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"Wir brauchen einen wahren algerischen Frühling!"

Interview mit Boualem Sansal zu den algerischen Präsidentschaftswahlen am 17. April 2014


Boualem Sansal
© C. Hélie Gallimard

Heute am 17. April 2014 finden in Algerien Präsidentschaftswahlen statt. Alle erwarten, dass der jetzige Präsident Abd al-Aziz Bouteflika, der seit 1999 im Amt ist, trotz schwerer Erkrankung wiedergewählt wird. Mithilfe des Parlaments hat Bouteflika in der Vergangenheit die Voraussetzungen für die Präsidentschaftswahlen soweit geändert, dass kein anderer Kandidat sich ernsthaft Chancen ausrechnen kann.
Der algerische Autor Boualem Sansal, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2011, bekannt für opulente Romane, streitbare Essays, die ihm die Sorge um die Zukunft seines Landes diktiert (zuletzt „Allahs Narren“, 2013), und sein globales Engagement für den Frieden in der Welt, spricht im Interview mit Regina Keil-Sagawe über die Hintergründe der Wahl. 

Monsieur Sansal, Sie waren ein hoher Beamter im algerischen Industrieministerium, zuständig für die Umstrukturierung der algerischen Wirtschaft. 2001, nach der Veröffentlichung Ihres ersten Romans, Der Schwur der Barbaren, und Ihrer Kritik an Staatspräsident Bouteflika, den Sie einen „Gauner“ (voyou) nannten, wurden Sie arbeitslos. Bouteflika stand damals am Beginn seiner ersten Amtszeit. Mittlerweile scheinen die meisten Algerier Bouteflika abzulehnen, der sich trotz schwerer Krankheit und hohen Alters zu einer vierten Amtszeit rüstet. Von den rund hundert Kandidaten sind nach der Vorrunde nur noch sechs im Rennen: neben Bouteflika Ali Benflis, Abdelaziz Belaid, Moussa Touati, Rebaine Fewzi sowie Louisa Hanoune als einzige Frau. Wer wird Ihrer Meinung nach das Rennen machen? 

„Niemand ist Prophet im eigenen Land“, wie man so sagt. Als ich im Jahr 2000 Bouteflika einen Gauner nannte, haben meine Landsleute mir das sehr verübelt, sie hatten sich von ihm einwickeln lassen, wie übrigens auch die westlichen Regierungen, die in ihm einen arabischen Gorbatschow sahen, der dieses reformresistente Algerien erneuern und dadurch vielleicht eine Reformbewegung in der gesamten arabischen Welt auslösen könnte. Außerdem gab es Erdöl und ein dickes Scheckheft, was ihn zu einem interessanten Gesprächspartner machte. Drei Amtszeiten später sieht die Realität schlimm aus: Bouteflika hat das Land politisch, wirtschaftlich und vor allem moralisch ruiniert, davon werden wir uns nicht so schnell erholen.
Wenn in einem Land über hundert Leute für das Amt des Präsidenten kandidieren, dann kann das nur heißen, dass Anstand und Moral dort auf dem Tiefstand sind. Kandidaten mit redlicher Gesinnung hätten versucht, sich um eine glaubwürdige Leitfigur herum zu gruppieren, um Bouteflika zu verjagen und eine neue algerische Republik zu gründen, einen Rechtsstaat. Stattdessen erlebt man eine wilde Jagd nach der Macht, diese Leute haben sich gesagt: Bouteflika ist krank und wird bald sterben, die Armee gespalten und korrupt, der Thron vakant, nur zu, jetzt wollen wir mal profitieren. Aber Bouteflika ist nicht tot, sein Gesundheitszustand verbessert sich, und sein Clan, den sein Bruder Saïd führt, ist auf der Hut.
Wie es weitergeht, liegt auf der Hand: Bouteflika tritt eine vierte Amtszeit an, doch ohne wirklich zu regieren. Seit 2013, als Bouteflika lange in Frankreich im Krankenhaus lag, steht das Land unter der Fuchtel seines Bruders sowie der großen Armeechefs und Geheimdienstbosse. Die westlichen Regierungen haben nichts dagegen, sie wünschen keinen „Arabischen Frühling“ mehr, das bringt nur Chaos mit sich. 

