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Weißrussischer Verlag von Swetlana Alexijewitsch muss schließen und wehrt sich

Nach der Veröffentlichung eines Ausstellungskatalogs mit Fotos eines landesweiten Wettbewerbs hat die Regierung dem Lohvinau Publishing House die Lizenz entzogen


Dreizehn Jahre nach seiner Gründung steht der Verlag von Ihar Lohvinau kurz vor dem Aus, wie die Wochenzeitschrift „DIE ZEIT“ vom 19. November 2013  berichtet. 2001 hatte der Weißrusse den Verlag, eine Buchhandlung mit Café und einen Buchclub gegründet, um der jungen Literaturszene eine unabhängige Plattform zu bieten. „Lohvinau verlegt junge und eingesessene Schriftsteller, deren literarische Arbeiten sich oftmals thematisch mit dem alltäglichen Leben in Belarus beschäftigen“, schreibt Lara Sielmann in ihrem Artikel. „Das ist per se nicht politisch“, fügt sie hinzu, „kann aber von offizieller Seite als Gesellschaftskritik wahrgenommen werden.“

Anlass für den Lizenzentzug war die Veröffentlichung eines Katalogs mit Bildern, die beim landesweiten Fotowettbewerb „Belarus Press Photo 2011“ ausgestellt wurden und unter denen auch welche zu finden waren, die das harte Durchgreifen der weißrussischen Polizei bei den Präsidentschaftswahlen 2010 dokumentiert haben. Ein Foto zeigt einen blutüberströmten Demonstranten, der von einem Polizisten festgehalten wird. Bereits im April diesen Jahres verbot ein Gericht den Verkauf dieses Buches, das Informationsministerium leitete daraufhin ein Verfahren gegen den Verlag ein, das im September „wegen grober Verstöße gegen die Lizenzvergabe“ mit dem Entzug der Lizenz endete.

Mit einem Offenen Brief an den weißrussischen Informationsminister Aleg Proleskowski hat unter anderem auch PEN-Deutschland am 28. Oktober gegen den Lizenzentzug protestiert: „Das PEN-Zentrum Deutschland und die unterzeichnenden Autoren, Lektoren und Journalisten haben mit Entsetzen Kenntnis davon erhalten, dass Ihre Regierung dem Verleger Ihar Lohvinau unter fadenscheinigen Gründen die Lizenz entzogen hat. Wir halten Ihr Vorgehen für rein politisch motiviert, um einen sehr kreativen und wichtigen Verleger zum Schweigen zu bringen. Der Lohvinau-Verlag ist eine bedeutende Stimme, die mit ihrer Arbeit für die weißrussische Literatur einen wichtigen Beitrag zur weißrussischen Kultur und ihrer internationalen Wahrnehmung leistet. Der Lohvinau-Verlag steht stellvertretend für ein buntes und vielschichtiges kulturelles Erbe der weißrussischen Geschichte, die ein immanenter Teil europäischer Tradition ist. Wir fordern Sie nachdrücklich auf, diesen ungerechtfertigten Lizenzentzug rückgängig zu machen. Wir werden den Fall intensiv weiterverfolgen und solidarisieren uns ohne jede Einschränkung mit unserem Kollegen Ihar Lohvinau.“

Im November ging Ihar Lohvinau vor Gericht, um den Lizenzentzug anzufechten, die Richter sahen den Beschluß des Ministeriums jedoch als rechtmäßig an. „Es ist ganz offensichtlich, dass die Entscheidung unfair ist, aber wir werden weiterhin versuchen, Gerechtigkeit zu bekommen. Das Ministerium für Information hat uns im Gerichtssaal keine Antworten auf unsere Fragen liefern können. Deswegen werden wir Berufung einlegen“, sagte Ihar Lohvinau nach den Anhörungen am 18. November 2013, wie die Webseite „indexoncensorship.org“  vermeldete.

Noch ist unklar, wie es weitergeht. Eines aber, so Lara Sielmnann in ihrem ZEIT-Artikel, stehe fest: „Lohvinau und sein Team arbeiten weiter an den Büchern, mit denen sie vor dem Lizenzentzug schon begonnen haben. Als eines der nächsten Bücher soll die belarussische Übersetzung von ‚Secondhand-Zeit‘ der weißrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch erscheinen, jener Autorin, die zuletzt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt und die gesellschaftlichen Missstände in ihrem Land wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gebracht hat.“