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Mit Haltung - Zum Tod von Richard von Weizsäcker

Richard von Weizsäcker war 50 Jahre lang Gast in der Frankfurter Paulskirche. Nachruf auf einen Bundespräsidenten, der wie kein zweiter mit dem Friedenspreis verbunden war.


1989 Weizsäcker und Schell
Hat 1989 für Václav Havel die Friedenspreisrede verlesen: Maximilian Schell, hier im Gespräch mit Richard von Weizsäcker, der mit seiner Anwesenheit in der Paulskirche ein wichtiges politisches Zeichen setzte.
© Werner Gabriel

FP 1989 Richard von Weizsäcker
Nah beim Volk und doch in der ersten Reihe. Richard von Weizsäcker bei der Friedenspreisverleihung 1989
© Werner Gabriel

FP 1984 Octavio Paz
Auf ihn hielt Richard von Weizsäcker 1984 die Laudatio: Octavio Paz, hier fotografiert von seiner Frau.
© Marie-José Paz

„Wer eigene Überzeugungen als Wahrheit absolut setzt und politisch instrumentalisiert, macht freies Zusammenleben von Menschen unmöglich.“ Was wie eine Haltung zur augenblicklichen politischen Situation klingt, spricht Richard von Weizsäcker bereits 1984 als frisch gewählter Bundespräsident bei der Laudatio auf Friedenspreisträger Octavio Paz aus. Eine Klammer öffnet sich, die sich 1993 – in seinem letzten Jahr als Bundespräsident – wieder schließt, als er die Laudatio auf Friedrich Schorlemmer hält.

Die Klammer umfasst zehn Jahre, in denen der Bundespräsident bei der Friedenspreisverleihung stets anwesend ist. Sie umfasst das Jahr 1985, in dem Weizsäcker mit seiner Rede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ auch für das deutsche Volk deklariert und ihm somit die Möglichkeit gibt, auf eine neue Weise Verantwortung für die Gräueltaten der Nationalsozialisten zu übernehmen. Kurz darauf besucht er als erster Bundespräsident Israel und im Oktober des gleichen Jahres ist er zugegen, als der Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek den Friedenspreis erhält. Seine Tischrede nutzt Weizsäcker, um von den Schwierigkeiten zu erzählen, die ein deutscher Politiker hat, wenn er mit zu großer Naivität die aus der eigenen Geschichte gemachten Erfahrungen in Israel zu vermitteln versucht: „In den Nahen und Mittleren Osten zu fahren und mit Pathos das Prinzip des Gewaltverzichts zu verkünden, hilft den Menschen in der Region sehr wenig.“ 

Die Klammer umfasst auch das Jahr 1989. Bei der Friedenspreisverleihung bleibt der Stuhl des Preisträgers Václav Havel zwischen Bundespräsident und Vorsteher demonstrativ leer. Hätte Havel den Preis persönlich entgegen genommen, er hätte nicht mehr zurück in sein Land reisen dürfen. Für ihn verliest Maximilian Schell die Rede. Die gemeinsame Teilnahme von Bundespräsident und Bundeskanzler an der Verleihung wird international als starkes politisches Statement gewertet, als Solidaritätsbekundung mit denen, die sich im Osten Europas für die Freiheit einsetzen. Sechs Wochen später wird Václav Havel zum tschechoslowakischen Präsidenten gewählt.

Als Weizsäcker 1993 – vier Jahre nach dem Fall der Mauer – die Laudatio auf Schorlemmer hält, wird an einer Stelle deutlich, dass es am Ende seiner Amtszeit noch viele offene Fragen gibt, denen auch er sich stellen wird: „Wie halten wir es mit einer Koalition der Vernunft im Angesicht unserer großen mitmenschlichen und sozialen Aufgabe der Vereinigung, der gewachsenen Arbeitslosigkeit in Ost und West, der notwendigen Hilfe für die Reformprozesse in Osteuropa, der Leiden und Flüchtlingsschicksale auf und aus dem Balkan?“

Die Rolle hierzu hat er gefunden, wie Gunter Hoffmann in seiner Biographie über den „Bundespräsidenten außer Dienst“ im Jahr 2010 schreibt: „Er hat das Kunststück fertiggebracht, zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit seine Rolle so auszutarieren, dass er dabei keinem amtierenden Präsidenten in die Quere kommt“, und dabei doch so viele Zeichen setzen kann, dass er für die Bevölkerung der „ideale“ Bundespräsident bleibt, auf dessen Meinung man Wert legt.

Und dies beschreibt eine zweite Klammer, die den Menschen – den Vor- und Nach-Präsidenten – mit dem Friedenspreis verbindet und die auch Gottfried Honnefelder bei der Verleihung der Plakette „Dem Förderer des Buches“ an Weizsäcker hervorhebt. Sichtbar ist er in der Paulskirche nämlich mindestens seit 1963, als sein Bruder Carl Friedrich die Ehrung erhält. Die Verleihung an den chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu 2012 ist seine 50. und zugleich die letzte. Das hohe Alter lässt einen weiteren Besuch, zu dem immer auch ein Gang mit seiner Ehefrau Marianne über die Frankfurter Buchmesse gehört, nicht mehr zu. Er wird uns fehlen, denn es ist nur allzu wahr, was Gunter Hoffmann über Richard von Weizsäckers Besuch 2009 geschrieben hat: „Während der Rede von Claudio Magris zur Verleihung des Friedenspreises saß er in der ersten Reihe der Paulskirche, als hätte er dort seinen Stammplatz.“

Martin Schult