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Siedler verklagen Amos Oz wegen Verleumdung und Aufwiegelung

Der Friedenspreisträger von 1992 kritisiert nach vermehrten Angriffen gegen Palästinenser und deren Einrichtungen das Verhalten jugendlicher jüdischer Extremisten und bezeichnet sie als hebräische Neonazis. Eine Zusammenfassung von Martin Schult


Amos Oz
© Ron Rotem

In jüngster Zeit häufen sich in Israel die Angriffe gegen Palästinenser und ihre Einrichtungen, aber auch gegenüber christlichen Institutionen im Land. Wie die Jüdische Allgemeine am 8. Mai 2014 berichtet, wüten bereits seit mehreren Wochen jüdische Extremisten gegen Palästinenser. In Furaidis, einer rein von Arabern bewohnten Stadt nördlich von Jerusalem, wurden die Wände der dortigen Moschee mit Sätzen wie „Wir werden statt Moscheen Jeschiwot (Talmudschulen) bauen“ und „Alle Araber sind Kriminelle“ beschmiert. Diese auch mit „Tag mechir“ (Preisschild-Attacken) bezeichneten Übergriffe gegen Araber wurden anschließend von israelischen Politikern wie Staatspräsident Shimon Peres und Zipi Livni scharf verurteilt. „Heute Morgen bin ich inmitten von Rassismus und Hass aufgewacht“, schrieb die israelische Justizministerin am Tag nach den Übergriffen in Furaidis. Sicherheitsminister Yitzak Aharonovitch bezeichnete diejenigen, die so etwas tun, sogar als „Terroristen“.

Mehr als doppelt so viele  Angriffe auf heilige Stätten wie noch vor zwei Jahren

Die Täter könnten aus dem Umfeld der nationalreligiösen jüdischen Siedlerjugend, der so genannten „Hügeljugend“ stammen, die für ihre Ziele explizit auch Gewalt in Kauf nimmt. Die „Tag mechir“ waren vor einigen Jahren in der für ihre extremistischen Auffassungen bekannten Siedlung Yizhar aufgekommen und richtet sich besonders gegen die ihnen zu „araberfreundliche Regierungspolitik“. Die Attacken sollen verdeutlichen, dass Kritik seinen „Preis“ hat. „Bislang“ so die Deutsche Welle (29. Dezember 2013) in einem Bericht über „Vandalismus auf dem Zionsberg“ auf ihrer Webseite, haben sich „ihre Angriffe vor allem gegen Muslime im israelisch besetzten Westjordanland gerichtet: Olivenhaine werden zerstört, Moscheen angezündet. Zunehmend sind auch säkulare jüdische und christliche Einrichtungen Ziel der Hass-Attacken. Die Angriffe auf Personen oder heilige Stätten treffen aber nicht nur Christen. Auch die Schändung von Moscheen, Synagogen, muslimischen und jüdischen Friedhöfen hat zugenommen: 2013 wurden insgesamt 39 Angriffe auf heilige Stätten von der Organisation Search for Common Ground registriert. Das seien mehr als doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren.“ Gegen die meist jugendlichen Extremisten scheint man aber nicht hart durchgreifen zu wollen, wie der ehemalige Mossad-Chef Shabtai Schavit kritisierte: „Israel ist ein Rechtsstaat, der seine eigenen Gesetze nicht umsetzt.“

„Wir wollten doch wie alle anderen Völker sein.“

Vor diesem Hintergrund hat Amos Oz am 9. Mai in Tel Aviv anlässlich einer Feier zu seinem 75. Geburtstag die Verantwortlichen für diese Attacken scharf kritisiert. Er könne, so Oz laut dem Nachrichtensender Channel 2 News, Begriffe wie „Hügeljugend“ und „Preisschild-Attacken“ nicht mehr hören. Sie seien lediglich „liebliche Namen für ein Monster, das benannt werden sollte, was es ist: Hebräische Neonazigruppen“. Vielleicht, so fügte er hinzu, sei der einzige Unterschied zwischen den Neonazigruppen in aller Welt und den Tätern dieser Hassverbrechen in Israel, „dass unsere Neonazigruppen die Unterstützung von vielen nationalistischen oder gar rassistischen Abgeordneten genießen, als auch von denjenigen Rabbis, die ihnen etwas geben, was man meiner Meinung nach als pseudoreligiöse Rechtfertigung bezeichnen kann“ (Haaretz am 10. Mai 2014). In dem Bericht der taz vom 11. Mai 2014 zeigt sich die Enttäuschung des Friedenspreisträgers über diese Entwicklung besonders deutlich: „Wir wollten doch wie alle anderen Völker sein. Wir hatten gehofft, dass der Tag kommen würde, an dem es einen hebräischen Dieb und eine hebräische Hure geben wird.“ Und nun habe man hebräische Neonazigruppen.

