am vergangenen Samstag ist Yaşar Kemal nach langer Krankheit im Alter von 92 Jahren gestorben. Der heutige türkische Kulturminister äußert sich bestürzt: „Die Türkei und die gesamte Menschheit haben eine große Seele verloren.“