Sie haben bereits eine Kulturministerin. Hätte eine Frau in Algerien denn auch eine Chance, Präsidentin zu werden? 

Noch nie in der Geschichte der arabo-islamischen Welt lag die oberste Macht im Staat bei einer Frau. Das war einfach undenkbar, ist es bis heute und wird es noch lange Zeit bleiben. Die Organisation der arabischen (patriarchalisch und tribal geprägten) Gesellschaft, ihre Kultur, ihre Traditionen und vor allem ihre Religion erlauben es nicht, dass eine Frau Chef des Volks der Gläubigen und Krieger wird. Andererseits hatten auch die USA in der langen Reihe ihrer 44 Präsidenten von George Washington bis Barack Obama bisher keine einzige Frau!
Khalida Toumi, die algerische Kulturministerin, auf die Sie anspielen, ist übrigens eine Dame von Mittelmaß, die sich damit zufriedengibt, Bouteflika und seinem Bruder zu dienen, der die Funktion des Regenten erfüllt. Die Frauenemanzipation in unserem Land wird noch lange auf sich warten lassen. 

In der heißen Endphase des Wahlkampfs kommt es zu Unruhen im ganzen Land (in Bejaia in der Kleinen Kabylei gewaltsame Demos gegen Bouteflikas Wahlkampfleiter, Premierminister Sellal; Zusammenstöße zwischen sunnitischen Arabern und berberstämmigen Mozabiten in Ghardaia, im M’zab; Ruhe dagegen in Bouteflikas Hochburg, dem Oranais), die längs ethnischer und tribaler Konfliktlinien zu verlaufen scheinen: steht das Land am Ende vor der Zerreißprobe?  

In Algerien geht es das ganze Jahr über rund, nicht nur zu Wahlkampfzeiten. Täglich wird demonstriert, gestreikt, kochen ethnische Konflikte hoch, kommt es zu Bauernaufständen. Doch nicht eine dieser Bewegungen ist von nationalem Ausmaß. Nichts davon geht über den örtlichen, berufsständischen, ethnischen Rahmen hinaus, mobilisiert alle im Land, um geschlossen zu handeln. Die einzigen Phänomene, die eine Gesamtdynamik schaffen könnten, um Land und Regime zu destabilisieren, sind Wirtschaft und Religion.
Der wirtschaftliche Niedergang mit seinen Begleiterscheinungen, den Versorgungsengpässen und der Korruption, hat zu den Revolten vom Oktober 1988 geführt. Aber heute hat die Regierung Milliarden von Dollar zur Verfügung und erkauft sich den sozialen Frieden, indem sie das Geld zum Fenster hinauswirft.
Auch die Religion hätte das Zeug, Algerien neuerlich ins Chaos zu stürzen, aber die zu Zeiten des Bürgerkriegs getroffenen Sicherheitsvorkehrungen sind bis heute in vollem Umfang erhalten und verhindern jede Bewegung, in die eine wie die andere Richtung. Die Diktatur ist reich und mit Geld lässt sich alles tun. Die Algerier haben gelernt, auf Kredit zu leben und wie die Amerikaner zu konsumieren, sie wollen nicht, dass sich das ändert.  

Und der Einfluss des Auslands? Wie interpretieren Sie den Blitzbesuch des amerikanischen Außenministers John Kerry Anfang April bei Bouteflika? 

Derlei Besuche sind ein Geschenk des Himmels für Bouteflika, der völlig isoliert auf der Weltbühne dasteht. Sie geben seinen Propagandadiensten die Gelegenheit, zu verkünden, dass es Bouteflika gut gehe, dass er international geachtet werde und seine Meinung bei den Mächtigen dieser Welt gefragt sei. Die Realität ist eindeutig eine andere: Niemand fragt nach Bouteflika, nicht ihm gelten diese Besuche, sondern den algerischen Armee- und Geheimdienstchefs, von denen man erfahren möchte, wie sie die großen Themen, die auf der Agenda stehen, angehen wollen: die Nach-Bouteflika-Ära, die Frage des FIS und des Terrorismus, die algerischen Erdölvorkommen. Man möchte wissen, wer der algerische Sissi ist oder wer es sein wird, sollte es zu einem algerischen Frühling kommt, der eskaliert. So jedenfalls interpretieren die Algerier solche Blitzbesuche, die zu einem Zeitpunkt stattfinden, da die politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Algerien und den Mächtigen de facto auf ein Minimum geschrumpft sind. 

