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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2013 an Swetlana Alexijewitsch

Die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch ist am Sonntag, 13. Oktober 2013, mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Verleihung fand vor rund 1.000 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt, unter ihnen Bundestagspräsident Norbert Lammert. Die Laudatio hielt der deutsche Historiker Karl Schlögel.


Swetlana Alexijewitsch
© Margarita Kabakova

„In meinen Büchern erzählt der ,kleine Mensch‘ von sich. Das Sandkorn der Geschichte“, sagte Swetlana Alexijewitsch in ihrer Dankesrede. „Ich gehe zu denen, die keine Stimme haben. Ich höre ihnen zu, höre sie an, belausche sie. Die Straße ist für mich ein Chor, eine Sinfonie. Es ist unendlich schade, wie vieles ins Nichts gesagt, geflüstert, geschrien wird. Nur einen kurzen Augenblick lang existiert. Im Menschen und im menschlichen Leben gibt es vieles, worüber die Kunst nicht nur noch nie gesprochen hat, sondern wovon sie auch nichts ahnt. Das alles blitzt nur kurz auf und verschwindet, und heute verschwindet es besonders schnell.“ Svetlana Alexijewitsch ist ein Mensch des Ohres, wie sie selbst von sich sagt. Auch in ihrer Rede in der Paulskirche ließ sie die Menschen sprechen und zeichnete damit eine russisch-sowjetische Chronik. Sie konstatierte: „Der Kommunismus hatte einen aberwitzigen Plan – den alten Menschen, den alten Adam, umzumodeln. Und das ist gelungen. Es ist vielleicht das Einzige, was gelungen ist. In etwas über siebzig Jahren ist ein neuer Menschentyp entstanden: der Homo sovieticus. Die einen betrachten ihn als tragische Gestalt, die anderen nennen ihn „Sowok“. Wer aber ist er? Ich glaube, ich kenne diesen Menschen, er ist mir vertraut, ich habe viele Jahre Seite an Seite mit ihm gelebt. Er ist ich. Das sind meine Bekannten, meine Freunde, meine Eltern. Mein Vater, er ist vor kurzem gestorben, ist bis ans Ende seines Lebens Kommunist geblieben.“

„Swetlana Alexijewitsch lässt uns nicht im Unklaren darüber, dass der Wandel in einem Land, das erschöpft und traumatisiert ist von so viel geschichtlichem Unglück, nicht von heute auf morgen kommt. Aber er wird kommen, wenn es gelingt, die ewige Wiederkehr der Gewalt zu durchbrechen, wenn es gelingt, das Gespräch immer wieder in Gang zu setzen und in Gang zu halten, im Rhythmus der Swetlana Alexijewitsch: zuhörend, innehaltend, ohne Illusionen über das, wozu Menschen im Guten wie im Bösen fähig sind, mit jener Nachsicht, die Menschen eigen ist, die in finsteren Zeiten groß geworden sind. Diese Arbeit, die nun schon ein ganzes Leben umfasst, ist eines Friedenspreises, des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, wahrhaft würdig“, sagt Karl Schlögel in seiner Laudatio. Ihre ganze Anstrengung scheine dahin zu gehen, jenen zum Wort zu verhelfen, jenen ihre Stimme zu leihen, die bisher keine Chance hatten, gehört zu werden, sei es weil sie sich schämen, sei es weil sie sich fürchteten, sei es weil sie das Sprechen und Klagen überhaupt verlernt haben. „Als Schriftstellerin hat sie gegen die autoritären Regime im postsowjetischen Raum, nicht nur in Belarus, nichts aufzubieten als ihr Wort – beharrlich, furchtlos, ergreifend. Dieses Wort ist stark, darin ist von einer Wirklichkeit die Rede, die stärker ist als die manipulierte Wahrheit der von der Macht kontrollierten Medien. Darin kommen Erfahrungen zu Wort, gegen die auch Verbot und Zensur, Geheimdienste und Schauprozesse auf Dauer kaum etwas ausrichten.“

„Immer häufiger wurde (…) der Friedenspreis zum Medium derer, die gar keine Stimme haben. Denn kann es Frieden geben, wenn Menschen - und mit zunehmender Moderne ganze Menschengruppen - stumm gemacht werden und als Randphänomene politischer Prozesse aus dem Blick geraten, ja vom Rest der Welt vergessen werden? Nichts wird dann notwendiger als eine oder einer, der über die Macht des Wortes verfügt und den Mut hat, den stumm Gemachten zur Stimme zu verhelfen“, würdigte Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in seiner Begrüßung, die Arbeit der Preisträgerin. Swetlana Alexijewitsch habe ebenso selbstlos wie mutig ihre ganze schriftstellerische Kraft dazu verwandt, diejenigen lebendig und hörbar werden zu lassen, deren Stimmen stumm blieben, deren Hoffnungen keine Chance der Erfüllung fanden und die ihre Existenz als Verfügungsmasse der Mächtigen zu fristen hatten. „Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist überaus glücklich und dankbar, in diesem Jahr einer Stimme, die dies auf eine außergewöhnliche Weise vermocht hat, zusätzliche Resonanz verschaffen zu können“, so Honnefelder.