Alle Meldungen anzeigen

Aktuelle Meldungen

Seine wichtigste Rolle. Zum Tode von Maximilian Schell

"Ich darf wohl sagen, in gewisser Weise war sie das Signal für die unblutige Revolution in Osteuropa." / Als Maximilian Schell für seinen Freund Václav Havel 1989 die Friedenspreisrede hielt


Weizsäcker und Schell
Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Gespräch mit Maximilian Schell, der 1989 für Václav Havel die Friedenspreisrede verlas.
© Werner Gabriel

Filme wie „Der 20. Juli“ oder „Das Urteil von Nürnberg“, für den Maximilian Schell als erster deutschsprachiger Schauspieler nach dem Zweiten Weltkrieg den Oscar erhalten hat, werden gerne als Beleg für das politische Gewissen des am 8. Dezember 1930 geborenen Wieners genannt. Doch sind es nicht allein die von ihm gespielten Charaktere, mit denen Schells Ansichten zu Frieden und Freiheit verdeutlicht werden können. Die vielleicht wichtigste, aber sicher denkwürdigste Rolle hierfür hat Schell, dessen Familie 1938 nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich in die Schweiz umsiedelte, 1989 bei der Friedenspreisverleihung übernommen.

Die Aufmerksamkeit im Juni 1989 war riesig, als der Börsenverein bekannt gab, den tschechoslowakischen Bürgerrechtler Václav Havel mit dem Friedenspreis auszuzeichnen. Der Stiftungsrat setzte mit diesem human Zeichen während der immer stärker werdenden öffentlichen Proteste in den osteuropäischen Ländern auch eine vielbeachtete Note der Solidarität. Schnell jedoch folgten erste Anzeichen, dass es mit einer Ausreise Havels zur Entgegennahme des Friedenspreises am 15. Oktober in der Frankfurter Paulskirche äußerst problematisch werden würde. Havel wurde im Sommer 1989 mehrmals ermahnt und verhaftet. Der außenpolitische Druck auf die Tschechoslowakei führte zwar immer wieder zu seiner Freilassung, doch die damaligen Behörden in Prag stellten Havel vor eine Entscheidung: „Sie dürfen gerne nach Frankfurt fahren unter der Voraussetzung, dass Sie nicht zurückkommen.“ Zudem dürfe er auf jeden Fall nicht gemeinsam mit seiner Frau ausreisen.

Anfang September konfrontierte Václav Havel seinen Freund Richard von Weizsäcker in einem Brief mit seiner Entscheidung, in Prag zu bleiben. Der damalige Bundespräsident teilte dies dem Börsenverein mit und sagte zugleich seine Teilnahme an der Friedenspreisverleihung zu. In der weiteren Korrespondenz mit dem Börsenvereins-Vorsteher Günter Christiansen schlug Havel vor, dass an seiner Stelle sein Freund Maximilian Schell die Friedenspreisrede in der Paulskirche verlesen könnte. Schell, der sich zu der Zeit in Moskau aufhielt, wo er die Regie eines Theaterstücks übernommen hatte, sagte sofort zu. Der Börsenverein gab dies am 28. September bekannt, zwei Tage, bevor Außenminister Genscher nach Verhandlungen mit Eduard Schewardnadse nach Prag reiste, um abends in der Deutschen Botschaft vor den rund 4000 Flüchtlingen aus der DDR zu verkünden, dass sie in die BRD ausreisen dürften. Genscher setzte sich in den Gesprächen auch für eine freie Ein- und Ausreise von Václav Havel ein, doch es war abzusehen, dass die Regierung in Prag dies nicht zulassen würde, zu groß schien ihr wohl die Gefahr, gänzlich die Kontrolle über die politischen Entwicklungen zu verlieren.

Nachdem Helmut Kohl am Rande seiner Eröffnungsrede für die Frankfurter Buchmesse verkündet hatte, auch in die Paulskirche zu kommen, waren somit zum ersten Mal Bundeskanzler und Bundespräsident, umgeben von weiteren hochrangigen Politikern, zusammen bei einer Friedenspreisverleihung – ein Zeichen von Solidarität, dass weltweit Aufmerksamkeit fand. Als Maximilian Schell im Anschluss an die Laudatio von André Glucksmann ans Rednerpult trat, stellte er, bevor er Havels Rede verlas, eine persönliche Bemerkung voran: „Es war der Wunsch von Václav Havel an mich, seine Rede zu verlesen, und ich danke ihm dafür. Ich grüße ihn herzlich durch diese merkwürdige Einrichtung, die wir Fernsehen nennen. Ich glaube, wir alle glauben: vielleicht schaut er uns zu. Es ist eine kleine Ironie, daß ich dafür aus dem Osten gekommen bin, nämlich aus Moskau, und daß ich morgen wieder dorthin zurückfahre. Nur: Ich kann es tun, weil ich einen anderen Paß besitze.“

Am 24. November forderten Václav Havel und Alexander Dubèek auf dem Prager Wenzelsplatz den Rücktritt der gesamten Parteiführung. Die Samtene Revolution war erfolgreich, Havel wurde am 29. Dezember 1989 zum neuen Präsidenten gewählt.

„Ich habe mich gefreut, dass ich diese Rede halten durfte, weil ich gerade damals in Moskau ‚Glaube, Liebe, Hoffnung‘ von Horvath – der erste Horvath, der in Moskau gespielt worden ist – inszeniert habe“, hat Maximilian Schell der Wiener Zeitung (25./26.01.2002) erzählt. „Diese Rede hatte eine unglaubliche Wirkung. Sie war einfach grandios und sie wurde im Osten immer wieder wiederholt, in der Tschechoslowakei, in Ostdeutschland, sogar in Polen. Ich darf wohl sagen, in gewisser Weise war sie das Signal für die unblutige Revolution in Osteuropa. Drei Monate später war Havel Präsident und ich konnte nach Prag reisen, sogar ohne Visum. Es ist merkwürdig, wie verstrickt Politik ist, auch wie absurd manchmal. Wie kann ein Schriftsteller, ein wunderbarer Schriftsteller wie Václav Havel, erstens seinen Beruf aufgeben, zweitens Präsident werden und wirklich auch sein Land aus diesem Schlamassel herausführen? Das Ganze war unglaublich. Dass ich da einen kleinen Beitrag leisten konnte, das hat mich eigentlich darin bestärkt, dass man wirklich manchmal ganz klar sagen sollte, was man denkt, und auch die Verantwortung dafür übernimmt. Und man hat, Gott sei Dank, als Schauspieler, Autor oder Regisseur manchmal tatsächlich die Möglichkeit, etwas zu sagen. Und das finde ich sehr schön.“

Václav Havel ist am 18. Dezember 2011 nach langer Krankheit verstorben. Sein Freund Maximilian Schell ist ihm nun, am 1. Februar 2014, nach plötzlicher und schwerer Erkrankung gefolgt.