Die Reaktionen auf seine Äußerungen, besonders von rechtsorientierten Politikern und Zeitungen, fielen scharf aus. Bauminister Uri Ariel von der Siedlerpartei (!) sprach laut der israelischen Zeitschrift Arutz Sheva vom 10. Mai von einer schlimmen Herabsetzung des Holocausts: „There is no way of comparing Nazism, the essence of which was annihilation of other nations in the name of the superiority of the Aryan race, to spraying graffiti and puncturing of tires. Price Tag is a serious crime that the Shin Bet and police must put an end to, and its perpetrators must be put on trial, but until now, they have failed in their mission.”

Nobelpreis für “Rassismus”

Der Knesset Abgeordnete Shuly Moallem von der haBajit haJehudi-Partei (Jüdisches Heim) sprach sich sogar dafür aus, dem Schriftsteller einen „Nobelpreis für Rassismus“ zu verleihen. Unterstützung fand Oz hingegen durch Fouad Twal, den Patriarchen von Jerusalem, den die Zeitschrift The Telegraph am 12. Mai zitiert: „The unrestrained acts of vandalism poison the atmosphere — the atmosphere of coexistence and the atmosphere of collaboration, especially in these two weeks prior to the visit of Pope Francis.”

Vergangenen Montag (12. Mai) nun präzisierte Amos Oz in der Zeitschrift Ma’ariv seine Aussagen: „Ich bin gegen Vergleiche mit Nazis. Den Vergleich, den ich gemacht habe, hat sich auch nicht auf Nazis bezogen, sondern auf Neonazis. Nazis haben Krematorien und Gaskammern gebaut. […] Ich wollte aber schockieren. Es ist an der Zeit zu begreifen, dass es keine Unterschiede zwischen unseren Neonazis und denen gibt, die in Europa agieren – sie schänden Friedhöfe, schlagen unschuldige Menschen, zerstören Besitz, entwurzeln Bäume, schreiben rassistische Sprüche – all dies wird von Neonazis in Europa gemacht, aber auch von Neonazis in Israel.“

„In diesem Sinne hat Amos Oz Recht“, schrieb der israelische Schriftsteller Jonathan Rosen in der Jerusalem Post vom 14. Mai. „Die demokratische Rechte in Israel hat es nicht nötig, derart defensiv auf die Hass-Verbrechen des extrem antidemokratischen rechten Rands im Lande zu reagieren.“ Ob die Präzisierungen von Amos  Oz zu einer Beruhigung führen werden, ist zweifelhaft. Eine regionale Siedlervereinigung hat Klage gegen ihn wegen Verleumdung und Aufwiegelung eingereicht. Sagi Keisler, der Vorsitzende der Siedlervereinigung von Binyamin und Samaria, sagte der Jerusalem Post, dass er erwarte, dass die Polizei Amos Oz in den kommenden Stunden in Arrest nehmen wird. Diese Erwartung, formuliert am 11. Mai, hat sich zum Glück für Israel nicht erfüllt.

„Ich wünsche mir Frieden in dieser Region, noch zu meinen Lebzeiten.“

Amos Oz hat sich immer wieder – auch im Vorfeld zu seinem 75. Geburtstag – gegen die israelische Besatzungspolitik ausgesprochen. Eine Friedensregelung sei letztlich nur eine Frage der Zeit, hat er gegenüber den Salzburger Nachrichten (4. Mai 2014) betont: „Die Palästinenser werden nirgendwo hingehen und auch die Israelis bleiben hier. Europa hat nach 2000 Jahren des Blutvergießens und Mords Frieden gefunden, wir - Juden und Araber - werden dafür weniger Zeit brauchen.“ Zu seinem 75. Geburtstag hat er nur einen Wunsch: „Ich wünsche mir Frieden in dieser Region, noch zu meinen Lebzeiten.“

Vielleicht tragen seine provokanten Aussagen zu einer Wiederbelebung der Diskussion in Israel selbst bei. Doch angesichts des vorherrschenden Meinungsbilds in Israel und der jüngst durch Netanjahu geäußerten Ansichten zu einem momentan sehr unwahrscheinlich zustande kommenden Zwei-Staaten-Abkommens darf dies bezweifelt werden.