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Alfred Grosser - Der Nestor des Friedenspreises wird Neunzig

Dass sich Franzosen und Deutsche wieder die Hände reichen, ist nicht zuletzt sein Verdienst. Am 1. Februar hat Alfred Grosser, Friedenspreisträger von 1975, seinen 90. Geburtstag gefeiert.


Alfred Grosser
© Ursula Assmus

Als Alfred Grosser 1975 mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wurde, war er mit 50 Jahren der jüngste Preisträger, dem diese Ehrung für sein Lebenswerk zuteilwurde. Heute, vierzig Jahre später, steht sein Wort bei wichtigen Fragen zum deutsch-französischen Zusammenleben, ja zum Zusammenleben überhaupt, immer noch Gewicht in der Medienlandschaft. Alfred Grossers Ansichten sind erwünscht und sie sind notwendig  -ob über Pegida, die Anschläge auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt in Paris oder über den Ersten Weltkrieg. Hierzu hat Grosser 2014 im Deutschen Bundestag eine Rede gehalten und dabei aus einer aktuellen Umfrage zitiert. Auf die Frage „Wer ist der vertrauenswürdigste Verbündete Frankreichs?“ antworteten 82 Prozent der befragten Franzosen: „Deutschland“. „Darauf wage ich, etwas stolz zu sein“, gestand Grosser bei seinem Auftritt in Berlin.

 Die Entscheidung des gebürtigen Frankfurters, dessen Familie 1938 nach Paris flüchten musste, sein Leben in den Dienst der Verständigung zu stellen, fiel - wie er selbst oft erzählt – in einer Nacht im August 1944, nachdem die BBC berichtet hatte, dass die alten und gebrechlichen Juden, die in Theresienstadt interniert waren – darunter auch Tante und Onkel von Grosser –, nach Auschwitz überführt wurden. Trotz dieser und weiterer Schreckensmeldungen kam der Zwanzigjährige in dieser Nacht zu dem Schluss, dass es keine Kollektivschuld der Deutschen gebe und er eine Mitverantwortung für die Zukunft einer freiheitlichen Demokratie in Deutschland zu tragen habe.

So wurde Grosser 1950 stellvertretender Leiter des UNESCO-Büros in Bonn. Anschließend nahm er eine Dozentenstelle an der Sorbonne an und wurde 1956 Forschungsdirektor an der «Fondation nationale des sciences politiques» und Professor am «Institut d’études politiques» in Paris. In zahlreichen Büchern und Artikeln beschäftigte er sich mit der Aussöhnung zwischen Franzosen und Deutschen und gilt als einer der intellektuellen Wegbereiter des Elysée-Vertrags. 1971 hielt er die Laudatio auf die Friedenspreisträgerin Marion Gräfin Dönhoff, vier Jahre später erhielt er dann selbst die Auszeichnung.

Gleichwohl wird Alfred Grosser auch als Querdenker angesehen, als Widerredner, der mit seinen Meinungen oftmals aneckt und dessen offen geäußerte Israel-kritische Haltung bei vielen Menschen Distanziertheit auslöst. Doch wenn er mit seinem typisch ironischen Lächeln die Auffassung anderer so lange hinterfragt, bis diese zu verzweifeln scheinen, tut er dies allein aus seinem verinnerlichten Verständnis heraus, dass die freie Äußerung von Meinungen genauso unabdingbar ist, wie die Kritik an ihnen. Dies wurde auch bei der Friedenspreisverleihung 1983 ersichtlich, als Alfred Grosser die Dankesrede für den erkrankten Preisträger Manès Sperber vortrug. Hinter jeder Aussage Sperbers, mit der Grosser nicht einverstanden war, fügte er den Zusatz „sagt Manès Sperber“ hinzu, um sowohl die Auffassung Sperbers vorzutragen als auch seine eigene Meinung dazu nicht zu verheimlichen.

Am 1. Februar hat Alfred Grosser seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert. Wenn ihn seine unerschütterliche Gesundheit nicht verlässt, wird er uns auch in den kommenden Jahren immer wieder hinterfragen und uns mit diesem spitzbübischen Lächeln anzuschauen, wenn wir ins Stocken geraten. Weiter so, Nestor des Friedenspreises!

Martin Schult