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„Ein ‚Beweisstück' für die Verbrechen des chinesischen Staates“

Friedenspreisträger Liao Yiwu über Ai Weiwei und seine Kunst-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau


2012 Liao Yiwu

Am 2. April wurde Ai Weiweis bisher weltgrößte Kunstausstellung im Berliner Gropius-Museum eröffnet. Genau drei Jahre zuvor, an ebendiesem Tag, hatte man Ai Weiwei am Flughafen in Peking „verschwinden“ lassen. Er wurde 81 Tage lang an einem unbekannten Ort festgehalten.

Ai Weiwei darf China immer noch nicht verlassen, deshalb wollten die deutschen Medien unbedingt mich in Berlin interviewen. Schließlich haben Ai Weiwei und ich wiederholt Dinge gemacht, welche die chinesische Regierung das Gesicht verlieren ließen. So haben wir 2013 gemeinsam einen Aufruf verbreitet, den inhaftierten Dichter Li Bifeng freizulassen. Dabei hat Ai Weiwei sich trotz Hausarrest persönlich bei den Aktionen für Li Bifeng beteiligt, er hat über eine Internetverbindung mit mir zusammen dessen Gedichte rezitiert, „In einem solchen Land können wir nur noch Winterschlaf halten“. Und vor zwei Jahren, als der KP-Funktionär Mo Yan den Nobelpreis für Literatur erhielt, hat Ai Weiwei zusammen mit mir die Entscheidung der Schwedischen Akademie scharf verurteilt. Ai Weiwei nannte Mo Yan einen „Lumpen“ und rief mich über Twitter auf, nach Stockholm zu fahren und dort zu protestieren. Ai ermutigte außerdem meinen guten Freund, den Künstler Meng Huang, bei der Preisverleihung draußen vor dem Sitz der Akademie nackt über die Straße zu laufen, mitten im schwedischen Winter. Ich habe Meng Huang dabei assistiert. Wir wurden beide verhaftet und saßen sechs Stunden in Polizeihaft. Es war eine Protest- und Kunstaktion, auf die wir stolz sein können.

Von allen Künstlern Chinas steht mir Ai Weiwei vom Schicksal her am nächsten. In Berlin haben mich die Fernsehleute noch vor der Eröffnung der Ausstellung zu dem Modell des geheimen Gefängnisses geführt, in dem Ai Weiwei 81 Tage festgehalten wurde. In den 18 Hallen dieser Ausstellung ist es das herausragende Kunstwerk. Ai Weiwei hat sein Gefängnis aus dem Gedächtnis nachgebaut und schickt es per Luftpost in fremde Länder. Die Reporter fragten mich: „Gleicht es jenem Gefängnis, das Sie in Ihrem Buch ‚Für ein Lied und 100 Lieder‘ beschrieben haben?“ Ich sah mir das Bett genauer an. Dann sagte ich: „Mein Bett war eine gemeinsame Schlafstätte für über ein Dutzend Gefangene. Man lag Haut an Haut, Fleisch an Fleisch, jeder schlief auf der Seite. Ai Weiwei hingegen war damals schon der international einflussreichste chinesische Künstler und außerdem auch der dickste, deshalb bekam er ein so großes Bett.“

Die Reporter lachten. Dann fragten sie weiter: „Hatte Ihr Gefängnis auch Überwachungskameras?“ – „Nein. Meine Zelle war oben offen, und rundherum gab es kleine Fenster. Die bewaffneten Wärter patrouillieren 24 Stunden. Wenn du die Regeln brichst, schießen sie.“ Dann inspizierte ich mit dem Reporter die Toilette. An der Wand hängen mehrere Kameras, die Wachhabenden konnten elektronisch nicht nur Ai Weiweis großen Schädel, sondern auch seinen dicken Hintern aus der Nähe beobachten.

Ich war von der Gefängnis-Rekonstruktion gerührt. Der Künstler hinterlässt damit ein „Beweisstück“ für die Verbrechen des chinesischen Staates. Als Schriftsteller, der vor der Geschichte Zeugnis ablegt, sehe ich in Ai Weiwei einen Kollegen. Denn auch ich hinterlasse solche Belege, doch sind sie schriftlicher Art.Vor drei Jahren an ebendiesem Tag wollte ich ebenfalls vom Pekinger Flughafen aus ins Ausland fliegen. Salman Rushdie hatte mich zu einem Literaturfestival nach New York eingeladen. Visum und Ticket waren schon bereit. Yan Lianke hat es als Schriftsteller innerhalb des Systems nach New York geschafft, mir war es nicht vergönnt – Salman Rushdie konnte bei der Eröffnung nur einen leeren Stuhl für mich hinstellen.

Die Polizei warnte mich vor: Wenn ich am Pekinger Flughafen unbedingt versuchen würde, über die Grenze zu gelangen, werde man mich „eine Zeitlang verschwinden lassen“. Damals ging im Gefolge der Erhebung in Tunesien in China die virtuelle „Jasmin-Revolution“ um, die Kommunistische Partei war in Panik und verhaftete viele Oppositionelle. „Verschwinden lassen“ wurde zum berühmtesten Wort im chinesischen Internet.

Als Gefängnis-Veteran wusste ich, wie der Hase läuft, ich täuschte Gehorsam vor und unterließ es, auf dem Pekinger Flughafen das Verbot zu testen. Ich wartete drei Monate ab und gelangte schließlich zu Fuß nach Vietnam. Ai Weiwei seinerseits war nicht so schlau wie ich, er war viel berühmter und mutiger, deshalb hörte er nicht auf die Warnung der Polizei. Er kam mit seinem Ticket zur vorgesehenen Zeit an den Flughafen, und man ließ ihn „verschwinden“, für 81 Tage. Als er aus dem Gefängnis herauskam, war er verhärmt und abgestumpft, er hatte über fünfzehn Kilo abgenommen.

Für ihn und mich, und auch für die Generation, die nach uns kommt, lohnt es sich, den 2. April im Gedächtnis zu behalten.

Aus dem Chinesischen von Martin Winter.

Herzlichen Dank an Liao Yiwu und seinen Übersetzer Martin Winter für die Erlaubnis, den Artikel auf der Friedenspreiswebseite veröffentlichen zu dürfen. Er ist unter dem Titel „Winterschlaf halten“ erstmals am 8. Mai 2014 in der „Neue Zürcher Zeitung“ in der Schweiz erschienen. Die Ausstellung „Ai Weiwei – Evidence ist noch bis zum 7. Juli 2014 im Martin-Gropius-Bau Berlin, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, zu sehen.