Arbeitslosigkeit, Korruption, die Verachtung der Hierarchie für das algerische Volk … was braucht es Ihrer Meinung nach, um Algerien aus der Sackgasse herauszuholen …? 

Wir brauchen einen wahren algerischen Frühling. Der vom Oktober 1988 war eine Katastrophe, er ist zum Bürgerkrieg ausgeartet. Bleibt nur zu hoffen, dass der nächste ein echter Frühling werden wird. Aber wer glaubt schon daran? Meiner Meinung nach niemand, denn die arabische Welt müsste ja mit einem Schlag all jene Revolutionen durchführen, die den Westen aus dem Mittelalter in die Postmoderne geführt haben – auf philosophischem, religiösem, wissenschaftlichem, wirtschaftlichem und sexuellem Gebiet zugleich. Sämtliche politischen Revolutionen in der arabischen Welt sind bisher daran gescheitert, dass solche radikalen Transformationen bisher ausgeblieben sind; sie hätten ihnen vorhergehen oder sie zumindest begleiten müssen. 

Einer Ihrer Schriftstellerkollegen, Yasmina Khadra, hat für das Präsidentenamt kandidiert, nun aber aufgegeben. Hatte er Ihrer Meinung nach überhaupt eine Chance? Und haben Sie selbst jemals erwogen, sich politisch für Ihr Land zu engagieren, Sie, deren Bücher, Romane und Essays (Postlagernd: Algier. Zorniger und hoffnungsvoller Brief an meine Landsleute; Maghreb – Eine kleine Weltgeschichte) doch ein Aufruf zu Frieden und Toleranz, zu Demokratie und Transparenz in Algerien sind? 

Ich finde es sehr gut, dass Yasmina Khadra sich im Präsidentschaftswahlkampf engagiert hat. Er konnte einen neuen Stil in die politische Debatte einbringen. Er war natürlich nicht weltfremd, er wusste, dass man ihm den Weg versperren würde. Ich bedauere nur, dass er sich völlig aus der Kampagne zurückgezogen hat; er hätte sich weiterhin zu Wort melden können, vor allem indem er das Verhalten der Regierung kritisiert, die sich völlig in den Dienst des Kandidaten Bouteflika gestellt hat.
Ich für mein Teil habe andere Formen des Engagements gewählt, ein unparteiisches, nicht direkt politisches Engagement, das auf bestimmten Werten wie Demokratie, Frieden, Laizität oder der Frauenemanzipation beruht. Ich brauche keine politische Partei, um mich zu artikulieren. 

Ihr Schlusswort? Glauben Sie, dass die Algerier massenhaft zur Wahl gehen werden?  

Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2009, bei der Bouteflika ein drittes Mandat eingefahren hat, nachdem er zuvor die Verfassung gebeugt hatte, um die Zahl der Mandate auf zwei zu begrenzen, lag die Wahlbeteiligung unter 20%. Wenn man das Desinteresse der Algerier an der Kampagne für Bouteflikas vierte Amtszeit sieht, würde ich sagen, dass die Wahlbeteiligung unter 10% liegen wird. Die offiziell verkündeten Zahlen werden natürlich eines Bouteflika würdig sein, sie werden wie üblich über 90% liegen.
Die wirklich spannende Frage ist folgende: Werden die Algerier sich einmal mehr von einem kranken, impotenten Alten überfahren lassen? Werden sie das Wahlergebnis anfechten? Meiner Meinung nach wird nichts passieren, ein paar Protestdemos dürfte es geben, aber ohne jede Konsequenz. Die Regierung wird Lohnerhöhungen in Aussicht stellen – und das wird es dann gewesen sein. 

Danke an Regina Keil-Sagawe und Boualem Sansal für die Erlaubnis, das vollständige Interview auf der Friedenspreiswebseite zu veröffentlichen. Eine gekürzte Version ist in der heutigen Ausgabe der Zeitung „Der Tagesspiegel“ erschienen.