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Mit freiem Blick - Assia Djebar

Die algerische Schriftstellerin Assia Djebar ist am 6. Februar in Paris gestorben. Sie hinterlässt ein Werk, aus dem sich für die aktuellen Konflikte der Welt viel lernen lässt. Ein Nachruf von Martin Schult über die Friedenspreisträgerin 2000.


Assia Djebar
© Giovanni Giovanetti

Die Friedenspreisverleihungen an Martin Walser und Fritz Stern Ende der 90er Jahre wurden mit großer Emotionalität diskutiert und waren mit deutscher Geschichte, deutschen Verbrechen und Wunden verbunden. Da wirkte es fast wie eine Atempause,  als der Stiftungsrat im Jahr 2000 entschied, die algerische Schriftstellerin Assia Djebar zu ehren. 

Die literarische Stimme einer Frau aus dem Maghreb auszuzeichnen, das bedeutete auch, dem Friedenspreis im neuen Jahrtausend eine andere, mehr nach außen blickende Richtung zu geben. Heute wirkt die Wahl von Assia Djebar wie eine bedachte Vorausschau auf kommende Ereignisse – auf den für islamische oder islamisch geprägte Gesellschaften entstandenen und scheinbar nicht mehr ohne Gewalt lösbaren Konflikt, Tradition und Moderne miteinander zu verbinden.

»Ich wurde in einem muslimischen Glauben erzogen«, so die Preisträgerin in der Paulskirche, »der seit Generationen der Glaube meiner Vorfahren war, der mich emotional und geistig geprägt hat und gegen den ich mich auflehne wegen seiner Verbote, aus denen ich mich bisher nicht völlig lösen konnte.«

Bereits bei ihrem ersten Roman »La Soif« (Durst, 1957), der wegen seiner weiblichen Erotik und der Suche nach Selbstbestimmung wie eine Provokation auf ihr Herkunftsmilieu wirkte, versuchte Assia Djebar, diesen Konflikt durch die Wahl der Sprache zu lösen: »Das Französische war sozusagen der Preis für die neue Freiheit«, so ihre Laudatorin Barbara Frischmuth, denn »dieser unbändige Drang nach der Freiheit des Wortes und der Freiheit des Blicks, der dieser Dichterin aus Algerien eignet, hat es ihr ermöglicht, eine Literatur zu schreiben, die den Blick von außen auf die Kultur, der sie entstammt, ständig mit dem Leben in dieser Kultur konfrontiert.«

Uns so wurde neben der Auseinandersetzung über die Rolle der Frau auch der Islam zu einem der großen Themenkomplexe in ihrem literarischen Werk durch ihre „geradezu sehnsüchtige Annäherung an den Islam, nicht so sehr als Bekenntnis, denn als persönliche kulturelle Tradition und somit zum Eigenen gehörend“, wie ihre Laudatorin weiter feststellte.

Religion als Ausprägung von Kultur und als Einfluss auf die Kultur – zahlreiche Literaten gingen wie Assia Djebar diesen Weg und auch der damalige Bundespräsident Johannes Rau griff dies in seiner Tischrede nach der Friedenspreisverleihung auf: »Es gibt keine monokulturellen Nationen mehr und das (...) müssen wir durchstehen und gestalten, damit der Clash der Zivilisationen nicht über uns kommt, bloß weil wir nicht gemerkt haben, dass es sich um unterschiedliche Zivilisationen handelt, und nicht um böse Mächte. Ich glaube, das ist eines der Themen der nächsten Jahre, weil der Dialog der Kulturen und der Religionen unverzichtbar ist.«

Knapp ein Jahr später, nach den Anschlägen vom 11. September 2001, sollte dieser Ansatz eines Dialogs seine ‚Unschuld verlieren‘, als die politische – im Extremfall sogar die terroristische – Dimension von Religion in den Vordergrund trat, wie Jürgen Habermas in seiner Friedenspreisrede betonte: „Die Sprache der Vergeltung, in der nicht nur der amerikanische Präsident auf das Unfassbare reagierte, erhielt einen alttestamentarischen Klang. Als hätte das verblendete Attentat im Innersten der säkularen Gesellschaft eine religiöse Saite in Schwingung versetzt, füllten sich überall die Synagogen, die Kirchen und die Moscheen.“

Wer die Romane von Assia Djebar heute liest, begreift einerseits die Chancen, die in einer Verständigung zwischen den Kulturen, den Geschlechtern und nicht zuletzt auch den Religionen liegen. Deswegen hat der Stiftungsrat des Friedenspreises ihr Werk als „wichtigen Beitrag zu einem neuen Selbstbewusstsein der Frauen in der arabischen Welt“, als einen Beitrag für einen inneren Frieden in ihrer Heimat und somit als Zeichen der Hoffnung bezeichnet. Denn wer Religion allein aus der politischen Dimension zu begreifen versucht, wird scheitern. Das konnten und können wir von Assia Djebar und ihrem literarischen Werk lernen.