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Von Bürgermeister zu Bürgermeister

Manfred Rommel, der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister und Laudator von Friedenspreisträger Teddy Kollek, verstarb im Alter von 84 Jahren


Bei der Friedenspreisverleihung 1985
Altkanzler Helmut Schmidt und die beiden Friedenspreisträger Lew Kopelew und Marion Gräfin Dönhoff lauschen den Worten des Laudators Manfred Rommel beim Friedenspreis 1985
© Werner Gabriel/Friedenspreisarchiv

Es war eine Überraschung, die der Börsenverein im Mai 1985 verkündete: Teddy Kollek erhält den Friedenspreis und Manfred Rommel, Sohn des Generalfeldmarshalls Erwin Rommel, der im Zweiten Weltkrieg die deutschen Truppen in Nordafrika angeführt hat, soll bei der Friedenspreisverleihung im Herbst die Laudatio auf den Jerusalemer Bürgermeister halten. Deutsche Zeitungen berichteten von der Entscheidung, dass der Stuttgarter Oberbürgermeister die Laudatio hält, recht nüchtern, wahrscheinlich konnten sie diese Entscheidung nicht recht einordnen. Ausländischen Zeitungen, wie der „New York Times“ und der „La Tribune de Genève“ war diese Nachricht hingegen eine Überschrift wert: „Prix allemand au maire du Jérusalem. Remis par le fils Rommel.“

Der damalige Vorsteher Günter Christiansen war es, der im März 1985 während der Jerusalemer Buchmesse die Nachricht an Teddy Kollek überbrachte, dass er den Friedenspreis erhalten solle. Und dieser antwortete spontan auf die Frage nach dem Laudator, dass er sich Manfred Rommel wünsche, der, obwohl sich die beiden nur wenig kannten, diesem Wunsch sofort entgegen kam.

In der Paulskirche nahm Manfred Rommel, der nach dem Freitod seines Vaters desertiert war und anschließend unter General  Jean de Lattre de Tassigny in der französischen Armee gegen die Wehrmacht gekämpft hatte, nicht die Rolle des Sohnes ein, um die Lobrede auf seinen israelischen Amtskollegen zu halten. Er sprach als Kommunalpolitiker, der einem anderen Kommunalpolitiker diese Ehre erweist, im Bewusstsein, dass dessen politischer Einfluss für den Frieden im Nahen Osten weit über die Grenzen der Stadt Jerusalem – ja sogar des Landes Israel – hinaus ging. Ein einziger Abschnitt in seiner Laudatio ließ sich so verstehen, dass Rommel sich seiner besonderen Rolle durchaus bewusst gewesen ist: „Es entspricht einer in Deutschland weitverbreiteten Praxis, daß ein Redner sich dafür, daß er redet, entschuldigt. Ich will mich auch an diese Praxis halten und daraufhin weisen, daß mich der Preisträger als Laudator ausgewählt hat.“

Teddy Kollek in seiner typisch pragmatischen Art erklärte indessen dem Publikum in seiner Dankesrede den Grund für seine Entscheidung: „Aber lassen Sie mich erklären, warum ich Sie als Laudator vorgeschlagen habe. Sie brachten mir nach Jerusalem als Geschenk Photographien, die Ihr Onkel im Jahre 1917 von einem Flugzeug aus von Jerusalem aufgenommen hat. Er war dort mit einer deutschen Jagdstaffel, um den Türken im Ersten Weltkrieg zu helfen. Das sind, glaube ich, die ersten Luftaufnahmen von Jerusalem. Sie haben jetzt einen wichtigen Platz in unserem Stadtarchiv. Ich erinnerte mich an diese kleine Episode, und das hat mich natürlich auch an 1942 erinnert, als wir uns vor El Alamein gegen die große Gefahr der deutschen Armee unter Generalfeldmarschall Rommel in unserem Teil der Welt vorbereitet haben. Das Schicksal der jüdischen Bevölkerung Palästinas schien tödlich gefährdet. Wer konnte sich damals vorstellen, daß der Sohn des Generalfeldmarschalls und ich uns vierzig Jahre später in dem friedlichen Beruf der Bürgermeister treffen werden. Ist das nicht ein Symbol für den Prozeß des Friedens, der hier unser Thema ist?“

Aus dieser Begegnung in der Paulskirche entstand eine lange Freundschaft. Manfred Rommel spendete sein Honorar, das er für die Laudatio erhalten hat, für die Initiative Kolleks, eine arabische Bibliothek in Jerusalem zu gründen und lud seinen Kollegen, der auch als „Mister Jerusalem“ in der Welt bekannt war, zehn Jahre später nach Stuttgart ein, um dort sein Buch „Ich und mein Jerusalem“ zu präsentieren.

Ein Jahr später, 1996, endete nach 23 Jahren seine Amtszeit als Oberbürgermister Stuttgarts, die fast so lange andauerte wie die von Teddy Kollek (1965-1993). Im gleichen Jahr stellte man bei Rommel die Parkinson-Krankheit fest. Er konzentrierte sich fortan auf das Schreiben, verfasste zahlreiche Bücher und war regelmäßiger Kolumnist in den Zeitungen. Zu späteren Friedenspreisverleihungen ist Manfred Rommel nicht mehr gekommen. Seine letzte Nachricht erhielten wir 2011, als er auf die Rückantwortkarte seiner Einladung schrieb: „No more mobile because of parkinson.“

Am 7. November 2013 verstarb Manfred Rommel in Stuttgart. Eine ausführliche Würdigung seiner Laudatio bei der Friedenspreisverleihung 1985 erscheint in den kommenden „Mitteilungen zum Friedenspreis“, die man über m.schult@boev.de kostenlos abonnieren kann.

Martin Schult/8.11.2013