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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2014 an Jaron Lanier

Der amerikanische Informatiker, Musiker und Schriftsteller Jaron Lanier ist heute, 12. Oktober 2014, mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Verleihung fand vor rund 1.000 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt, unter ihnen Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Die Laudatio hielt der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz.


Jaron Lanier
© Lena Lanier

Jaron Lanier sprach sich in seiner Dankesrede für die Synthese aus dem Besten der prä-digitalen und der digitalen Systeme aus. Er plädierte für einen neuen Humanismus. „Der neue Humanismus ist, wie früher, der Glaube an den Menschen, doch speziell in der Form einer Ablehnung von künstlicher Intelligenz. Das hieße nicht, irgendeinen Algorithmus oder roboterhaften Mechanismus zu verwerfen. Jeder einzelne vermeintlich künstlich intelligente Algorithmus kann genauso gut als nicht-autonome Funktion verstanden werden, die dem Menschen als Werkzeug dient. Diese Ablehnung gründet nicht auf dem irrelevanten Argument, das häufig vorgeschoben wird, nämlich den Grenzen der Möglichkeiten, sondern vielmehr darauf, dass es immer Menschen geben muss, um einen Computer wahrzunehmen, damit er überhaupt existiert. Ohne Menschen sind Computer Raumwärmer, die Muster erzeugen“, so Lanier.  

Der Friedenspreisträger glaubt an die menschliche Besonderheit. „Wenn wir nur zugeben würden, dass immer noch Menschen gebraucht werden, um die Big Data herzustellen, und wenn wir willens wären, unsere Fantasien von künstlicher Intelligenz zu zügeln, dann könnten wir vielleicht ein neues Wirtschaftsmuster erschaffen, in dem auch in den Ergebnissen der digitalen Wirtschaft die Glockenkurve statt des Starsystems auftaucht. Daraus könnten tragfähige Gesellschaften entstehen, die nicht der Austerität zum Opfer fallen, ganz gleich wie gut oder scheinbar „automatisiert“ die Technologie ist“, so Lanier. Wir haben die Wahl, sagt Lanier. „Der springende Punkt, die grundlegende Position, von der wir nicht abweichen dürfen, ist: Wir müssen anerkennen, dass es Raum für Alternativen gibt. Das Muster, das wir heute sehen, ist nicht das einzig mögliche Muster, es ist nicht unabwendbar.“ 

„Gut, dass Jaron Lanier heute diesen Preis erhält“, sagte  Martin Schulz in seiner Laudatio. „Er bekommt ihn auch stellvertretend für alle, die diese wichtige Debatte über die digitale Zukunft führen. (…) Denn der Aushandlungsprozess, in dem wir uns derzeit befinden, die Frage also, welche digitale Vision sich im 21. Jahrhundert durchsetzen wird, ist eine Frage des Friedens. Sie betrifft uns alle. Sie entscheidet über unsere zukünftige Freiheit, über Gerechtigkeit und ob wir in einer humanen, solidarischen, pluralistischen und kreativen Welt leben werden.“ Es gibt keine Trennung zwischen analoger und digitaler Welt, meint Schulz. „Bei fast allen sogenannten Netz-Fragen geht es im Wesentlichen um gesellschaftspolitische Fragen, die wir schon in der analogen Welt kannten. Deshalb ist es nicht entscheidend, was Netzpolitiker oder Netzaktivisten sagen, sondern auch derjenige, der kein digital native ist, hat ein Mitspracherecht in dieser Diskussion. Denn wenn wir diese Fragen allein den technischen Experten, den Programmierern und Nerds überließen, lebten wir in einem selbstreferentiellen System, es käme zur Herrschaft der Ingenieure und Mathematiker, zu einer Expertenregierung im Platon´schen Sinne. Das wäre dann sicher keine Demokratie mehr.“ 

„Im Kern geht es bei der vor Jahren auch von Jaron Lanier angestoßenen Debatte darum, ob es der Menschheit gelingt, die Individualität des Einzelnen und damit seine Freiheit zu erhalten, ohne die Vorteile der digitalen Welt zu verlieren, oder ob wir uns in immer größere Abhängigkeit von Maschinen begeben und der Mensch zum Algorithmus wir“, sagt Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins. „Jaron Lanier begnügt sich nicht mit der Rolle des Analysten und Mahners, sondern er entwickelt Lösungen, wie wir der Gefahr dieser Abhängigkeit von Technik und Maschinen Herr werden können.“ Es sei dieses Streiten für eine Gesellschaft, die dem Menschen dient, das ihn mit den anderen Friedenspreisträgern verbindet.