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Claudio Magris wird 75 und wehrt sich gegen Facebook

Der Friedenspreisträger von 2009 will "digital unsichtbar" bleiben und weiß die italienische Verfassung hinter sich


Claudio Magris
© Ulf Andersen

Vor ein paar Wochen hat ein allzu begeisterter Leser für Claudio Magris ohne dessen Wissen eine Facebook-Seite eingerichtet. Bei Magris‘ Bemühungen, diesen Account wieder löschen zu lassen, um „digital unsichtbar“ zu bleiben, beruft sich der Friedenspreisträger von 2009 auf sein in der italienischen Verfassung verbürgtes Recht, „keiner Vereinigung angehören“ zu müssen – ein Gesetz, das nach der Zeit des Faschismus eingeführt wurde, um die Bürger vor einer allesbeherrschenden Partei zu schützen. 

Für Magris, der mit leisem Ton vehement für die Freiheit des Einzelnen einsteht, ist die Vorstellung, seiner Selbstbestimmtheit beraubt zu sein, unerträglich: „Ich beanspruche das Recht auf meine digitale Behinderung. Dieses Problem gehört zu mir und meiner Arbeit und ich möchte nicht auf einen großzügigen Helfer angewiesen sein, der, wie jener Pfadfinder aus dem bekannten Witz, einer alten Dame über die Straße hilft, obwohl sie sie überhaupt nicht überqueren will.“   

Diese Haltung ist typisch für Magris, dem überzeugten Europäer, der seit seinem Buch über die Donau aus dem Jahr 1985 Grenzen und ihre Folgen in Frage stellt und nicht nur für einen offenen europäischen Kontinent plädiert, sondern auch für eine offene Gesellschaft. Aber dennoch gehe es darum, so Magris in seiner Friedenspreisrede, zwar „offen für den größtmöglichen Dialog mit anderen Wertsystemen zu werden, dabei jedoch Grenzen um ein winziges, aber präzises und nicht mehr verhandelbares Quantum an Werten zu ziehen, an für immer erworbenen und als absolut anzusehenden Werten, die nicht mehr zur Diskussion gestellt werden.“

Ob Facebook es akzeptieren wird, Magris‘ selbstgewollte „digitale Behinderung“ als eins jener unverhandelbaren Werte anzusehen? Ende Juni kann der gebürtige Triester auf dem ersten Forum der Weltliteratur in Tübingen darüber berichten. Zuvor feiert Claudio Magris am 10. April seinen 75. Geburtstag, und sich dagegen zu wehren, wird schwer. Tanti auguri di buon compleanno!